Die Aktualität der Einladungen Yoko Onos (*1933), die Grenzenlosigkeit der menschlichen Vorstellungskraft in jedem Fall und jederzeit genüsslich auszuloten, ist auch sechzig Jahre nach dem Entstehen ihrer Interventionen und Anleitungen ungebrochen.

 

Anhand des grossen Plakats im Foyer des Kunsthaus-Erweiterungsbaus mit den Worten «Imagine Peace» lässt sich wunderbar illustrieren, welche Veränderung der Sicht Yoko Ono mit ihrer Kunst herbeizuführen vermag. Beim Eintreten sind die Buchstaben flach, angesichts der Aktualität nachgerade wohlfeil bis vielleicht sogar platt. Auf dem Rückweg nach ihrer Ausstellung ist dasselbe Objekt in seiner Tiefsinnigkeit plötzlich mehrdimensional. Denn ob «Peace», «War» oder «Poverty» neben der Aufforderung zu einer Vorstellung stünde, die zentrale Aufforderung meint im konkreten Fall etwa sehr viel weniger die Abwesenheit von Krieg als eine verbreitete Bequemlichkeit in den Denkmustern. Yoko Ono spricht einerseits vom Potenzial, das erst entdeckt werden kann, wenn die Schrankenlosigkeit einer Phantasie als solche erkannt und in den Möglichkeiten in der Folge bis zu Ende ausgekostet wird. Denn dieses Peace geht auch weiter als die reine terrestrische oder nationale Definition von Raum, sondern meint den Menschen mit seinem Seelenheil an sich, seinem Umgang mit der direkten Umgebung, sich selbst, der Herangehensweise an Ansätze beruflichen Fortkommens alias Karriere, dem Verhältnis zu Besitz und Mehrung irdischer Güter, der Natur als Flora und Fauna und nicht zuletzt der Un(be)greifbarkeit von Luft. 

 

Subversive Mehrdeutigkeit

Luft, die sie in reproduzierten (zum Teil auch originalen) Installationen wie zum Beispiel in «Air Dispensers» (1971) in an Kaugummiautomaten erinnernden Gefässen gegen ein Entgelt von 50 Rappen in eingeschweissten Plastikhäppchen feilbietet. Oder die luftige Höhe, in die ein neugieriges Publikum in der Installation «Ceiling Painting/Yes Painting» (1966) lockt, wo es eine Leiter zu erklimmen hat, um via die von der Decke hängende Lupe die Miniaturschrift «Yes» an der Decke erkennen zu können. Luft wird auch die Folge der Zeit das Wasser durch Verdampfung ersetzen, mit dem sie in «We’re all Water» (2006) 118 mit Wasser gefüllte Apothekerfläschchen mit Namen versieht und so grossartige, widersprüchliche und tyrannische Personen aus Kunst und Politik einander zumindest in ihrer Vergänglichkeit gleichstellt. Und uns mitmeint. Nicht zuletzt ist es auch die Luft, die sie im übertragenen Sinn den MusikerInnen eines Orchesters nimmt, indem sie sie in Performances wie «Sky Piece of Jesus Christ» (1965) mit Mullbinden so lange umwickelt, bis diese nicht mehr in der Lage sind, ihren Instrumenten Klänge zu entlocken, ihnen im übertragenen Sinne die Luft wegbleibt. Dass annähernd komplett mumifizierte Personen inmitten des damaligen Viet­namkrieges auf einer Konzertbühne notabene auch noch eine weitere Konnotation aufweisen, versteht sich von selbst. Heilungsversuch und Tötungsabsicht manifestieren sich einem einzigen – unschuldsweissen – Verband.

 

Frau am Herd und Sexualobjekt

Die halbierte Inneneinrichtung einer (klein)bürgerlichen Wohnung «Half a Room» (1967) verdeutlich auch sehr direkt die Beschränktheit der Vorstellung der glücklich-zufriedenen Hausfrau in ihren eigenen vier Wänden. Während gegenüberliegend Marmorabgüsse gewisser ihrer Körperteile wie Mund, Brüste, das Geschlecht in «Vertical Memory» (1997) zur aktiven Ertastung bis Manipulation laden. Für eine gesteigerte Taktilität sollen die Fingerspitzen nass gemacht werden. Die Kälte dieser sanft polierten Oberfläche und die Übergriffigkeit eines schamlosen – weil aktiv dazu aufgeforderten… – Zugriffs spricht Bände und löst im Idealfall auch kontroverse Gefühle aus. Nicht sehr direkt, aber auch nicht unbedingt versteckt, forderte Yoko Ono insbesondere die Frauen zur Selbstermächtigung auf. Sei es in Form einer eigenen aktiven Kunstproduktion, der Aufforderung, sich Gedanken darüber zu machen, wofür jedes Individuum der eigenen Mutter dankbar ist, und dies mittels einer Zettelwand mit dem Folgepublikum zu teilen oder – sehr neckisch – mit ihrer «Grapefruit» (1964) genannten, zu einer Buchform gewordenen Sammlung von Ideen für einfach zu realisierende Kunstprojekte (Artikeltitel) bei zeitgleich nicht nachlassender Übung zur Weitung der Phantasie, lange bevor ‹open source› zu einer Begrifflichkeit wurde. Die Ausstellung signalisiert und vermittelt Grosszügigkeit, Zuversicht, Spiel- also Lebensfreude und sie hindert schwarze Gedanken an ihrer Ausbreitung mittels einer herzlichen Umarmung. Zur Not einer etwas sehr beherzt auszuführenden.

 

«Yoko Ono: This Room Moves at the Same Speed as the Clouds», bis 29.5., Kunsthaus, Zürich. Katalog.

 

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