Träume, Dämonen, Eruptionen

 

Zürich ist so cool – doch unter der Oberfläche rumort es, wie die aktuelle Ausstellung im Art Dock zeigt: Im Mittelpunkt steht die KünstlerInnen-Konstellation von der Südstrasse, die Paul Nizon «Zürichs Schule der kleinen Wahnwelt» nannte.

 

Die neue Ausstellung im Art Dock Zürich, die ab heute Freitag geöffnet ist, trägt den Titel «Wahnwelt-Wellen 1955 – 2015». In den letzten zwei noch erhaltenen Hallen des Zürcher Güterbahnhofs sind Werke von alten und jungen, von bereits verstorbenen und noch lebenden, von bekannten und in Vergessenheit geratenen KünstlerInnen versammelt: Martin Disler trifft auf H.R. Giger, Eva Wipf auf Mark Divo, Alex Sadkowsky auf Aleks Weber, um nur ein paar der über 60 Namen zu nennen.

 

Kunst von hier

Kunst von noch lebenden KünstlerInnen im Art Dock, das sich doch hauptsächlich die Sicherung von Nachlässen auf die Fahne geschrieben hat? Wer sich an die «67. jurierte Weihnachtsausstellung» vom letzten Dezember/Januar ebendort erinnert (vgl. P.S. vom 18. Dezember 2014), weiss, dass das kein Widerspruch ist: Der Verein Art Dock Zürich will zwar nach wie vor in erster Linie Zürcher Nachlässe sichern und vermitteln. Werkschauen zur Entfaltung des aktuellen Zürcher Kunstschaffens gehören aber ebenso zum Programm wie wechselnde Thema-Ausstellungen, und im Jahresprogramm ist gar je eine Ausstellung pro Saison angekündigt.

 

Ganz so einfach war es dann doch nicht, wie Ralph Baenziger, Vizepräsident des Vereins, am Montag anlässlich einer Vorbesichtigung der neuen Ausstellung erklärte, weshalb die ursprünglich unter der Überschrift «Caroussel de Printemps» angekündigte Schau nun zur Sommer-Ausstellung wird. Die restlichen drei fürs 2015 geplanten ‹Caroussels› oder Zyklen, eine Retrospektive zur Zürcher Bildhauerei, die «vereinigte Frauen-Power» und die grosse jurierte Winter-Ausstellung verschieben sich entsprechend nach hinten.

 

Kontrast zu Konstruktiv-Konkreten

Doch zu den «Wahnwelt-Wellen»: Was hat es damit auf sich? In den Ateliers an der Südstrasse 81/83 in 8008 Zürich fanden sich in den fünfziger Jahren KünstlerInnen zusammen, die fast alle zwischen 1925 und 1929 geboren sind. Sie waren EinzelkämpferInnen, die den eigenen Visionen folgten – und dennoch: «Die verklärende Legende stempelte sie zu Aussenseitern; bald einmal bildeten sie jedoch ihren eigenen Mainstream», wie es im Ausstellungsflyer heisst.

 

In den Jahren 1969 und 1972 erschienen im Verlag Benziger zwei Almanache, in denen das kulturelle Leben der damaligen Gegenwart «in seiner ganzen Vielfalt gespiegelt» worden sei, wie Vereinspräsident Fritz Billeter in einem Artikel auf der Art-Dock-Website festhält. Den Almanach I gab der Schriftsteller und Kunstpublizist Paul Nizon heraus – und nicht nur das: «Im Almanach I hat Paul Nizon mit seinem Aufsatz ‹Eine Zürcher Schule der kleinen Wahnwelt› eine Gegenströmung zu den Konstruktiv-Konkreten entworfen.» Diese letztere, eine kalte und experimentelle Kunst, passe zu Zürich. Die Gegenkraft der Kleinen Wahnwelt jedoch, gleichsam im Schatten der Konstruktiven, lasse in ihren Bildern eine Wirklichkeit des Phantastischen und Surrealen entstehen; sie werde von Künstlern wie Friedrich Kuhn, Alex Sadkowsky, Fred Engelbert Knecht und andern vertreten.

 

Poetisierte Welt

Taucht man ein in die neue Ausstellung im Art Dock, entdeckt man denn auch keine kohärente Welt, umgekehrt aber auch keine «Wahn»-Welt im Sinne eines schizophrenen Universums. Zu sehen sind viele verschiedene und doch miteinander verbundene Welten, (wieder) zu entdecken sind KünstlerInnen, die versuchten, ihre innere Welt darzustellen. «Der Begriff ‹Wahnwelt› beansprucht keine kunstwissenschaftliche Genauigkeit; er ist an den Rändern unscharf», hält Fritz Billeter in einem Text zur Ausstellung dazu fest. Einige Grundzüge des Wahnwelt-Schaffens liessen sich jedoch hervorheben, etwa der Traum, der Albtraum und andere Chiffren aus dem Unbewussten, dazu die Phantastik, die paradiesische Idylle sowie das «hartnäckige Leugnen der ‹Welt, wie sie ist und zu sein vorgibt›: Die ‹normale› Welt wird auf den Kopf gestellt, sie wird ‹poetisiert›, von Dämonen besetzt, bösen, drolligen, wolligen und knorrigen.»

 

Dass für die Ausstellung Werke von über 60 KünstlerInnen aus drei Generationen zusammengekommen sind, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass der Kreis der «Wahnwelter» für diese Ausstellung erweitert und bis in die Gegenwart ausgedehnt wurde: Hier Gottlieb Kurfiss (1925 – 2010), der Städte, Brücken, Strassen und Autos «klein wie Spielzeuge» gemalt habe, «um sich so ihrer Bedrohlichkeit zu erwehren», wie Baenziger es formuliert. Dort Mark Divo, geboren 1966, bekannt unter anderem als Organisator der Besetzung des Cabaret Voltaire wie auch des Dada-Festivals in der Sihlpapierfabrik, der im Art Dock einen kleinen Raum gestaltet hat. Hier H.R. Gigers «Alien», dort Eva Wipf (1929 – 1978), schon fast vergessen gegangene Künstlerin, die zu Recht prominent vertreten ist – ihre Werke sollte man sich unbedingt ansehen.

 

Ausstellung «Wahnwelt-Wellen 1955 – 2015», bis 6. September. Art Dock Zürich, Hohlstrasse 258,
8004 Zürich, geöffnet Mo-Fr 13-19 Uhr, Sa/So 10-17 Uhr. www.art-dock-zh.ch

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