Nach 28 Jahren übergeben Koni Frei und sein Partner die Kanzleiturnhalle an die nächste Generation. Im Interview spricht Simon Muster mit dem Alt-68-er über bewegte Zeiten.

 

«Wenn ich nicht mehr links bin, dann, weil ich links bin.» Koni Frei (75) verwendet das Zitat des streitbaren französischen Philosophen Alain Finkielkraut gleich zweimal am vergangenen Donnerstagnachmittag im Restaurant Volkshaus. Ein erstes Mal, um sich in der heutigen Welt politisch selbst zu verorten: «Das Rechts-Links-Schema passt nicht mehr zu mir. Ich bin ein Resistenzler, immer zuerst einmal ein bisschen dagegen, skeptisch gegenüber jeder Autorität.» 

 

Ein zweites Mal verwendet er es, als der Schriftsteller Gian Trepp sich am Ende des Gesprächs an den Nebentisch setzt: «Hast du das gestern auch gelesen, in der NZZ?» Es geht um einen Gastkommentar, der den Niedergang der deutschen Grünen prophezeit, weil diese vom inneren Widerspruch zwischen linker Bewegung und Regierungsbeteiligung zermahlen würden. «Viele Basisgrüne wollen nicht mehr grün sein», so der Autor in Anlehnung an Finkielkraut, «weil sie grün sind». 

 

Herr Frei, vor 28 Jahren übernahmen Sie zusammen mit Ihrem Geschäftspartner Zsolt Tscheligi die Leitung der Kanzleiturnhalle mit dem Versprechen, dass in das umkämpfte Quartierzentrum Ruhe einkehren würde. Viele Bürgerliche protestierten damals, die Stadt sei naiv, als Linksradikaler könnten Sie niemals aus ihrer Haut schlüpfen. Heute gilt die Kanzlei als Erfolgsmodell. Haben Sie sich gehäutet?

Koni Frei: Nein, ich habe heute noch gern, wenn auf der Strasse etwas passiert. Als 2006 der Böögg entführt wurde, lag er im Bunker des Kanzleischulhauses, bis ihn die Kantonspolizei fand. Für solche Dinge bin ich immer zu haben. Aber in den 1990er-Jahren ging es darum, die Kanzleiturnhalle für alle zu bewahren. Die Bürgerlichen fürchteten, dass auf dem Kanzleiareal ein zweites Autonomes Jugendzentrum (AJZ) entstehen würde. 1990 lehnte die Stimmbevölkerung die dauerhafte Einrichtung eines Quartierzentrums auf dem Kanzleiareal hauchdünn ab. Die Turnhalle wurde in der Folge immer wieder besetzt, die Stadt gab Unsummen für die Bewachung aus. Als sich dann mehrere Gruppen aus dem Umfeld der Turnhalle bei der Stadt und dem zuständigen Stadtrat Hans Wehrli (FDP) bewerben wollten, habe ich den Mietvertrag 1993 unterschrieben. Es war wichtig, dass sich jemand mit seinem Namen hinstellte, sonst hätte die Stadt den Vertrag wohl nie unterschrieben.

 

Wieso?

Das ist wie bei Demonstrationen: Sie brauchen eine Ansprechperson. Und wenn etwas schiefgeht, jemanden, der den Kopf hinhält. 

 

Dass Sie die Verantwortung übernommen und mit der Stadt kooperiert haben, kam bei einigen aus der Linken nicht gut an. Sie hätten die Kanzleiturnhalle befriedet …

Ja, einige fanden, es sei der falsche Weg, sich gegenüber der Stadt zu verpflichten, dass keine Krawalle mehr von der Turnhalle ausgehen würden. Das ist Ansichtssache. Wir wollten damals die Kanzleiturnhalle von der Stadt übernehmen, damit alle, die wollten, einen Raum für Veranstaltungen haben. Ich bin ein Vertreter von realen Utopien: Lieber jetzt Freiräume für alle schaffen, anstatt alles auf nach der Revolution vertagen. Aber uns war stets wichtig, dass die Stadt uns beim Inhalt der Veranstaltungen nicht dreinfunkt – und das hat gut geklappt. Als wir 2010 eine Ausstellung über die Rote Armee Fraktion (RAF) zeigten und die SVP im Gemeinderat dagegen protestierte, hat das zuständige Schul- und Sportamt unsere Entscheidung gestützt. 

 

Sie haben damals die Kanzleiturnhalle von einem FDP-Stadtrat übernommen, jetzt haben Sie die Übergabe mit Filippo Leutenegger (auch FDP) ausgehandelt. Es scheint, als hätten Sie keine Berührungsängste mit bürgerlichen PolitikerInnen.

Doch, eigentlich schon. Aber mit dem alten, liberalen Freisinn kann man zumindest noch reden. Deswegen hat die Zusammenarbeit mit Hans Wehrli gut funktioniert. Diesen liberalen Freisinn von damals gibt es in der heutigen Zürcher FDP aber kaum noch. Filippo Leutenegger kenne ich hingegen noch von früher. Bei der Besetzung des Atomkraftwerks Kaiseraugst 1975 habe ich mit ihm und der späteren SP-Stadträtin Ursula Koch im selben Zelt geschlafen.

 

Drinnen im warmen Volkshaus wird es allmählich lauter, draussen strömen die Menschen nach ihrem Feierabend über den Ni-una-menos-Platz. Koni Frei bestellt ein Bier. «Aber alkoholfrei, bitte!» Er trinke seit gut zwei Jahren keinen Alkohol mehr.

 

Apropos Trinken: Neben dem Kanzlei-Club und dem Restaurant Volkshaus führen Sie zusammen mit Ihrem Geschäftspartner auch die Sportbar sowie die Central- und Longstreetbar. Der Bundesrat lockert gerade die Massnahmen. Verspüren Sie Aufbruchsstimmung?

Hannah Arendt hat einmal sinngemäss gesagt: Wo Menschen sich treffen, kann mit Wundern gerechnet werden. Die Pandemie hat uns im Nerv getroffen, wir konnten zwei Jahre kaum eine Party organisieren. Mein Ziel als Gastronom ist es, dass Menschen sich treffen, sich kennenlernen. Keine Datingplattform kann eine Begegnung in einer Bar ersetzen. Und auch politische Aktionen sind schwieriger von der Couch aus zu organisieren. Für eine Häuserbesetzung braucht man Vertrauen und Nähe, da braucht es Treffpunkte in der echten Welt, nicht im Metaverse. Ich glaube, dass nach der Pandemie eine Aufbruchstimmung herrschen wird. Es besteht ein grosses Nachholbedürfnis. 

 

Viele Gastronomen haben mit den Regeln des Bundesrats gehadert, einige haben sie sogar gebrochen. Sie auch? 

Nein, wir haben alle Regeln von Beginn weg ohne Diskussion umgesetzt, wir war immer bundesratskonform. Natürlich gab es Massnahmen, die uns unlogisch erschienen. Aber wir haben uns immer gedacht: Der Bundesrat versucht sein Bestes.

 

Aber sonst sind Sie doch eigentlich jeder Autorität gegenüber skeptisch?

Ja, aber bei der Krankheit ist das anders gelagert. Natürlich sind Fehler passiert, aber hinter dem Virus steckt doch niemand. Es hat uns angegriffen und wir müssen uns gemeinsam dagegenstellen, wie bei einer Feuersbrunst. Tragisch ist aber, dass wegen dem Virus viele Probleme öffentlich in den Hintergrund gerückt sind: Klimakatastrophe, Ungleichheiten und weltweite Armut, während gleichzeitig ein paar Milliardäre ins Weltall fliegen.

 

Ein Mann gesellt sich an den Tisch. Spitzname Punky. «Obwohl er gar kein Punk ist», sagt Koni Frei lachend. Punky war einst der Haus-DJ in der Kanzleiturnhalle, gehörte sozusagen zum Inventar. «Innerlich bin ich immer noch ein Punk, nur äusserlich sieht man es mir nicht mehr an», feixt Punky zurück. Während er von der Demonstration gegen die Schliessung des Kino Apollo 1988 erzählt, fahren zwei Polizeiwagen am Ni-una-menos-Platz vorbei die Ankerstrasse hi­nunter. Koni Frei hat sich umgedreht, schaut ihnen nach. 

 

Warum haben Sie dem Polizeiwagen so gebannt nachgeschaut?

Eine alte Angewohnheit (lacht). Wir haben immer gesagt: Zsolt Tscheligi ist für die Finanzen zuständig und ich für die Polizei. In diesen Rollen werden wir Fabian Müller, der jetzt die Kanzlei führt, auch in Zukunft als Berater unterstützen. 

 

Wie ist Ihr Verhältnis zur Polizei? Sie mussten ja oft vermitteln.

Ja und die viele PolizistInnen kenne ich sogar. Aber ich habe immer auch gesagt: Ich bin nicht im Dialogteam der Polizei. Aber wenn es Lärmklagen gibt oder Schlägereien, dann versuche ich zu vermitteln, immer im Interesse der Kanzleiturnhalle. Ich habe aber über die Jahre hinweg eine gesunde Antipathie gegenüber der Polizei behalten. 

 

Sie wurden einmal sogar von der Stadtpolizei bespitzelt.

Genau, ein Stadtpolizist gab sich Ende 1980er-Jahre unter dem Decknamen Henry Gasser als Aktivist im damaligen Kanzleizentrum aus. Er sollte über uns Informationen sammeln für eine Fiche über uns. Dafür hat er sich auch an illegalen Aktionen beteiligt, um nicht aufzufliegen. 

 

Was für Aktionen?

Damals gab es eine Gruppe von Punks, die sich «Alkohol-Vernichtungsclub», kurz AVC, nannten. Punky, du warst da auch dabei, stimmts? (Punky lacht, er sitzt jetzt am Nebentisch und trinkt ein Glas Weisswein.) Jedenfalls habe ich denen einen Volvo gegeben, den sie so umgesprayt haben, dass er wie ein Polizeiauto aussah. Eines Abends haben sie den dann auf die Strasse gerollt und angezündet, und Henry Gasser hat mitgeholfen. Ich wurde dann kurzzeitig verhaftet, weil das Auto über die Motornummer zu mir zurückverfolgt werden konnte. Aber da Henry Gasser nicht aussagen konnte, weil sonst seine Tarnung aufgeflogen wäre, konnte ich nach zehn Tagen wieder nach Hause. 

 

Bei solchen Geschichten stellt sich unweigerlich die Frage: Wie bewegt ist der «Chreis Cheib» heute noch? Der Kreis 4 ist längst nicht mehr das, was er 1993 war, als Sie die Kanzleiturnhalle übernommen haben.

Ich glaube, der Kreis 4 ist immer noch bewegt, einfach anders. Jede Demonstration, die nur im Ansatz links ist, startet auf dem Helvetiaplatz. Aber ja, die Bevölkerungsstruktur hat sich gewandelt, die erste Generation von ausländischen BüetzerInnen ist schon länger nicht mehr hier. Trotzdem gibt es hier eine Art Parallelwelt von ArbeiterInnen, die nicht abstimmen können, die weder in einem Verein, einer Partei oder einem Interessensverband organisiert sind und die trotzdem dafür sorgen, dass sich hier etwas bewegt. Ich kenne viele Wirte an der Langstrasse – sie nennen mich liebevoll «Alternativs Schätzeli» – und ich wohne seit Jahrzehnten an der Hellmutstrasse. 

 

Wie gehen Sie aber damit um, dass Sie als Gastronom im Kreis 4 auch an der Gentrifizierung des Kreises 4 mitbeteiligt sind?

Der Kreis 4 wird von den Immobilienkonzernen und grossen Gastroketten gentrifiziert. Dagegen wehren sich die Leute auch, wie der Mc Donald’s oder das Hiltl an der Langstrasse gemerkt haben. Ich bin der Meinung, dass wir den Boden dem freien Markt entziehen müssen, damit niemand mehr damit spekulieren kann. Aber auch hier bin ich ein Vertreter der realen Utopie: Bis wir den Boden demokratisieren können, möchte ich mit unseren Lokalen dafür sorgen, dass Leute sich treffen und austauschen können. Deswegen gibt es hier im Volkshaus auch keinen Konsumzwang. Wer will, kann hier auch einfach eine Pause einlegen, wie in einer Wartehalle.

 

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