Triibhuus

Eine Menge Leute werden mich hassen wegen dem folgenden Text, aber die Geschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden: Es war einmal eine tolle und tolerante Stadt, die aber leider unter rot-grüner Fuchtel stand. Es herrschten Recht und Gesetz, aber, oho, lange nicht überall! Es gab da auch illegale Orte, wo sich finstere Gestalten trafen und wilde Orgien feierten. Wie zum Beispiel beim Fry auf dem Üetliberg, der aber gar nicht auf Stadtgebiet lag und daher nicht als rechtsfreier Raum, sondern als innovatives Gewerbe galt.

Auch auf einem stillgelegten Fabrikareal gab es innovatives Gewerbe. Viele Menschen lebten dort, «darunter auch Familien mit Kindern. Zusammen veranstalten sie Konzerte und Ausstellungen, zeigen Filme und betreiben ein Café», wie das die Neue Züricher Zeitung romantisch beschrieb. Aber Moment! Ein Café? Wo man richtige Getränke serviert bekommt? Aus richtigen Tassen? Ohne Mehrwertsteuer, Hygienekontrolle und Pegelstandsmessung, ob die Tassli auch richtig geeicht sind? Die braven Bürger schäumten. Sie schrien: «Rechtsfreier Raum! Behördenwillkür! Vetterliwirtschaft!» Und als sie herausfanden, dass so ziemlich alle Kinder von so ziemlich allen Stadträten auf dem Areal verkehrten, da gabs kein Halten mehr. Fleissig sammelten sie Unterschriften für eine Volksinitiative, denn sie waren gute Menschen, und in eine illegale Beiz wären sie nie, aber auch wirklich gar nie gegangen! Daher durften sie sich zünftig aufregen über das illegale Areal. Das war ihr gutes Recht.

Es erging aber in diesen Tagen eine Einladung des städtischen Gemeinderates an den hohen Landrat des löblichen Kantons Uri, man wolle sich doch am 8. September in Zürich treffen, den gemeinsamen Brückenschlag feiern und, nicht zuletzt, die Freundschaft bei einem Happen und ein paar Gläschen feiern. Im OK-Büro des Gemeinderates steckte man stundenlang die Köpfe zusammen, tüftelte am Programm und frug sich zu guter Letzt auch, wohin man denn essen gehen solle. Man hirnte und hirnte, und plötzlich schrie ein Bürgerlicher: «Ich hab’s! Wir zeigen denen, was innovatives Gewerbe ist!» Da hub ein Lärmen und Proleten an, dass die Fenster klirrten, aber am Schluss war man sich einig: Das Triibhuus sollte es sein, ein Resti am Stadtrand, romantisch in einem stillgelegten Gewächshaus gelegen – und so illegal wie öffentliches Pinkeln auf dem Bellevue. Denn das Triibhuus steht in einer Erholungszone und hätte gar nie eröffnet werden dürfen, und das wurde auch von gewerbefeindlichen Linksgrünen seit Jahren angeprangert. Aber das Baukollegium, ein stadträtliches Triumvirat in bürgerlicher Hand, hielt seine schützende ebensolche über das Triibhuus und erlaubte ihm die Beizerei – eben, weil es ja ein innovatives Gewerbe war.

Und so, meine Lieben, werden am
8. September die Honoratioren des schönen Kantons Uri, von denen manch einer immer wieder schüch nach oben blicken und sich fragen wird, ob plötzlich die Wölffli-Buebe durchs Glasdach brechen und alle verhaften, und die Grosskopfeten der Stadt Zürich einträchtig nebeneinander im Triibhuus sitzen, bechern und sich nicht von den paar Koch-Leuten beirren lassen, die staunend ums Glashaus stehen und sich inspirieren lassen, wie man das richtig macht, das illegale Beizen, so dass sogar ausgewachsene Stadträte, und nicht nur ihre Kinder, ihre Aufwartung machen.

Ich aber werde leider nicht berichten können, wie’s war, denn ich habe einen heiligen Eid geschworen, keine Geschenke über 200 Franken anzunehmen, und diese Summe wäre, bei meinem Schluckvermögen, wohl schon nach dem Apéro aufgebraucht.

 

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