Besonders eingängig waren die seit 2015 von «YeahYeahYeah!» immer wieder eingeladenen Stücke der ungarischen Compagnie «Hodworks» noch nie. Der aktuelle Anarcho-Stinkefingerzeig tendiert heftig in Richtung schwerverdaulich.

 

Ein komplettes Unverstehen droht allein, wenn die recht direkte Aussage von «Another Dance Show» als nicht denkbar eingestuft wird. Weil ungehörig, defätistisch, brutal unfrei. Das Stück zeigt die finale Erschöpfung. Von Vorschriften gegängelt, im Ausdruck beschnitten. Über Jahre, im Bewusstsein potenziell drakonischer Konsequenzen bei Nichtbefolgen. Die Choreographin Adrienn Hód könnte ihre drei TänzerInnen Jenna Jalonen, Csaba Molnár und Márcio Keber Canabarro auch einfach eineinhalb Stunden lang mit dem gegen das Publikum ausgestreckten Mittelfinger auf eine Bühne stellen, würde damit aber bereits einen Schritt weitergegangen sein und die Selbstaufgabe thematisieren. Die aktuelle Version der Verweigerung, sich als Tanzäffchen brav nach Vorschrift im Kreis zu drehen und dies mit Faxen zu dekorieren, beginnt mit einem Wettbewerb. Die Bühne ist der Catwalk und das Siegertreppchen in einem. Wer mittels brutal simpler Komik in Text und/oder Bewegung einen Lacher erntet, darf einen Schritt vortreten. Je nach Pu­blikumsresonanz kann das dauern… Zuvorderst angekommen, tja, hat sich an der Gesamtgemengelage aber überhaupt nichts verändert. Der Sieg ist hinsichtlich der begehrten Freiheit der Kunst unnütz. Das Versprechen hat sich als Illusion mit Nasenstüber herausgestellt. Also sind sie irritiert. Stehen erstmal nur rum. Hangeln sich herumalbernd zurück zur Ernsthaftigkeit ihres ureigenen Begehrens der Kunstherstellung. Symbolisch wird das Publikum eingesperrt, und Befreiung lockte einzig, wenn sich jemand traute, Janne Jalonen den Schlüssel aus dem Arsch zu klauben. Passiert nicht, schon klar. Im dritten Teil erfüllt der schon seit Beginn in der Ecke stehende Konzertflügel endlich seinen Zweck. Anton Rosputko entlockt dem Instrument fulminante klassische Partituren, zu denen das Marinskji-Ballett die weitesten Spagatsprünge, schwindelerregendsten Pirouetten und grazilsten Liebesszenen auf die Bretter zu bringen vermöchte. Aber das ist ja gerade das, was in Ungarn gerade noch als Kunst gilt und alles andere ausschliesst. Steht also trotz des sichtbar tänzerisch herausragenden Könnens der drei TänzerInnen per se nicht zur Debatte. Also quälen sie sich. Nur Márcio Kerber Canabarro kommt nicht vom Fleck. Jeder Muskel in seinem Körper ist angespannt und wäre bereit zur atemberaubenden Kür, aber es ist derselbe Körper, der sich jeder Regung verweigert. Er kann sich mit der Faust aufs Bein schlagen. Nichts. Er steckt fest. Und das, wo die Erwartung, nach einer guten Stunde Brainfuck käme endlich das Bedürfnis nach Schönheit auf seine Kosten, sehr hoch ist. Die Versuche der anderen, diese Erwartung zu bedienen, wirken in ihrer Bemühung ernsthaft. Aber auch ihre Glieder gehorchen ihnen nur zum Teil. Die ewige Verknotung ihrer Extremitäten verunmöglichts. «Another Dance Show» nähert sich der Demonstration von psychopathologischen Folgen einer jahrelangen und sich zusehends verschärfenden Einengung der Freiheit, die neben der Kunst auch das Denken meint. Das Gefühl von Ausweglosigkeit wächst zeitgleich mit der Repression und endet im Stillstand. Die Statue, die Márcio Kerber Canabarro im Moment noch widerwillig abgibt, weil sie auch die heroische Entsprechung des geltenden Kunstbegriffs darstellen könnte, ist also zugleich die totale Verweigerung, sich unterkriegen zu lassen, wie auch die Erschöpfungserscheinung des ewigen Dagegenhaltens. Der letztmögliche Ausdruck des unbedingten Willes, die Kunstfreiheit aufrechtzuerhalten, wird zum Abbild dessen, wogegen angekämpft wird. Von der Sinnlosigkeit zermürbt, erscheint auch die Freiheit wie ein Tanzäffchendasein.

 

«Another Dance Show», 7.2., Fabriktheater, Zürich.

 

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