Subtilgrotesk

 

Am Opernhaus erlebt mit Alban Bergs «Wozzeck» eines der zentralen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts eine packende Neuinszenierung: Musikalisch subtil, in der Regie überraschend grotesk und zusammen erstaunlich aus einem Guss.

 

Wie Kasperli-Figuren tauchen die Autoritäten Hauptmann, Doktor und Tambourmajor vor, hinter und über Wozzeck auf. In Andreas Homokis neuer Inszenierung sind sie lächerliche, maskenhafte Figuren. Ausstatter Michael Levin stellt sie in hintereinandergeschachtelte, schwarzgelbe Rahmen. Die Verschiebungen der Bildausschnitte wirken ganz einfach, bis diese fest gerahmte Welt aus den Fugen gerät. Wozzeck wird daraus ausbrechen, wenn Marie ihn mit dem feschen Tambourmajor betrügt – punktgenau auf ihre Aussage, «s’ist alles eins». Das ist eine grosse Stärke von Homokis Inszenierung:  Sie hört genau auf die Worte und die Musik. Wunderschön, wie die Szene zwischen Wozzeck und Marie am Teich ganz zart die Möglichkeit einer Liebesbeziehung zeigt und sie dann doch kippt. Der Emotionalität der folgenden Musik, die so stark aufs Mitleid zielt, steht die Inszenierung dann jedoch hilflos gegenüber. Dabei erreichen Christian Gerhaher und Fabio Luisi mit der hervorragend wachen und klangschönen Philharmonia Zürich hier nochmals neue Stufen der Intensität. Gerhaher, für Zürich neu, lässt seinen Wozzeck resigniert auf die Vorwürfe des Hauptmanns reagieren, nur einmal zuckt ihm das Rasiermesser, doch er hat sich im Griff. Noch. Mit welcher Feinheit Gerhaher singt, ist eindrücklich. Sein Wozzeck ist damit noch mehr Opfer der Zustände und Gegebenheiten. Gerhaher verfügt über eine enorme Bandbreite zwischen Aussingen und Sprechen, wo immer möglich nimmt er die Stimme zurück. Darin steht ihm Gun-Brit Barkmin als Marie kaum nach. Dirigent Fabio Luisi versteht die riesenhaft besetzte Partitur als Kammermusik: Ein vielfältigstes Geflecht von Stimmen, schöne Soli und erstaunlich sehnsüchtige Kantilenen werden da hörbar. Aber auch die Kraft, die in der Partitur steckt (ausser in der leider zu weit hinter der Szene platzierten Bühnenmusik). Am Schluss senkt sich wieder der goldene Hintergrund des Anfangs. Doch er ist kontaminiert – durch einen bejubelten Opernabend. tg.

 

«Wozzeck», bis 6.10., Opernhaus, Zürich.

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