Uetikon und seine Chemie. Eine Beziehungsgeschichte.

Seit 2018 hat die Chemische Fabrik Uetikon (CFU) ausgedient, eine Ära der Schweizer Industriegeschichte ist zu Ende gegangen. Die Historikerin Beatrice Schumacher erzählt detailreich – basierend auf einer Fülle von Dokumenten und Gesprächen – vom Anfang bis zum Ende die Geschichte eines schweizerischen Industriedorfes als eine «Beziehungsgeschichte» zwischen Zivilgesellschaft, Unternehmerfamilie, kommunalen und kantonalen Behörden.

 

Hannes Lindenmeyer

 

Wichtige Elemente dieser «Beziehungskiste» sind: Der See, die wirtschaftliche und technologische Entwicklung, der gesellschaftliche Wandel, die Kommunalpolitik und schliesslich der rettende Kanton.

 

Uetikon am See liegt am Rande des Zürcher Oberlands, im europäischen Vergleich eine der frühesten Pionierregionen der Indus­trialisierung. Wie dort versucht auch hier ein umtriebiger Gewerbler aus einer Schiffsleute-Dynastie auf dem familieneigenen Areal direkt am See eine Baumwollspinnerei aufzubauen. Im Unterschied zur Konkurrenz im nahegelegenen Rüti, im Neuthal, in Uster fehlen hier aber die «Millionenbäche» – wie der Volksmund die Wasserkraft der steilen Oberländerbäche nannte. Heinrich Schnorfs Spinnerei in Uetikon scheitert. Zusammen mit seinem Bruder Rudolf richtet er stattdessen 1818 auf dem Gelände am See ein Laboratorium zur Herstellung von Schwefelsäure ein, ein Produkt, das in der Textil- und Seifenindustrie nachgefragt wird.

 

Die Gebrüder Schnorf sind erfolgreich, ihre Firma wächst in wenigen Jahren zu einem Gewerbebetrieb mit 50 Arbeitern. Der Bau der rechtsufrigen Seestrasse 1851 bietet die Gelegenheit, das Betriebsareal grosszügig mit Seeaufschüttungen zu erweitern. Der Gewerbebetrieb mutiert zur Industrieanlage mit riesigen Hallen, langgestreckten Lagerhäusern, mehreren Hochkaminen. Die Schnorfs werden zu den grössten Säureproduzenten der Schweiz. Der direkte Seeanstoss bietet ideale Transportbedingungen, ab 1875 mit einem «Trajekschiff», das Bahnwagen vom betriebseigenen Hafen nach Wollishofen zum dortigen Bahnhof überführt. Die CFU profitiert gleich dreimal von der Lage am See: von den Aufschüttungen, vom Transportweg und von der einfachen Abfallentsorgung.

 

Umfassender Einfluss

Schumacher zeigt anhand von Steuerdaten den Aufstieg der Gründerfamilie vom Mittelstand zur mit Abstand reichsten Dorfkönigs-Familie. Dank ihrem Machtzuwachs lassen sich Widerstände gegen die stinkende Fabrik aushebeln. Familie Wäckerling auf dem letzten nachbarlichen Grundstück am See versucht mit einer gemeinnützigen Stiftung für ein Pflegeheim den Ausbau der CFU zu verhindern. Mit einer Grossspende gelingt es den Schnorfs, in dieser Stiftung Einsitz zu nehmen, für die geplante Pflegeanstalt einen neuen Standort zu bestimmen und so das Wäckerlingareal für die nächste Ausbauphase der CFU zu übernehmen. 

 

Es geht den Fabrikanten als mit Abstand grösstem Arbeitgeber im Dorf aber keineswegs nur um den Ausbau ihrer Fabrik, in allen Bereichen der Uetiker Zivilgesellschaft nehmen sie bestimmenden Einfluss wahr. Bis 1982 präsidieren Familienmitglieder oder leitende Angestellte der CFU die Schulpflege und entscheiden so, wer hier Lehrer wird. Gemäss ihrem pietistischen Hintergrund heisst das: In Uetikon unterrichtet nur, wer der «Freischulbewegung» nahesteht, ausgebildet am Evangelischen Lehrerseminar Unterstrass und einer frommen, reformerischen Pädagogik verpflichtet. Die Unternehmersgattinnen engagieren sich im Vorstand des Krankenpflegevereins, in dem von der CFU finanzierten Kindergarten, in der Leitung des werkeigenen «Wohlfahrtshauses» mit Saal, in dem auch die Gemeindeversammlungen abgehalten werden. Wer möchte da noch den Hausherren widersprechen?

 

Gewerkschaften ausgetrickst

1948 gründet die Gewerkschaft GTCP eine Sektion Uetikon, sie versucht, der Allmacht der Besitzerfamilie entgegenzuhalten. Die Schnorfs kontern geschickt: Sie kommen erwartbaren Forderungen zum voraus nach, mittels Reglementen bevorzugen sie den betriebsinternen «Hausverband», der ihnen aus der Hand frisst. In den 1970er-Jahren wird die Gewerkschaftssektion mangels Erfolg aufgelöst. Auch an einer anderen Front brechen die Schnorfs jahrelang erfolgreich den Widerstand: Seit den 1930er-Jahren klagen Rebbauern über Schäden durch giftige Abgase. Mit finanziellen Entschädigungen oder durch Kauf der betroffenen Parzellen werden sie ruhiggestellt. Als in den 1960er-Jahren der Kanton strengere Umweltvorschriften erlässt, klagt der Verwaltungsrat über «ein Kesseltreiben gegen die Industrie». Diese Meinung wird auch von altgedienten Fabrikarbeitern geteilt: «Solange die Chemische stinkt und raucht, haben wir Arbeit» wird einer zitiert. 

 

1973 reichen 350 Personen eine Petition an den Gemeinderat ein gegen die Luftverschmutzung der CFU. Die Gemeinderäte vermuten, es handle sich dabei nur um das «modische Schlagwort Umweltschutz», ihre Antwort an die vielen jungen Petitionäre: «Es wäre bereits eine Erleichterung, wenn die Fusswege vom sinnlosen Herumfahren mit Töffli verschont blieben.»

 

Gebrochene Macht

1984 verlässt der letzte Schnorf-Nachkomme die operative Leitung. Die Familie zieht sich in den Verwaltungsrat zurück, Manager übernehmen und trennen 1990 die Immobilien am See, das Filetstück der betrieblich völlig veralteten CFU, vom Fabrikationsbetrieb. Ab diesem Jahr, der Eröffnung der Zürcher S-Bahn, startet der Bauboom der Zürcher Goldküste. Die Lage am See ist vielversprechend, ein privater Gestaltungsplan soll anstelle der maroden Fabrik eine grosszügige Wohnanlage ermöglichen, ein betonierter Seeuferweg das Ufer so versiegeln, dass es keine Altlastensanierung braucht. Der Streit über diesen Gestaltungsplan spaltet das Dorf: Alteingesessene gegen Neuzugezogene. In einer hitzigen, gut besuchten Gemeindeversammlung zeigt sich: 2007 ist die Macht der Dorfkönige gebrochen, ihr Gestaltungsplan wird abgelehnt. 

 

2016 schlichtet der Kanton den Dorfstreit: Er kauft das Areal der CFU für 52 Millionen Franken zum Bau einer Mittelschule, die Hälfte wird weiterverkauft an die Gemeinde zur Realisierung von Freiflächen, Wohnungen, kulturellen und gewerblichen Nutzungen. Die Altlastensanierung geht zulasten der Verkäufer. Regierungsrat Kägi und der Urgrossenkel der Gründer unterzeichnen den Vertrag. 

 

Beatrice Schumacher: Uetikon und seine Chemie. Eine Beziehungsgeschichte. Verlag Hier und Jetzt 2022, 232 Seiten, reich bebildert, 38.90 Franken.

 

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