- Post Scriptum
Terminator: Temu
Kennen Sie die «Terminator»-Filme? Science-Fiction-Blockbuster mit viel Action, in denen Arnold Schwarzenegger als Killermaschine aus der Zukunft die Welt rettet. Nicht so kultig wie «Star Wars», nicht so brillant wie die «Matrix»-Trilogie, aber mit einer ähnlichen Ausgangslage wie Letztere: In einer dystopischen Zukunft übernehmen die Maschinen, angeführt von einer künstlichen Intelligenz, die Macht und unterdrücken die Menschen. Im fünften Film der Serie, «Terminator: Genisys», wird erzählt, wie es die Maschinen anstellen, die Kontrolle zu übernehmen: Sie programmieren eine App, eben «Genisys», die alle Geräte verbindet und alle Lebensbereiche organisieren kann. Hinter Genisys steht aber Skynet, die böse Intelligenz, die die Maschinen anführt. In einer gigantischen Werbekampagne bringt sie die Menschen dazu, die App auf ihre Geräte herunterzuladen und Skynet so Zugang zu all ihren Daten zu geben.
Ich spiele ja gelegentlich gern Computerspiele auf meinem Mobiltelefon. Einfache Spiele, ein Quiz, eine Variante von Mahjong und solche Sachen. Allen gemeinsam ist, dass man zwischen zwei Spielen immer Werbespots anschauen muss; so finanzieren sich anscheinend die Herstellerfirmen. In den letzten Wochen nun kam ein auffällig grosser Teil der Werbung von Temu. Eigentlich ist fast jeder Spot von diesem chinesischen Versandhändler. Und in den meisten Spots geht es darum, dass ich gratis ein Tablet bekomme, wenn ich die Temu-App herunterlade. Echt jetzt? Ein Rabatt auf die erste Bestellung oder ein formschöner Kugelschreiber im Temu-Design wären noch nachvollziehbar, oder auch nicht ein, nicht zwei, nicht drei, nein sechs (!) hochwertige Steakmesser – aber ein Tablet? Was hat Temu davon, wenn ich seine App auf meinen Geräten installiere und das geschenkte Tablet verwende, um darauf Fussball zu schauen und am Samstag zum Frühstück die P.S.-Website zu lesen? Selbst wenn ich dann tatsächlich gelegentlich etwas bei Temu bestellen würde, würde das wohl kaum das Tablet refinanzieren, und die aggressive Kampagne ist ja auch nicht gratis. Was ist das für ein Geschäftsmodell?
Geht es überhaupt um das Geschäft? Oder steckt eine andere Agenda dahinter? Seit Jahren fluten chinesische Versandhäuser den europäischen Markt mit billigem Schrott. Dies schwächt unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht. Unsere ökologischen Absichtsbekundungen etwa werden ad absurdum geführt, wenn wir gleichzeitig Millionen Tonnen von designiertem Müll um die halbe Welt transportieren lassen, um ein paar Franken zu sparen. Unsere einheimische Wirtschaft wird durch die billige Konkurrenz aus dem Markt gedrängt. Viele Produkte werden hier gar nicht mehr massenhaft hergestellt; dies führt uns in eine Abhängigkeit: Was würden wir anziehen, wenn uns der asiatische Markt nicht mehr mit Kleidern beliefern würde? Gibt es bei Komponenten elektronischer Geräte noch eine Alternative zu chinesischen Herstellern? Wohin diese Abhängigkeit führen kann, zeigt uns gerade Russland auf: Trotz aller Empörungsrhetorik über die russischen Aggressionen kauft Europa immer noch russisches Öl und Gas und macht sich damit lächerlich. Geht es bei Temu und Konsorten wirklich nur um das Geschäft, oder will uns China gezielt schwächen und in vielerlei Abhängigkeiten verstricken, eventuell sogar im Hinblick auf künftige militärische Pläne? Brauchen die Chines:innen die Daten, die ihre Apps über uns sammeln, wirklich nur, um personalisierte Werbung auszuspielen? Die eigene Bevölkerung wird ja schon flächendeckend kontrolliert – mittels einer App.
Die Temu-App und die Genisys-App haben zumindest dies gemeinsam: Wir laden sie uns freiwillig herunter. Wir können uns auch anders entscheiden. Damit nicht in einer dunklen Zukunft Arnold Schwarzenegger durch die Zeit zurückreisen muss, um uns vor uns selbst zu retten.