Was machen Sie, wenn Sie mit dem Auto unterwegs sind und davor Angst haben, dass der Most nicht für die ganze Fahrt reicht? Sie steuern die nächste Tankstelle an. Und was machen bürgerliche PolitikerInnen, wenn sie Angst haben, «dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht rasch genug voranschreite», wie die aktuelle ‹NZZ am Sonntag› einen Bericht der Economiesuisse zusammenfasst? Sie fordern, dass «Kernkraft im Ernstfall staatlich gefördert werden kann».

 

Tönt irgendwie unlogisch? Finde ich auch. Aber «ausserordentliche Situationen erfordern ausserordentliche Massnahmen», lese ich im selben Artikel: «Mit diesen Worten begründet Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder, weshalb Atomstrom im Notfall subventioniert werden soll.» Die Situation sei «dramatisch (…), bereits ab 2025 droht uns im Winter der Strom auszugehen». Deshalb sollten bestehende sichere Kernkraftwerke, deren Rentabilität nicht mehr gegeben sei, staatlich gefördert werden können, falls sie für eine «zuverlässige Stromversorgung unentbehrlich» seien.

 

Zur Erinnerung: Vom 13. Oktober 2021 datiert die Medienmitteilung mit dem Titel «Bundesrat treibt Vorsorgeplanung für Stromversorgungssicherheit voran». Der Bundesrat informierte damit unter anderem über die Resultate einer externen Studie, die das Bundesamt für Energie und die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom beim Beratungsunternehmen Frontier Economics in Auftrag gegeben hatten. Thema: die Zusammenarbeit der Schweiz und der EU im Strombereich. 

 

In dieser Studie wird laut Medienmitteilung insbesondere darauf verwiesen, dass seit 2020 ein neues Regulierungspaket in Kraft ist, das sogenannte Clean Energy Package: «Gemäss diesem müssen ab 2025 alle europäischen Übertragungsnetzbetreiber mindestens 70 Prozent der grenzüberschreitenden Netzkapazitäten für den Stromhandel innerhalb der EU freihalten.» Und weiter: «Wie dabei die Grenzkapazitäten zu Drittstaaten wie der Schweiz berücksichtigt werden müssen, ist in der EU-Gesetzgebung nicht geregelt.»

 

Die Studie untersuchte die Netz- und Versorgungssicherheit der Schweiz im Jahr 2025 anhand von drei Szenarien. Allen liegt ein worst case, also ein schlimmstmöglicher Fall, zugrunde: Die Grenzkapazitäten mit den Nachbarländern sind um «teilweise über 70 Prozent reduziert», und die beiden Reaktorblöcke Beznau I und II sowie ein Drittel der französischen Kernkraftwerke sind nicht verfügbar. Im schlimmstmöglichen Szenario führt das laut der Studie dazu, dass die Netz- und Versorgungssicherheit im Normalfall gewährleistet ist. Doch die Situation würde gegen Ende März kritisch: «Während 47 Stunden könnte dann der inländische Strombedarf nicht mehr gedeckt werden.» 47 Stunden! Kein Wunder, titelte die NZZ vom 14. Oktober 2021: «Der Schweiz drohen tagelange Stromausfälle.» Und seither wird uns immer wieder, in allen möglichen Schattierungen und längst nicht mehr nur von der NZZ erklärt, dass die Situation «dramatisch» ist und uns «bereits ab 2025!» im Winter der Strom auszugehen drohe, und zwar ganz generell, siehe oben.

 

Zusammengefasst ging es in der Medienmitteilung des Bundes wahrscheinlich (auch?) darum, uns vor Augen zu führen, dass es sich ungünstig auswirken könnte, wenn man mitten in Europa sitzt, via Stromübertragungsnetz mit den europäischen Nachbarländern verbunden ist und gleichzeitig darauf besteht, keine Abkommen mit den Nachbarn zu wollen/brauchen (und ein Rahmenabkommen schon gar nicht!). Ob diese Botschaft angekommen ist? Schwer zu sagen. Angekommen aber ist der Hinweis, dass es künftig möglicherweise schwieriger und teurer wird, den nötigen Strom zu beschaffen. Und angekommen ist damit ein toller, grosser, weisser Bogen Papier, auf dem jede Interessensgruppe notieren kann, was sie schon immer haben wollte: mehr Atomstrom, günstigeren Atomstrom, Staumauern in geschützten Landschaften, alles, nur keine Windräder, etc. Danach kann jede politische Partei anfügen, was schon immer ihr Programm war – und vor allem: Alle können zur Begründung anführen, sie seien völlig uneigennützig unterwegs, es treibe sie einzig die Sorge an, uns könnte der Strom ausgehen. Nur die Grünen, die machen mal wieder den Spielverderber und fügen an, es wäre ja rein theoretisch auch möglich, mindestens ein bisschen Strom zu sparen …

 

Und so fordern jene, die immer schon AKW wollten und sonst gar nix, nun halt staatlich subventionierten Atomstrom, und das ausgerechnet in der NZZ. Sie wollen, dass der Staat mit Steuergeldern etwas künstlich am Leben erhält, was offensichtlich nicht mehr rentiert und deshalb eigentlich vom Markt verschwinden müsste. Immerhin fragt die NZZ bei PolitikerInnen und AKW-Betreibern nach, was sie von einem solchen Geldsegen hielten. Vom Konzern Alpiq, Mitinhaber von Gösgen und Leibstadt, kommt als Antwort gleich der nächste Wunsch, schreibt er doch laut NZZ, es bräuchte eher «stabile Rahmenbedingungen, beispielsweise für die Finanzierung der Stilllegungs- und Entsorgungsaktivitäten». Die FDP-Energiepolitikerin Susanne Vincenz-Stauffacher hingegen wird wie folgt zitiert: «Aber gerade weil ich die Erneuerbaren zum Fliegen bringen will, bin ich dafür, dass wir für den Umbau möglichst viel Zeit gewinnen.»

 

Genau: Wir wollen mit dem Auto ja auch nicht schnurstraks zur nächsten Tankstelle fahren, das wäre viel zu einfach! Wir wollen lieber noch ein paar AKW bauen, bevor uns in den Sinn kommt, dass wir im Kanton Zürich am 28. November 2021 ein Energiegesetz gutgeheissen haben, demgemäss Neubauten nicht nur mit einer CO2-neutralen Heizung, sondern auch mit einer Photovoltaikanlage für den Eigengebrauch auszurüsten sind …

 

Im Ernst: Die Solarenergie ist erfunden, und sie funktioniert recht gut. Das geht lustigerweise aus einem Artikel hervor, der in derselben ‹NZZ am Sonntag› abgedruckt ist wie der über die Subventionen für AKW. Unter dem Titel «Ehrenrettung für die Solarenergie» wird eine Studie zusammengefasst. Sie kommt «überraschend» – für deren Verfasser, dem bislang die Berechnungen des Bundes zur Solarenergie als zu hoch gegriffen erschienen waren –, zu folgendem Schluss: Das Gesamtpotenzial der Photovoltaik in der Schweiz liegt bei über 44 Terawattstunden. Das ist fast so viel, wie das Bundesamt für Energie 2018 schätzte: Es kam damals auf 50 Terawattstunden, während eine Studie der ETH Lausanne das Potenzial im gleichen Jahr mit nur 16 Terawattstunden beziffert hatte. Rechnet man obendrein mit dem aktuellen Wirkungsgrad der Solarmodule von 20 Prozent (und nicht mit 17 Prozent wie in der Studie), dann kommt man sogar auf 52 Terawattstunden, also auf mehr, als der Bund vor vier Jahren schätzte. Die Schweiz verbraucht pro Jahr übrigens rund 60 Terawattstunden Strom.

 

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