Um den Verstand spielen

Eldar Grigorians Drehbuch für Philipp Stölzls «Schachnovelle» nach Stefan Zweig ist überaus raffiniert darin, das Publikum mitzunehmen auf die Reise in die Abkehr von der Realität.

 

Einzelhaft. Niemand spricht ein Wort. Josef Bartok (Oliver Masucci) wird im Hotel Métropole isoliert. Eine Folter, die ohne körperliche Züchtigung auskommt, weil sie den Geist meint. Eine Suppe, eine Zigarette täglich. Kein Stift, kein Blatt Papier, kein Buch, keine Musik, kein Menschenkontakt. Die Zeit verliert sich, der Geist verirrt sich. Ein klitzekleiner Augenblick der Unaufmerksamkeit der versammelten Nazischergen und der Wiener Notar schafft es, sich aus dem Stapel der zu vernichtenden Bücher eins zu greifen. Darin: Berühmte Schachpartien. Er, der zuvor seinem juvenil-strammen Gestapo-Offizier Böhm (Albrecht Schuch) verächtlich entgegengeschmettert hatte, Schach wäre einzig für gelangweilte preussische Soldaten ausreichend herausfordernd, stürzt sich auf die Buchstaben, die Beschäftigung, den intellektuellen Stimulus. Bartok wird das Schachspiel soweit perfektionieren, dass er die Partien im Kopf allein durchgehen und variieren kann. Sein Kopf ist auch der Ort, den Böhm knacken will. Bartok soll den Nazis die Codes für die Nummernkonten wohlhabender Wiener Juden verraten. Schach ist in Bartoks Fall gleichsam die komplexe Zahlenkombination für eine Tresortür, wohinter sich diese Information mit den Mitteln der Autosuggestion verschlossen behalten lassen wie auch die einzige Möglichkeit, seinen Intellekt scharf zu behalten. Er merkt nicht, dass die dritte Möglichkeit, sich in den Gedankenkonstrukten regelrecht zu verlieren, als die lachende Dritte herausstellen wird. Sie entwickelt eine Suggestivkraft, die Bartok mit seiner Gattin Anna (Birgit Minichmayr) auf grosse Fahrt ins rettende Exil einen Hochseedampfer besteigen lässt, wo sie endlich wieder menschenwürdig dinieren, gepflogen Walzer tanzen und sich gegenseitig eine Heimat sein können. Doch ausser ihm weiss niemand etwas davon. Hat niemand Anna je gesehen. Und in seiner Kajüte steht auch nur eine Pritsche. Ob das Schachturnier, das der Industrielle McConnor (Rolf Lassgård) aus lauter Gelangweiltheit heraus gegen den Analphabeten Czentovic (wieder: Albrecht Schuch) veranstalten lässt, eine ebensolche Sinnestrübung ist, die Bartoks Synapsen Bartoks Wahrnehmung vorgaukeln? Oder ist es sogar die ganze Überfahrt? Diese «Schachnovelle» ist vor allem auch durch das Schauspiel von Oliver Masucci ein eindringliches Spiel um den Verlust des Verstandes, dem sehnsüchtig nachzugeben als das Glück erscheint.

 

«Schachnovelle» spielt in den Kinos Abaton, Movie, Kosmos.

 

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