Teilen bringts, wenns für alle stimmt

«Sharing Economy: nachhaltig oder unsozial?» Unter diesem Titel lud die Finanz- und Wirtschaftskommission der SP Kanton Zürich zu ihrem jährlichen Anlass ein. Andreas Amstutz vom Verein Sharecon und selbst Gründer eines in der Sharing Economy aktiven KMU führte in die Materie ein.

 

Urs Helfenstein*

 

Der Fraktionssaal im SP-Sekretariat war zum Bersten voll, wobei das wohl neben dem spannenden Thema auch am Apéro lag, der dem Anlass vom 22. März vorausging. Das Essen und die Getränke müssen eine stimulierende Wirkung ausgeübt haben, denn die Bereiche, die in der Diskussion angeschnitten wurden, spannten sich von totem Kapital, der Kapitalisierung privater Lebensbereiche, der Sharing Economy als Ausweg aus dem Wachstumszwang bis hin zu Genossenschaften als den wahren Heilsbringern.

 

Neue Wirtschaftsform – bereits in der ‹Midlife Crisis›?

Eine einzige Definition von Sharing Economy gibt es ebenso wenig wie eine einzige Bezeichnung. Man spricht auch von Kokonsum, gig economy oder on-demand economy. Die Wortschöpfung Sharing Economy geht auf das Jahr 2008 zurück. Drei Jahre später erkor das TIME Magazine diese Wirtschaftsform zu einer der zehn Ideen, welche die Welt verändern werden. Und gemäss Andreas Amstutz leidet sie heute bereits unter einer Midlife Crisis. Wenn dem so ist, woran liegt das?

Min Li Marti schrieb Ende Januar in ihrem P.S.-Editorial, die Sharing Economy verspreche ein neues Wirtschaftsmodell: Mehr Lebensqualität durch weniger Besitz, was wie ein ökosozialistisches Projekt töne. Doch Uber, das Flagship der Sharing Economy, sei das genaue Gegenteil davon.

Tatsächlich ist es so, dass wenn man von Sharing Economy spricht, diese von zwei Unternehmen einvernahmt wird, welche sich vor allem unter sozialen Gesichtspunkten nicht mit Ruhm bekleckert haben: Uber und Airbnb. Deshalb gibt es über das heutige Gebaren dieser beiden Unternehmen auch nicht Neues zu schreiben – wir kennen und verurteilen es. Ausser niemand schaut hin und wir übernachten in London trotzdem in einem Airbnb, zu welchem uns das Uber-Taxi vom Flughafen aus hinchauffiert.

 

Alltagsgegenstände sollen ein zweites Leben erhalten

Doch Sharing Economy – und darum ging es an diesem Anlass – ist viel mehr als zwei Unternehmen mit schlechter Presse. In der Schweiz hat es sich der gemeinnützige und politisch neutrale Branchenverein Sharecon auf die Fahnen geschrieben, den bestehenden Schweizer Shareconomy-Lösungen Visibilität zu verschaffen und damit einen Beitrag zur Verhaltensänderung zu leisten, die Shareconomy zu fördern, bekannter zu machen und ihr ein Gesicht zu geben. Selbst ein Gesicht der Sharing Economy ist Andreas Amstutz, der 2013 die Sharing Plattform Sharely gegründet hat, die gegenwärtig von 3500 Usern genutzt wird. Ziel der Plattform ist es, in Gehdistanz Alltagsgegenstände zum Mieten zu finden oder selbst anzubieten. Ein Alltagsgegenstand wie ein Bohrer wird empfohlenerweise zu drei bis fünf Prozent seines Neupreises zum Vermieten angeboten. Er erhält so ein zweites Leben, denn im Schnitt bohrt ein Bohrer in seinem Haushaltsdasein gerade einmal zwölf Minuten lang. Das ist ökologisch: Man teilt sich den Bohrer mit dem Nachbarn, statt einen eigenen zu kaufen. Es ist ökonomisch: Man spart Platz oder Geld oder verdient sogar damit. Und es ist sozial: Man (ver-)mietet lokal und lernt so neue Menschen kennen. Schliesslich ist es ganz einfach auch bequem.

Amstutz berichtete von den konkreten Problemen der Gründung, so der Schwierigkeit, eine Versicherung für die zu vermietenden Gegenstände zu finden, weil die Berechnung der Prämie bei derart verschiedenen Maschinen etc. auch für geübte Finanzmathematiker ziemlich schwierig ist. Oder davon, dass vor der Aufschaltung der Homepage zuerst der Zahlungsprozess von der Finma abgesegnet werden musste. Nun, der täglich generierte Umsatz besteht gegenwärtig aus durchschnittlich einer Transaktion im Mittelwert von 30 Franken. Das tönt nach vielen Hindernissen, wobei die grösste Herausforderung die kritische Masse an Usern darstellt. Angepeilt sind mindestens 15 000 BenützerInnen. In der Schweiz existiert eine für den Laien überraschend breite Szene von Sharing-Startups. Neben der kritischen Masse kämpfen diese wie die ganze Branche vor allem mit den folgenden Herausforderungen: Wird Arbeitszeit geshared, besteht die Gefahr einer Unterwanderung der Sozialstandards unter dem (ökologischen) Sharing-Mäntelchen. Zudem hinkt die Gesetzgebung dem Ist-Zustand immer hinterher.

 

Grenzen setzen und Möglichkeiten schaffen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass hinter den wenigen grossen Playern oft das Finanzkapital steckt. Im Kapitalismus ist immerhin noch etwas öffentlich, nämlich der Markt. Hier gilt es, mit Argusaugen darauf zu achten, dass die grossen Anbieter mit Hilfe des Kapitals am Ende nicht auch noch den Markt privatisieren. Der Markt in der Schweiz ist zwar klein, doch sind gerade hier viele Menschen – trotz hohen Löhnen – sensibilisiert und suchen lieber auf einer Sharing-Plattform nach einem passenden Angebot, auch wenn sie sich eine Neuanschaffung leisten könnten. An diesen beiden Polen wird sich die Politik in Zukunft orientieren müssen: Rechtliche Grenzen setzen, wo unter der Bezeichnung Sharing Economy tätige Unternehmen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Schaden anrichten, sowie Möglichkeiten schaffen, wo unter denselben Prämissen tätige Unternehmen die Wirtschaft in eine bessere Zukunft führen.

 

* Urs Helfenstein ist Co-Präsident der Finanz- und Wirtschaftskommission der SP Kanton Zürich.

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