Suggerierte Balance

Die Papiercollagen von Elisabeth Wild (1922 – 2020) und die raumgreifenden Metall-, Glas- und Steinskulpturen von Jose Dávila (*1974), die derzeit parallel zueinander im Haus Konstruktiv zu sehen sind, finden erst in ihrer Wirkung zu einer Gemeinsamkeit. Ist sie erkannt, kommt das Gedankenkarussell in Fahrt.

 

Erst im Alter von 78 Jahren beginnt Elisabeth Wild, aus Hochglanzzeitschriften Collagen herzustellen. Beide Begriffe verleiten, allein für sich stehend, zu einer Irreführung. Im Hausgebrauch wären erstere Illustrierte voller Nobilitäten und deren freihändige Klebekombination demzufolge würden zweitere eine Narration verfolgen oder zumindest einen Kommentar. Nix da. Bei Elisabeth Wild steht eine konstruktiv-konkrete, ja nachgerade architektonisch-skulpturale Strenge Patin für ihre Werke. Natur und Menschen sind – mit raren Ausnahmen, die eine Miniatur nicht übersteigen – praktisch inexistent auf den ausgeschnittenen Bildern. Das heisst im Umkehrschluss aber nicht, dass ihre Drapierung der Papierschnipsel keine Erstassoziationen zu Geckos oder floralen Ornamenten hervorrufen, dass in der Architektur der Mensch sowohl im Entwurf wie im Bau, also auch im schieren Grössenwahn immer mitzudenken ist, bringt also auch ihn ins Spiel. Ihre Werke, gemäss dem Saaltext gestaltete sie ab dem Jahr 2000 im Schnitt täglich eine Collage, sind grossmehrheitlich streng symme­trisch, suggerieren also auf ihre Art eine Balance. Eine rein formale, der bei näherer Betrachtung der in den Details erkennbare Inhalt konträr entgegensteht.

 

Physik oder Trompe-oeuil?

Bei Jose Dávila ist die Zeitgleichheit von Behauptung und Infragestellung sehr viel augenscheinlicher. Bereits im Stahlträger-Findling-Wald im grossen Erdgeschossraum aber entwickelt er einen hübschen Hintersinn. Weil je ein Stahlprofil mit einem Stein über ein deckenbefestigtes Drahtseil miteinander verbunden ist, lenkt er die Gedanken zuallererst auf physikalische Fragen der materiellen Schwere. Was wäre, wenn ich hier schubste? Sind vier Meter hoher Stahl und ein massiver, aber doch nicht die Masse eines Hinkelsteins von Obelix annehmender Klotz von derselben Schwere? Stellt diese «The act of being together» genannte Installation eine Balance dar oder zielt der Künstler damit nicht doch in eine Richtung eines vollends anders gelagerten Zusammenhangs? Erz und Stein bilden eine Einheit, die nur von Menschen voneinander separiert wird, weil er an das eine heranwill und darum billigend in Kauf nimmt, dass das andere – und die Entität – derweil Schaden nimmt. Steht der einen Balancefrage also eine nächste Patin, die gedanklich tiefer zu schürfen sucht und das mechanische Schürfen infrage stellt. Zumal die hier auf ihrer Kopfseite hochgestellten Pylonen im engeren Sinn überhaupt keinen Zweck erfüllen – noch nicht mal das Tragen einer Eingangspforte für einen Tempel – und sich demzufolge sogleich die Sinnfrage über die Herstellung in die Reihe von Überlegungen stellt.

 

Parallele Hintersinn

Die Ausgewogenheit, mit der ein Gleichgewicht auch benannt werden kann, steht bei Elisabeth Wild wie bei Jose Dávila – zumindest aus einer durch aktuelle Thematiken geschärfte Wahrnehmung – schnell einmal die Frage im Raum, inwiefern der Mensch bei seiner Bemühung um deren Berücksichtigung grundsätzlich überhaupt befähigt ist, das grosse Ganze zu erfassen. Nicht nur in der direkten, vermutlich auch als anklägerisch lesbaren Fassung, Macht- und Geldinteressen würden eine einseitige Blindheit begünstigen, sondern in der ganz grundlegenden Variante, die einmal biblisch («denn sie wissen nicht, was sie tun», Jesus Christ) und einmal popkulturell («Rebel without a cause», James Dean) beide der menschlichen Spezies ebendiese Fähigkeit kategorisch abspricht. Was mühen wir uns dann? Respektive lässt uns die Gewissheit über die eine Unfähigkeit leichter der Illusion anheimfallen, menschengemachte Ungleichheit wäre genauso menschengemacht wieder ins Lot zurückrückbar und spornte uns deshalb zu sogenannten Erfindungen an, die alle alten Fehler als Grundlage voraussetzen und darum keinen Weg aus einem Teufelskreis anzeigen, sondern nur noch profunder hineinmanövrieren? Dass sich der Mensch so gerne so wichtig nimmt, weil ihn das Gegenteil verrückt werden liesse, kann aus dieser Doppelausstellung sehr wohl als nicht unwesentliche Fragestellung herausgelesen werden. Was wiederum darauf schliessen lässt, dass die KünstlerInnen das letzte Fünkchen Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Sonst würde sie mit der Direktheit des Holzhammers gestellt und nicht so anregend verklausuliert eine (alle?) Möglichkeiten offen lassend.

 

Elisabeth Wild, Jose Dávila, bis 11.9., Haus Konstruktiv, Zürich.

 

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