Weiss eigentlich noch irgendjemand, warum es im Rondell auf dem Bellevue ein Café hat und seit wann? Früher war da nur ein ödes Tramhäuschen. Aber am 12. Dezember 1980 übergoss sich die junge Silvia Z. am Bellevue mit Benzin und zündete sich «aus Protest gegen das eiskalte moralisch-politische Klima und die Unterdrückung der Jugendbewegung an», um es in den Worten der Agentur Keystone zu sagen. Es war in der Tat ein Protest gehen die unsägliche Behandlung der Jugend und gegen einen skrupellosen Stadtrat, dem übrigens auch die heute allseits sehr verehrte Emilie Lieberherr angehörte.

 

Selbstverbrennung. Mitten in Zürich. Das gabs vorher und nachher nie mehr. Und wie Keystone weiter berichtet: «Silvia stirbt im Spital an ihren Verbrennungen. Jugendliche stellen beim Möwenbrunnen am Bellevue und im Rondell ein Memorial mit Kerzen, Blumen, Zeichnungen und Abschiedsworten für Silvia auf.» Genau. Und die Stadt gab sich alle Mühe, die Gedenkstätte jede Nacht zu räumen, mehrmals – und dann gab sie der VBZ subito die Erlaubnis, aus dem öden Tramhäuschen einen schicken Kommerztempel zu machen. Das ist er heute noch.

So viel zum Thema «lieu de mémoire».

 

Mir passt vieles nicht, was in den letzten Monaten zum Thema des Sich-Erinnerns geschrieben und gesagt wurde. Das meiste war verlogen und entlarvend. Der einzige Konsens ist: Diese Stadt hat, so wie das Land auch, ein gewaltiges Problem mit der Erinnerungskultur und der Aufarbeitung der Vergangenheit. Aber eins ist sicher: Mit roten Plüschsitzen und goldfarbigem Stuck in einem veralteten Theatersaal hat das rein gar nichts zu tun. Die Geschichte, auch die Erinnerung, wird immer von den SiegerInnen geschrieben, auch in Zürich. Das AJZ, ein «lieu» der 80er-Bewegung, wurde vorsichtshalber 1982 «unter grossem Polizeischutz» geschleift.

 

Mich hätte es ja gewaltig gejuckt, all die ParlamentarierInnen, die sich da grossartig auf die Widerstandskultur im Pfauentheater zur Nazizeit bezogen, zu fragen, ob sie denn überhaupt einen einzigen Namen nennen könnten. Ob sie sich an eine einzige Tat erinnern könnten, die dank dem Schauspielhaus möglich war. Und ob sie wissen, was die Stadt und vor allem die Landesregierung in derselben Zeit so alles an Anpassungsleistung unternommen haben, inklusive Zensur und Kollaboration. Und ob das auch erinnerungswürdig sei.

 

Womit wir nahtlos zum Gebäude gleich ums Eck kommen, dem Erweiterungsbau des Kunsthauses. Dazu muss ich weiter ja nichts mehr sagen, dieses Trauerspiel ist bekannt, aber auch hier war die Verdrängungsleistung im Gemeinderat beachtlich, dieses Mal von bürgerlicher Seite. Und man könnte weitere lustige Beispiele anführen, etwa vom vergeblichen und jahrelangen Versuch eines BürgerInnenkomi­tees, Maurice Bavaud, dem leider gescheiterten Hitler-Attentäter, ein Denkmal zu ermöglichen, während der Tyrann Hans Waldmann an prominenter Lage eine Statue hat, obwohl niemand mehr weiss, wer das ist und was sein Beitrag zur Geschichte war. (Ich verrat’s Ihnen: Im Wesentlichen Terror und Unterdrückung.)

 

Erinnerung hat nur selten etwas mit gebauten Orten zu tun. Und gebaute Orte können, siehe Rondell, umgekehrt sehr wohl ihre Erinnerung verlieren. Wichtig sind nicht Steine, wichtig ist die Aufklärung und die Aufarbeitung, kurz, die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Mein kleiner Beitrag: Ich habe seit 40 Jahren keinen Fuss in dieses Café am Bellevue gesetzt. Ein winziger Gruss an Silvia. Vergessen wird nicht.

 

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