Stirb wirtschaftlich

 

Das Sterben geht weiter. Nein, nicht das im Mittelmeer, in Syrien oder in Nigeria, bzw. das zwar auch, sondern natürlich das Lädelisterben. Marinello verkauft, die Migros triumphiert. Manor – naja, kein Lädeli – muss gehen, Swiss Life lässt gehen. Und im Quartier geben sich die Barbetreiber häufiger die Klinke in die Hand, als der Trinker sich an die neue Barkarte gewöhnen kann. Das erstaunt niemanden. Aber das Geschrei in sämtlichen Redaktionsstuben in der Region Zürich, das erstaunt mich dann doch. Ein einzig Heulen und Zähneklappern, wenn das eintritt, was logischerweise immer eintritt, weils im System liegt.

 

Schwer verständlich, warum lauter brave Kapitalisten in ihren gut gepolsterten Redaktionssesseln sitzen und sich darüber aufregen, dass der Kapitalismus funktioniert. Wenn er das ausnahmsweise ja mal tut! Nicht so wie beim Taxigewerbe. Sondern so wie an der Bahnhofstrasse, wo die noch etwas Grösseren die Grossen fressen. Karl Marx höchstselbst hat gesagt, das Kapital neige dazu, sich zu akkumulieren, oder salopp zusammengefasst: Gross frisst klein. Was auch indirekt funktioniert. Also zum Beispiel hat jetzt grad eine kleine Bäckerei in meinem Quartier, die auch am Sonntag offen hatte, ganz zugemacht. Das könnte eventuell damit zu tun haben, dass in 30 Metern Luftlinie eine Filiale einer Innerschweizer Bäckereikette eröffnet wurde, die auch am Sonntag offen und zudem definitiv den längeren Schnauf hat.

 

Nicht, dass Sie jetzt denken, ich fände das gut. Aber auf die Schnelle ändern kann ich’s auch nicht. Was wir da erleben, ist jetzt eben diese berühmte Marktwirtschaft, und die geht so: Um überleben zu können, brauchst du mehr Marktanteile, und da der Detailhandel ein gesättigter Markt ist, machst du das, indem du einen Konkurrenten schluckst. Und, um auf die Migros zurückzukommen: Da der COOP zu dick ist, um ihn zu fressen und dir immer noch der Denner im Dickdarm herumhängt, frisst du gescheiter ein Lädeli.

 

Das ist auch der Frau Barandun vom Zürcher Gewerbeverband offenbar neu. Die Post schliesst ihre berühmteste Filiale an der Fraumünsterstrasse, natürlich aus finanziellen Gründen, what else, und die Frau Gewerbepräsidentin lässt sich in der Tageszeitung mit den Worten zitieren, früher habe die Post den Service public hochgehalten, inzwischen scheine «die Kostenoptimierung im Vordergrund zu stehen». Heiliger Detailhandel! Jetzt spricht der Gewerbeverband schon wie der VPOD, da kommt man ja ganz durcheinander.

 

Einzig, was weder Marinello noch Marx vorausgesehen haben: Dass sich der Patron Marinello, damals noch als Gewerbeverbandspolitiker, für verlängerte Ladenöffnungszeiten eingesetzt hat, obschon ihm klar sein musste, dass dies nur den Grossen nützt, und er sich nun ebenfalls lauthals beklagt, dass die Grossen das ausnutzen, ist schon irgendwie zum Brieggen. Mein Mitgefühl gilt allerdings eher seinen Verkäuferinnen, er muss sich nur noch mit seinen Millionen herumschlagen.

 

Und der Redaktionsschnösel von der Falkenstrassentante, der sich darüber echauffiert, dass er seinen regionalen Käse nun im Grossverteiler kaufen muss, kann sich ja mal in seiner Hausdruckerei melden und die NZZ-Drucker, die soeben entlassen wurden, mit ein paar Käsehäppchen und ein paar schönen Erinnerungen an seine Einkaufserlebnisse beim Marinello aufmuntern. Weil, der Kapitalist schleckt nicht immer nur Zucker, wo denkt ihr hin, er hat im Gegenteil ein beinhartes Leben, und manchmal muss er halt auch ein paar beinharte Entscheidungen treffen, um überleben zu können, und so schleift er denn auch schon mal eine Druckerei, auch wenn’s nicht unbedingt Not täte. Und jammert dann über den Verlust der guten alten Zeit, in der die Lädeli noch läbig und ohnehin alles besser war.

 

Es scheint also doch kein richtiges Überleben im falschen zu geben.

 

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