(Bild: Michael Kessler)

True Crime mit Meise

Ach, die Idylle … wär ja kaum auszuhalten. So allein unter Einheimischen in traditionell gedüngter Landluft. Aber die abstrakte Sehnsucht danach reklamiert ihren Platz hartnäckig.

Ralf Schlatter und Anna-Katharina Rickert kommen zum Schluss: «Wir müssen reden.» Allerdings erst, als die vierte Wand unter der Last des realen Irrsinns eingestürzt ist. Frei nach der Chaostheorie lassen sie in ihrem siebten Bühnenprogramm «Unter freiem Himmel» einen umfallenden Baum nicht erst am anderen Ende der Welt eine merkliche Veränderung verursachen, sondern gleich hier direkt in Grosshöchstetten selbst. Wie es die Tradition will, steht alle fünfzig Jahre das gleiche schaurige Schauspiel auf der Agenda. Der erfolgreiche Kampf der Landbevölkerung gegen die Unterjochung des Vogts wird immer mit einer einmaligen Freiluftaufführung geehrt, an deren Ende die Blutbuche gefällt und sogleich eine neue an derselben Stelle wieder gepflanzt wird. Im aktuell zu fällen geplanten Baum leben seit Generationen Herr und Frau Meise, deren Beobachtungsgabe für die Absonderlichkeiten der Geschehnisse zu ihren Füssen unterdessen ein dermassen ausgereiftes Verständnis für einen sogenannten Menschenverstand entwickelt hat, dass ihre Kommentare längst «Statler and Waldorf»-Qualitäten erreicht haben. Ein klein wenig weniger zynisch und gehässig vielleicht, aber genauso ungeheuer trefflich. Also recht eigentlich unangenehm anstrengend. Zum Glück versteht sie keiner. Weshalb sich die Menschen zu ihren Füssen weiterhin nach althergebrachter Fasson an ihren ewiggleichen Mühen abarbeiten und sich dabei wohl und im Recht vorkommen können. Also fast. Denn Georg Schön liess sich vom Verwelken seiner veganen Metzgerei nicht darin bremsen, in der Veränderung zum Besseren ganz im Allgemeinen sogleich überhaupt keinen Reiz mehr abgewinnen zu können. Deshalb besuchte er «jüngst» zahllose Workshops zur umfassenden Verbesserung der Umweltverträglichkeit eigenen Handelns als weisser Hetero-Cis-Mann. Insgeheim bis offensichtlich hoffend, damit endlich Ida Guts Gunst gewinnen zu vermögen. Aber das ist ähnlich wie der Zaubertrank und Obelix ein stabiler Running-Gag bei «schön&gut», der gar nicht aufgelöst gehört. Obwohl im Traditionsstück endlich eine Liebesszene geplant ist. Mit ihnen als Darsteller:innen. Die grösste aller bisherigen Chancen einer weiterreichenden Annäherung. Wenn nicht der Gemeindepräsident Peter Kellenberger und die lettische Gastfachkraft für sämtliche Haushaltsbelange Agneta auch noch ein Wörtchen mitzureden hätten. Also, sich einmischen. Wenn nicht Hans was Heiri in ihrer Doppelfunktion als Uniform tragende Landjäger so abwegig weitschweifige Theorien entwickeln und darüber zufällig zu einem irgendwie doch stimmigen Resultat gelangen würden. Also, Pech erfahren während ihres Pechs beim Denken. Neu mit von der Partie ist: Baum. Mit Stimme, mit Haltung, mit Bildung. Ungefähr so, wie sich die Sehnsuchtsidylle eine umfassend humanistisch gebildete Figur vorstellt. Nur halt weder Mensch noch Tier. Aber vollends fähig, eine tragende Rolle über die gesamten zwei Stunden Spieldauer glaubwürdig und authentisch auszugestalten und zuletzt auch noch die Befriedung der Gesamtszenerie zur ersehnten ländlichen Idylle aktiv zu hintertreiben. Oder fördern? Wie immer, ist bei «schön&gut» nichts so, wies auf den ersten Blick erscheint.

«Unter freiem Himmel», bis 14.12., Theater Hechtplatz, Zürich.