Systemversagen

Alles gut? Im Ernst jetzt? James Bond ist tot, Zurich noch immer nicht free, Omikron ist angekommen, und übergrosse Teddybären werden unter dem Weihnachtsbaum fehlen, weil sie im Frachtcontainer zu teuer sind! Mannomann. Ich mein’, wir leben in einer Zeit, in der bürgerliche Kandidaten unrasiert und ohne Kulturstrick um den Hals auf Plakaten um die Gunst des Wahlvolkes buhlen. Das sagt alles.

 

Aber klimatechnisch tutto picobello. Winti wird bis 2040 CO2-frei und ist Züri einmal mehr eine Nasenlänge voraus. Das neue Energiegesetz macht den Anfang vom Ende der fossilen Welt, und das vergangene Wochenende ist vorab eine saftige Ohrfeige für das System HauseigentümerInnenverband (HEV), der sich, vermutlich statutenwidrig, exponiert und gleich mehrfach tüchtig in den Lokus gegriffen hat. Man fragt sich, welche Zukunft dieser ewiggestrige Verband eigentlich anstrebt. Sein Vorstand, zusammengesetzt aus lauter Rechtsbürgerlichen, darunter auch einer Stadtratskandidatin, die sich nie von den Machenschaften dieses Vereins distanziert hat, sollte endlich aufhören mit seiner nutzlosen Obstruktionspolitik. Die Zeichen der Zeit stehen auf grün und klimagerecht. Wobei, wer eine Jungmannschaft pflegt, die nichts Besseres zu tun hat, als gegen Tempo 30 anzustinken, der hat natürlich eine düstere Zukunft, das immerhin muss man zugeben. Denn auch hier zeigt sich das System: Man verteidigt einen illegitimen, in Lärmfragen sogar illegalen Zustand, völlig faktenfrei argumentierend, nur um der eigenen Ideologie willen. Damit ist allerdings kein Blumentopf zu gewinnen. Man kommt nicht umhin anzumerken, dass das System HEV letztes Wochenende in allen Belangen abgeschifft ist. Natürlich hat das auch mit der traditionellen Verstrickung der bürgerlichen Parteien mit der fossilen Wirtschaft zu tun, die sich etwa darin zeigt, dass ein FDP-Stadtrat Verwaltungsratspräsident einer Firma ist, die mal Erdgas Zürich geheissen hat und immer noch 86 Prozent ihres Umsatzes mit fossilem Gas macht. Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass es halt nicht genügt, mittels offenem Kragen Urbanität demonstrieren zu wollen. Zukunft geht anders.

 

Das freie Zürich «mit ch» ist bereit dafür. Die neuen Richtpläne versuchen, das beste aus der aufgezwungenen Verdichtung zu machen. We reclaim the streets. Der öffentliche Raum kann endlich gerechter umverteilt werden und ermöglicht eine effiziente städtische Mobilität – in einfacher Sprache: Velo, öV und Fussverkehr – und eine grüne Lebensqualität auch im bebauten Umfeld. Denn eigentlich ist die Sache ja einfach: Alle Menschen, egal welcher politischer Couleur, stehen auf viel grün, ein paar Quartierläden, Strassencafés und Kinderspielplätze unter schattigen Bäumen, da sind wir nämlich kollektiv sowas von simpel gestrickt. Die Stadt der kurzen Wege ist kein ideologisches Konstrukt, sondern schlicht ein Bedürfnis. Und als nächstes packen wir Netto-Null an, also die CO2-Abstinenz, so wie in Winterthur. Nötig. Dringend. Unausweichlich. Und überhaupt nicht kompatibel mit dem System HEV.

 

Schon Ende der 1940er-, Anfang der 1950er-Jahre stand die Solartechnologie bereit und war ausgereift genug, um die Kohle abzulösen. Gewonnen hat dann aber Beelzebub: Die Erdöllobby setzte sich im Gebäude- wie im Mobilitätsbereich durch, durchaus nicht nur mit koscheren Methoden. Siebzig Jahre später sind wir schlauer. Naja, manche von uns.

 

 

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