Suppen und Sündenböcke

 

Woody Allen soll gesagt haben, dass das Beste an New York sei, dass man um morgens um drei Uhr eine Wonton-Suppe essen könne. Das mache er zwar nie, aber er könnte, wenn er wollte.  So geht es mir ein wenig mit den Programmen der SRG. Ich nutze sie zwar (fast) nie. Aber es ist gut, dass ich könnte, wenn ich wollte.

 

Ich könnte jetzt behaupten, dass ich niemals fernsehe, weil ich viel lieber andere intelligentere Dinge tue. Leider stimmt es nicht.  Ich schaue durchaus in die Röhre, einfach praktisch nie SRF. Stattdessen schaue ich Serien auf Netflix oder Kochsendungen auf BBC. Und wenn Wahlen sind, mal ein Kanzlerduell auf der ARD.

 

Ich kann gut damit leben, für Dinge zu zahlen, die ich nicht oder selten nutze, aber dennoch sinnvoll sind. Tue ich ja mit meinen Steuern auch. Nur geht es nicht nur um mich. Die sich verändernden Mediengewohnheiten sind ein grosses Problem für die SRG. Die Zeiten, als sich eine Nation am Samstagabend vor dem TV als modernem Lagerfeuer versammelt, sind vorbei. Das Durchschnittsalter der SRF-ZuschauerInnen steigt. Lineares Fernsehen ist vorbei – ich kann die Sendungen via Internet oder Replay am Fernsehen auch dann sehen, wenn ich Zeit habe. Damit wird es auch immer schwieriger, Werbung zu verkaufen für die SRG wie für die Goldbach Media. Denn kein Mensch schaut Werbung, wenn er sie vorspulen kann. Die Diskussion, ob die SRG werbefrei werden soll oder nicht, ist daher nur noch ein Rückzugsgefecht.

 

Bei der Behandlung der No-Billag-Initiative im Nationalrat wurden die groben rhetorischen Geschütze aufgefahren von den InitiativgegnerInnen: Der Zusammenhalt unseres Landes und die Demokratie seien in Gefahr. Die SRG-KritikerInnen hingegen betätigten sich als TV-KritikerInnen. Und begnügten sich damit, aus dem TV-Programmheftli alle Sendungen aufzuzählen, die sie irgendwie doof finden. Das ist eine clevere Argumentationsstrategie. Schliesslich hat beinahe jeder etwas am TV-Programm auszusetzen. Und natürlich sind nicht alle Sendungen von SRF über jeden Zweifel erhaben. Aber das ist nun mal das Konzept eines traditionellen TV-Senders: Er bietet ein breites Programm, wo es für alle etwas hat. Denn mit Speck fängt man Mäuse, mit Unterhaltung den TV-Zuschauer. Ob dieses Konzept auch in Zukunft noch aufgehen wird, wird sich weisen.

 

Die Veränderungen der Medienwelt machen auch anderen zu schaffen: Markus Somm, Chefredaktor der ‹Basler Zeitung› und Vizepräsident des Verlegerverbands, soll auf einem Podium gesagt haben, dass sich innerhalb der nächsten zwanzig Jahre sämtliche Verlage aus dem Inhaltsgeschäft verabschieden werden. Mit Journalismus Geld zu verdienen wird immer schwieriger. Wenn es einem schlecht geht, wird gerne ein Sündenbock gesucht. Da bietet sich die SRG an, die dank Gebührengelder ein bequemeres Leben führt. Und so werden in den klassischen Medien Durchhalteparolen ausgegeben. Journalisten wüten gegen «Jammerer» und jene in der Branche, die die Gefahren der modernen Medienwelt aufzeigen. Andere streiten rundwegs ab, dass Abbau von Ressourcen auch ein Abbau der Qualität bedeutet. Derweil verlassen immer mehr gute JournalistInnen das sinkende Schiff, um als MediensprecherInnen in der Verwaltung oder als Consultants in der PR-Branche anzuheuern. Der Verlegerverband lehnt jede Erneuerung der Medienförderung ab. Nicht etwa, weil er – wie er behauptet – ein Problem mit staatlicher Medienförderung hat, sondern, weil er nicht will, dass die neue Online-Konkurrenz auch in den Genuss von Förderung kommt.

 

Natürlich geht die Schweiz nicht unter, wenn morgen die SRG schliessen müsste. Und die SRG ist bei weitem nicht das einzige Medium, das qualitativ hochstehenden Journalismus betreibt. Dass es als Arroganz empfunden wird, wenn gesagt wird, dass die SRG als einzige noch Qualitätsjournalismus betreibt, ist daher nachvollziehbar. Zuweilen sind wenig Ressourcen auch nicht schlecht für die Qualität: Es zwingt einen, radikalere Prioritäten zu setzen. Das kann für die Zuschauerin und den Leser ein Gewinn sein.

 

Damit wird allerdings ein neues Problem geschaffen. Letzthin sprach ich mit einem Lokaljournalisten über die Bedeutung von klassischen Medienkonferenzen vor Abstimmungen. Diese seien furchtbar langweilig. Eine Pflichtübung für LeserInnen wie JournalistInnen. Sie würden wohl in Zukunft auf diese Berichterstattung verzichten. Aus eigener Erfahrung, sowohl als Podiumsteilnehmerin, als Lokaljournalistin wie auch als Leserin, habe ich dafür sogar ein gewisses Verständnis. Das Problem ist nur: Wie kommt der Stimmbürger oder die Stimmbürgerin sonst zu den Informationen  und Pro- und Kontra-Argumenten zu einer Abstimmungsvorlage, vor allem wenn ein Abstimmungskomitee nicht gross Geld für eine grosse Kampagne hat? In einem Land, in dem man pro Jahr mehrmals über komplexe Vorlagen auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene abstimmen muss, braucht es aber informierte Bürgerinnen und Bürger. Die mindestens wissen könnten, was sie tun.  Und ebendiese Information kann man nicht nur Behörden und Parteien überlassen. Zumal auch letztere nur über beschränkte (Kommunikations)Mittel verfügen. Auch dazu braucht es die Medien. Und wenn die Privaten immer mehr auf den Pflichtstoff verzichten, so braucht es die SRG umsomehr. Gerade weil sie in vielen Regionen die einzige mediale Monopolbrecherin geworden ist.

 

Und deshalb – auch wenn es alarmistisch und pathetisch klingt – geht es bei der No Billag-Abstimmung tatsächlich auch um die Demokratie. Und nicht bloss darüber, ob man das Fernsehprogramm gut oder schlecht findet und ob man die Gebühr ein wenig hoch findet. Die Demokratie und auch die Medienwelt gehen nicht unter ohne SRG. Aber es wird ohne SRG bestimmt nicht besser. Gut, gibt es jetzt Stimmen aus der Zivilgesellschaft, der Medienbranche und der Wissenschaft, die das auch öffentlich thematisieren. Und über den Tellerrand und die TV-Schüssel hinaussehen wollen. Zum Beispiel den Verein media forti, der sich für starke Medien auch in Zukunft einsetzen will. Unter mediaforti.ch kann man den Aufruf unterschreiben. Ich habs getan. Weil ich auch glaube, dass die Demokratie starke Medien braucht: Kleine und grosse, on- und offline, mit (bewegtem) Bild und ohne.

 

Min Li Marti

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