- Kultur
Systemfehler
Benjamin Burger schläft schlecht. Dann frisst ein Automat seine Münze. Und selbst sein Beruhigungsritual des ziellos um Autos in der Tiefgarage Cruisens, hilft nicht. Der Stossseufzer, das Glück möge auch ihn mal wieder ereilen, erscheint hier nur zu menschlich. Und schon ist der Einstieg zu «Happily Ever After» geschafft. Denn mit dem ominösen undefinierbaren Begriff des Glücks lässt es sich vorzüglich hantieren. Meist gewinngetrieben als Heilsversprechen. In der Wissenschaftsgeschichte – von Lewis Fry Richardson, dem Erfinder der Meteorologie über Edward Lorenz, dem Entdecker der Chaostheorie bis zu Joseph Weizenbaum, dem Entwickler des Chatbots – lag der Antrieb jeweils in einer möglicherweise erreichbaren Kontrollierbarkeit, die es bei Gelingen ermöglichen würde, das Sehnsuchtsempfinden nach ebendiesem Glück jederzeit verlässlich herstellen zu vermögen. Und eine gewichtige Ursache für Übellaunigkeit, das empfundene Unglück wäre gemeistert. Jetzt haben sich die Anwendungen solcher bahnbrechender Entdeckungen mit den Jahrzehnten von ihrer ursprünglichen Intention entfremdet. Und so findet sich Benjamin Burger kurz nach seinem Stossseufzer in einer emotional ausnehmend empfänglichen Lage für das Angebot einer Applikation namens «Choose Happyness». Diese verspricht mithilfe eines Emotional Assistant-Avatars und nach nur 250 aufrichtig und vollständig zu beantwortenden Fragen als individuell auf die Bedürfnisse abgestimmte Vollkaskogarantie, die Mühsal einer Bemühung um Glück grosszügigerweise auf sich zu nehmen. Der Anwender brauche sich bloss noch entlang der Anweisungen zu verhalten und seinen Glückscore kontinuierlich zu verbessern und sinnigerweise jedweder Anflug eines Gefühls von Leere würde im Nu von einer Welle wohliger Wärme verdrängt. Einer Verlockung erst einmal zu erliegen, heisst nicht unbedingt, sich ihr auch für alle Zeit auf Gedeih und Verderb ausliefern zu wollen. Was, wenn der Systemfehler Mensch plötzlich von einer unbändigen Lust ergriffen wird, sich der gesamten Palette der emotionalen Empfindung in ihrer Unzulänglichkeit und damit dem Zufall wieder höchstselbst aktiv ausliefern zu wollen? «Happily Ever After» ist sowohl erzählerisch als auch formal mehrschichtig (Inszenierung: Andreas Storm, Benjamin Burger, Moona De Weerdt). Über Kopfhörer hört man mit wechselnden Aussichten ihn live, eine KI, die Wissenschaft, die Verheissungen und die Zweifel.
«Happily Ever After», 22.11., Helferei, Zürich.