Streisand-Effekt und Kritikfähigkeit

Kennen Sie den Streisand-Effekt? Dieser beschreibt die unerwünschte Folge eines ungeschickten Versuchs, eine unliebsame Information zu unterdrücken. Dadurch wird das genaue Gegenteil erreicht und die Verbreitung der Information befördert. Der Effekt wurde nach der Schauspielerin Barbra Streisand benannt, die 2003 zwei Fotografen verklagte. Diese hatten mit Fotos die Küstenerosion Kaliforniens dokumentiert und auf einem dieser Fotos war auch das Anwesen von Streisand zu sehen. Vor der Klage wurde dieses Bild nur sechs Mal heruntergeladen, danach verbreitete es sich im Internet viral. 

Das Schweizer Fernsehen zeigte am 22. Januar einen Dok-Beitrag mit dem Titel «Wo-Wo-wo-Wohnungsnot – Das Zürcher Monopoly». Der Dokumentarfilm wurde im Wahlkampf zum Politikum. FDP-Stadtrat und Parteipräsident Filippo Leutenegger kritisierte den Film als «skandalös einseitig» und verlangte gar die Löschung des Films aus dem Online-Angebot. Immobilienunternehmer Balz Halter – einer der Protagonisten des Films – war durch den Film so erzürnt, dass er danach der Halbierungsinitiative einen namhaften Geldbetrag spendete. Er war allerdings auch schon vorher dafür.

Diese ganze Diskussion führte – mein persönlicher Streisand-Effekt – dazu, dass ich mir diesen Film angesehen habe, was ich sonst nicht getan hätte. Und ich fand ihn ausgesprochen harmlos. Was vielleicht damit zu tun hatte, dass die mediale Berichterstattung in mir eine Erwartung geweckt hatte, die der Film nicht eingelöst hatte. Der Film war nämlich nicht annährend so anwaltschaftlich, wie ich erwartet hätte. Natürlich, die betroffenen Mieter:innen waren die Sympathieträger:innen, aber das liegt ein bisschen in der Natur der Sache. Ansonsten kamen sowohl politische Exponent:innen verschiedener Lager sowie insbesondere Expert:innen ausführlich zu Wort und wurden auch allesamt mit kritischen Fragen konfrontiert. So wurde beispielsweise die Wohnsituation von AL-Gemeinderat David Garcia thematisiert und auch der Vorschlag des Immobilienökonoms, doch den Boden à la Singapur zu verstaatlichen, wurde mit einer kritischen Nachfrage quittiert. Das entspricht einem Standard-Vorgehen von Journalist:innen, in Interviews jeweils eine Gegenposition einzunehmen. Das führte dazu, dass auch Balz Halter einige unangenehme Fragen beantworten musste. Was er nicht immer so gut machte, aber da kann die Journalistin nicht viel dafür. Ich glaube auch nicht, dass Halter bei einer Annahme der Halbierungsinitiative damit rechnen sollte, niemals wieder kritische Fragen gestellt zu bekommen, sonst wäre dies eine Beleidigung der privaten Medien. Statt der grossen Spende wäre ein gutes Medientraining also eine weitaus günstigere und wohl auch nachhaltig wirksamere Investition.

Persönlich fand ich ja, dass die Politik weitaus am schlechtesten wegkam, weil die Debatte rund um die Einkommenslimiten in gemeinnützigen Wohnungen wohl für die meisten Zuschauer:innen vollkommen unverständlich ist – auch wenn ich strikte Einkommenslimiten auch kritisch sehe. Das heisst nicht, dass man den Film nicht kritisieren kann. Aber ihn als Kronzeugen für eine Halbierungsinitiative aufzuführen scheint mir sehr übertrieben – jeder klassische Kassensturzbeitrag ist da antikapitalistischer aufgemacht. Dass von Leutenegger – immerhin einem ehemaligen Journalisten – die Forderung nach Löschung kommt, irritiert noch mehr. Denn eigentlich scheint mir, müsste die Devise gelten, dass man sich im Zweifelsfall für die Pressefreiheit einsetzt. Aber da scheint Leutenegger wohl schon zu sehr Politiker geworden zu sein. 

Die ‹Republik› und das WAV-Recherchekollektiv veröffentlichten in der ‹Republik› zwei Artikel zum umtrittenen US-Techkonzern Palantir und dessen Bemühungen um Aufträge in der Schweiz sowie zu den Bemühungen der Standortförderung, Techkonzerne wie Palantir anzulocken. Palantir entwickelt Softwareanwendungen insbesondere für militärische und geheimdienstliche Aktivitäten und wurde von Trump-Unterstützer Peter Thiel mitgegründet. Der ‹Republik›-Artikel beschreibt die Verkaufsbemühungen von Palantir bei den Schweizer Behörden. Die Schweizer Armee habe die Produkte evaluiert und sei zum Schluss gekommen, sie wolle auf diese Produkte verzichten, unter anderem wegen potenziellen Reputationsrisiken.

Jetzt klagt Palantir gegen die ‹Republik›, wie ‹Republik›-Reporterin Adrienne Fichter publik machte. Palantir verlangt eine Gegendarstellung. Auf dem unternehmenseigenen Blog hatte Palantir bereits geschrieben, dass sie die Berichterstattung der ‹Republik› als nicht korrekt betrachtet. Die ‹Republik› lehnt die Gegendarstellung vollumfänglich ab. Die Palantir-Recherche hatte schon vor der Klagedrohung eine gewisse Beachtung gefunden, mit der Klage nun aber noch einiges mehr.

Es sei hier eine kleine Klammerbemerkung erlaubt: Die Medienverantwortlichen von Palantir standen – was ziemlich unüblich ist für Tech-Unternehmen – bereit für ein langes Gespräch mit den Journalist:innen. Dieses sei laut Artikel «erstaunlich offen» verlaufen. Aus dem Blogbeitrag von Palantir schwingt ein wenig ein beleidigter Zwischenton mit, dass man diese Gesprächsbereitschaft nicht gewürdigt hatte. Nun sind die Autor:innen des ‹Republik›-Artikels – insbesondere Adrienne Fichter, aber auch Balz Oertli und Lorenz Naegeli – bekannt für eine kritische Berichterstattung im Tech-Bereich. Es erinnert also ein bisschen an Balz Halter, der auch irgendwie erstaunt war, dass die Immobilienbranche nicht als wahnsinnig menschlich rüberkommt, wenn sie Leerkündigungen ausspricht. Zum zweiten: Eine Gegendarstellung ist im Gegensatz zu einer Löschung kein wahnsinnig scharfes Mittel. Viele Medien würde eine Gegendarstellung irgendwo im Blatt verstecken mit einer Bemerkung, dass die Redaktion an ihrer Darstellung festhält. Da lässt sich auch etwas vermuten, dass der ‹Republik› die juristische Auseinandersetzung nicht ungelegen kommt, weil sie gut in eine David gegen Goliath-Erzählung passt. Was auch legitim ist.

Wir erleben im Moment eine Medienkrise, die nicht nur eine ökonomische ist. Sie ist auch eine Vertrauenskrise. Die auch in einem Zusammenhang miteinander steht. Eine Kritik an den Medien, an schlechtem Journalismus, an Fehlern oder an tendenziöser Berichterstattung ist durchaus berechtigt. Denn fehlende Ressourcen begünstigen auch Fehler und Fehlentwicklungen. Gleichzeitig gibt es ganz offensichtlich auch eine Tendenz, diese Medienkritik dafür zu nutzen, kritische Berichterstattung zu delegitimieren. Wer über die nötigen finanziellen, politischen und intellektuellen Mittel verfügt, wer eine Machtposition in der Gesellschaft innehat, muss damit umgehen können, kritisiert zu werden.

Das heisst nicht, dass alles erlaubt ist und alles hingenommen werden muss. Aber wenn ich Fernsehen schaue – insbesondere auch Privatsender – dann sind es eher andere Personen, die man eigentlich vor sich selber schützen müsste.