«Und im Sommer, fahre ich dann Velo»

von Anatole Fleck

 

Der boomenden Zweiradbranche fehlt es an Fachkräften. Die Firma Veloplus schuf darum letztes Jahr ein Gefäss für eine hauseigene Kurzausbildung. Nun hat diese «Academy» mit Areef Zirak einen ersten Absolventen hervorgebracht. Was er dabei lernen konnte und warum Veloplus die Idee weiterverfolgen wird, erklären Areef Zirak und der Leiter Logistik, Christoph Girschweiler, im Gespräch.

 

Herr Zirak, Sie sind der erste Absolvent der «Veloplus-Academy», haben ein Jahr im Betrieb gearbeitet und gelernt. Wie fühlt sich das an?

Areef Zirak: Ich bin sehr froh. (lächelt) Seit zehn Jahren lebe ich in der Schweiz, ich habe die F-Bewilligung. Es war schwierig, Arbeit zu finden. Jetzt bin ich seit dem 1.Dezember bei Veloplus festangestellt. Ich arbeite, bin selbstständig. Das ist mir sehr wichtig.

 

Was konnten Sie denn in Ihrer Ausbildung zum Fahrradmechaniker-Assistenten lernen?

Z.: Ich habe so viel gelernt. Am Anfang habe ich gar nicht gewusst, was ein Velo ist (beide lachen) – und jetzt konnte ich viele Erfahrungen sammeln. Ich kann Velos aufbauen, aber ich kann auch reparieren, kaputte Teile ersetzen. Zum Beispiel: Bremsbeläge ersetzen, Kabel überprüfen, die Bremsen entlüften.

 

Christoph Girschweiler: Der Standort hier in Rüti ist das Logistikcenter von Veloplus. Wir beliefern die Läden mit Zubehör und neuen Velos. Hier arbeitet er also mehrheitlich im Aufbau, in den Praktika in Filialen hat er auch Reparaturen gemacht und gelernt. Wenn Areef noch länger dabei ist, dann kann er sich aber zu einem kompletten Mechaniker weiterentwickeln.

 

Wo waren Sie denn während der «Academy» überall im Einsatz?

Z.: Für drei Monate habe ich in Wetzikon in der Filiale gearbeitet, auch in der Filiale in Oerlikon war ich. Danach bin ich nach Rüti gekommen. Hier bin ich nun schon bald ein Jahr. Es gefällt mir sehr.

 

Was fasziniert Sie an der Arbeit mit Velos am meisten? Wie sieht diese jetzt aus?

Z.: Ich mag vor allem die technische Arbeit mit den Händen. Ich hatte zuvor auch schon in solchen Berufen gearbeitet.

 

Verschiedene Praktika konnten Sie absolvieren, eine Festanstellung zu finden blieb schwierig. Wie hat sich das entwickelt seit Sie in die Schweiz gekommen sind?

Z.: Ich bin seit zehn Jahren in der Schweiz, fünf davon hatte ich kein Papier, war illegal hier. Es war schwierig, natürlich auch mit der Sprache. Später habe ich dann einen F-Ausweis bekommen, sodass ich bleiben konnte. Ich war auf dem Sozialamt, habe vieles versucht, um Arbeit zu finden: Als Automechaniker und Polymechaniker habe ich ein Praktikum gemacht, im Gleisbau und zuletzt auch auf der Baustelle – als Maurer. Als dieses Jahr zu Ende war, war ich dann ein Jahr arbeitslos. Es war schwierig.

 

Und wie kamen Sie schliesslich zu Veloplus? 

Z.: Die Gemeinde hatte Kontakt mit Karl Kupper, dem Academy-Verantwortlichen, und mir wurde gesagt, bei Veloplus bräuchten sie jemanden. Dann gab es in der Filiale in Wetzikon ein Gespräch mit Roman Kühne und Matthias Zollinger über ein einjähriges Praktikum. So bin ich dann bei Veloplus gelandet und in Wetzikon konnte ich auch mit der Arbeit beginnen. (lächelt)

 

Stichwort Academy: Herr Girschweiler, wie kam in der Firma die Idee dazu? 

G.: Das war, wenn man so sagen will, eine strategische Entscheidung des Verwaltungsrates. Mit-Gründer Martin Wunderli hatte das so eigentlich angedacht. Es ist sehr schwierig, Velomechaniker zu finden, wobei die Nachfrage sehr hoch ist. Daher haben wir uns gesagt: Um andere Zielgruppen anzusprechen, müssen wir selbst etwas tun. Karl Kupper ist derjenige, der dann die Academy aufgegleist hat. Er kannte Herrn Zirak von der Gemeinde her und hat das Ganze eingefädelt. Ursprünglich war der Plan, dass Areef in Wetzikon im Laden arbeitet – daraus ist dann die Ausbildung entstanden.

 

Warum braucht es denn diese verkürzte Ausbildung und wo sind die Unterschiede?

G.: Ein Eidgenössisches Berufsattest (EBA) als ZweiradmechanikerIn gibt es in der Schweiz nicht – sondern nur die dreijährige Lehre mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). Eine Anlehre, oder eben ein EBA ist eine niederschwelligere Berufsausbildung, die zwei Jahre dauert. Das vereinfacht Quereinsteigern oder schulisch schwächeren Personen den Zugang. Wir haben uns gesagt, wir machen eine einjährige Ausbildung mit einem Diplom.

 

Sie haben es bereits erwähnt: Es ist schwierig, VelomechanikerInnen zu finden. Warum krankt denn Ihrer Meinung nach die boomende Branche an Fachkräftemangel? 

G.: Zum einen ist es ein Beruf, der dreckige Hände macht. Na gut, hier in Rüti jetzt weniger (lächelt), weil wir mit neuen Velos arbeiten. Aber grundsätzlich schon, und hinzukommt, dass die Arbeit oft nicht so gut bezahlt ist. Heisst: Es ist zum Teil halt ein Lehrberuf, wie es viele andere gibt im handwerklichen Bereich.

 

Dann sind da die Arbeitszeiten: Oft haben die Läden samstags offen. Daher springen viele Gelernte ab, wechseln in andere Berufe – oder machen selbstständig ihren eigenen Weg in der Branche, zum Beispiel mit einem eigenen Laden. Auch bei Veloplus haben wir viele MechanikerInnen, die jetzt Teamleiter sind, im Marketing arbeiten. Sie kommen auch in diese leitenden Funktionen, weil man da immer MitarbeiterInnen braucht, die technisches Verständnis haben.

 

Zurück zur Academy: Wie geht man da vor, wenn man ein solches Ausbildungsangebot aufbaut? 

G.: Wie gesagt hat Karl Kupper diesen Lehrgang aufgebaut. Er ist eigentlich Berufsschullehrer für landwirtschaftliche Berufe – unterrichtet dort Menschen, die eine Anlehre als Bäuerinnen und Bauern machen. Das ist im Fall der Academy alles noch sehr neu und auch relativ einfach gehalten. Wichtig war, dass er (Areef Zirak) zuerst einmal lernt, was wo ist am Velo – wie diese Teile heissen. Angefangen hat er damit, Velos in der Werkstatt zu waschen. Und schon so hat er viel gelernt, eigentlich hauptsächlich praktisch.

 

Brauchtet Ihr für dies nicht ein Lehrmittel – oder wurde ohne eines gearbeitet?

G.: Doch! Karl Kupper hat intern eine Art Lehrmittel kreiert. Es arbeitet viel mit Bildern, damit es sprachlich einfach bleibt. Aber man kann darin Abläufe nachsehen, sich orientieren. Zudem haben wir im November mit Herrn Kupper und Matthias Zollinger, dem Fachleiter Werkstätten in Wetzikon, auch eine Prüfung gemacht. Oder wie wir es nennen: einen Augenschein. Da wurde Areef Zirak auch einen Tag lang getestet, ob er das kann – was das Diplom dann auch aussagt.

 

Nun hat mit Aref Zirak ein erster Absolvent sein Diplom erhalten, darf man also von einer Erfolgsgeschichte sprechen?

G.: Das Projekt läuft gut, wir sind daran, weitere Leute einzuführen. Ich muss an dieser Stelle betonen, dass ich nicht der Projektleiter bin – sondern hier in Rüti die praktischen Arbeitsmöglichkeiten biete. Aber wir arbeiten jetzt auch mit der AOZ und ihrem Projekt «Züri rollt» zusammen – die ja auch Geflüchtete in ihren Mietstationen ausbildet. Die AOZ bietet jetzt diesen Lehrgang bei ihren MitarbeiterInnen auch an. Wir hatten von ihnen bereits Leute, die ein Praktikum gemacht haben – eine Person arbeitet jetzt auch fest in unserer Filiale in Oerlikon. Auch ich habe nächstens wieder Interessenten, die zum «Schnuppern» vorbeikommen. Ob bei allen ein Abschluss wie bei Areef möglich ist, wird sich zeigen.

 

Bei der Zusammenarbeit mit «Züri rollt»: Wie wichtig war Veloplus denn auch der soziale Aspekt?

G.: Dass wir das anbieten, hat sicherlich einen sozialen Aspekt. Für mich ist es wichtig, dass wir als Geschäft soziale Verantwortung übernehmen und uns – im bei uns möglichen Rahmen – auch engagieren. Wir achten darauf, den MitarbeiterInnen bei ihrer Weiterentwicklung zu helfen.

 

Sie haben einen Rahmen erwähnt. Ergeben sich auch Schwierigkeiten der Zusammenarbeit, was fällt aus dem Rahmen?

G.: Es gibt sozialtechnisch natürlich Grenzen. Wir sind keine geschützte Werkstatt, wie es die AOZ ist – wo Arbeitsagogen vor Ort sind. Also braucht es viel Eigeninitiative: Ich habe Areef zum Beispiel bei administrativen Dingen geholfen, ihn auch privat kennengelernt. Aber bei Konflikten kann es schnell eine grosse Belastung für das Team werden. Und: Für uns muss es auch finanziell am Ende aufgehen.

 

Was für Konflikte ergeben sich denn?

G.: Es sind allermeist disziplinarische Dinge, das Einhalten der Arbeitszeiten zum Beispiel. Mit einem Arbeitsalltag umzugehen und selbstständig zu arbeiten muss man lernen. Es gab auch einige Fälle, bei denen es leider nicht funktioniert hat.

 

Herr Zirak, was waren für Sie vielleicht Schwierigkeiten in der Ausbildungszeit?

Z.: Anfangs war es schwierig: Ich wusste nicht, was die Kassette ist oder der Lenker, oder ein Bremshebel, eine Bremsscheibe. Und eben vor allem auch nicht, wie diese Teile heissen. Wenn die anderen Mechaniker mich etwas fragten, hatte ich so viel im Kopf und dann ging es manchmal nicht so schnell. Aber jetzt ist es besser, ich habe viel gelernt.

 

Gibt es aus dieser lehrreichen Zeit eine spezielle Erinnerung, die Ihnen geblieben ist?

Z.: Nein.

 

G.: (lacht) Einen Arbeitsunfall hattest du mal.

 

Z.: Stimmt. Mein Finger kam in die Bremsscheibe und wegen dem Schnitt konnte ich einen Monat nicht arbeiten – aber ich hatte Glück. (lächelt)

 

Was kann Veloplus als Firma denn für einen Lernenden wie Herrn Zirak bieten, was ein anderer Betrieb vielleicht nicht kann?

G.: Wir sind zwar der grösste Velo-Fachhändler der Schweiz, haben neun Läden und 150 Mitarbeiter. Trotzdem ist es sehr familiär, man ist per du – die Hierarchien sind relativ flach. Und eben hier zum Beispiel haben wir die Möglichkeit, dass jemand in der Montage eingesetzt werden kann. Ein normaler Veloladen hat nicht die Möglichkeit geschützte Plätze anzubieten, wie wir sie haben. Und ich glaube, wir haben fortschrittliche Arbeitsbedingungen, auch in Bezug auf die Branche.

 

Areef Ziraks Arbeit hat euch dann überzeugt, er arbeitet nun festangestellt hier. Waren anfänglich die Hürden hoch?

G.: Nein. Also die Behörden und Organisationen sind froh, wenn Menschen arbeiten können. Das war sehr unkompliziert. Ich denke aber, so ein Zwischenschritt wie es jetzt beim AOZ mit «Züri rollt» läuft, ist für viele wichtig und richtig. Bei Areef Zirak brauchte es diesen nicht, er ist schon zehn Jahre in der Schweiz und hat sehr gut mitgearbeitet.

 

Herr Zirak, was kommt als Nächstes: Können Sie sich vorstellen eine Lehre als Zweiradmechaniker zu machen?

Z.: Im Moment nicht, ich habe jetzt ‹normale› Arbeit – das ist das wichtigste. Aber vielleicht in der Zukunft einmal, Erfahrung kann ich hier ja sammeln – einen Deutschkurs besuche ich auch. Das würde mir für eine Lehre helfen. 

 

G.: Das war schon auch ein Thema, aber eine Lehre bringt auch eine finanzielle Durststrecke von drei Jahren mit sich. Abgesehen davon wäre es nächsten Sommer wohl noch zu früh, gerade wegen der schriftlichen Deutschkenntnisse. Aber möglich ist alles.

 

Haben sie sich auch ein wenig in das Velo verliebt? Fahren sie selbst?

Z.: Nicht so viel, aber manchmal ja. (lächelt verlegen)

 

G.: (aufmunternd) Sag doch, was du jetzt gemacht hast.

 

Z.: Ich habe mein erstes Fahrrad gekauft und im Sommer fahre ich dann Velo.

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