Stadträume statt Alpträume

Für die Beratung des Regionalen Richtplans hatten sich die Grünen vorgenommen, die Stadt Zürich grüner und velofreundlicher zu machen – was ihnen auch gelungen ist.

 

Markus Knauss*

 

In den letzten Wochen hat der Zürcher Gemeinderat den Regionalen Richtplan beraten (vgl. P.S. vom 1. April). Die Frage stellt sich, was sollen wir planerisch vorsehen, damit Zürich rund 80 000 bis 100 000 EinwohnerInnen zusätzlich aufnehmen kann. Auch wenn die Grünen dem Wachstum und der Standortförderung grundsätzlich kritisch gegenüberstehen, wäre es fatal, nicht mit zu planen und so zu tun, als ob wir dieses Wachstum stoppen könnten. Zu stark ist die Entwicklungsdynamik, und mit der Vorgabe des kantonalen Richtplans, das Wachstum vor allem in den urbanen Ballungsräumen stattfinden zu lassen, sind wir durchaus auch einverstanden. Meine Kollegin in der Kommission, Gabi Kisker, und ich, wie die Grünen insgesamt, haben es uns also vorgenommen, Zürich im Richtplan grüner und velofreundlicher zu machen. Und das ist uns sehr gut gelungen.

Zürich muss grüner werden, weil es den Menschen auch in einer dichteren Stadt wohl sein muss. Darüber hinaus macht die nahende Klimakatastrophe mehr Stadtgrün nötig; das ist lokal die einzige Möglichkeit, die Folgen der Klimaveränderung gering zu halten. Mehr Bäume, mehr Grün- und Freiflächen, mehr Pocket-Parks, mehr versickerungsfähige Böden, mehr Fassadenbegrünungen, insgesamt mehr Grünvolumen sollen die Verdunstung erhöhen, die Sauerstoffproduktion ankurbeln, Staub binden, für mehr Schatten sorgen und dadurch die Temperatur lokal senken und die zunehmende Zahl der Tropennächte verringern. Dabei geht es nicht um grosse Würfe, dazu fehlt meist der Platz, sondern darum, an vielen Orten kleine Veränderungen herbeizuführen. Pocket-Parks beispielsweise können aber nicht nur zu mehr Grünraum führen, sondern auch das Zusammenleben in den Quartieren fördern. Die gemeinsame Pflege einer kleinen Grünanlage oder das Verweilen unterschiedlichster Menschen an einem Ort, wo es einem wohl ist, bieten neue Perspektiven.

Interessant erscheint uns auch der Ansatz, das Grünvolumen in dicht bewohnten Quartieren zu erhalten oder sogar neues zu schaffen. Das Grünvolumen bezeichnet das oberirdische, dreidimensionale Volumen des Grünraums aller auf einer Grundfläche stehenden Pflanzen. Damit reicht es eben nicht mehr, einen grosskronigen Baum zu fällen und einen Ersatzbaum zu pflanzen. Weil dieser erst nach Jahrzehnten wieder das gleiche Grünvolumen hat, wie sein Vorgänger, gilt es schon beim Fällen vielfältige Ersatzmassnahmen zu planen.

Einen zweiten Schwerpunkt stellte der Verkehr dar. Hier lautet das Stichwort Effizienz. Wenn es immer mehr EinwohnerInnen, Arbeitsplätze und BesucherInnen gibt, der Verkehrsraum aber gleich bleibt, so gilt es den beschränkten Raum effizienter zu machen. Damit wird – im Einklang im Übrigen mit der Gemeindeordnung der Stadt Zürich – die flächenmässige Dominanz des Autoverkehrs in Frage gestellt. Autos brauchen eben sehr viel mehr Platz als das Tram oder ein Velo, um eine Person zu transportieren. Am effizientesten sind eh die FussgängerInnen, wie die untere Bahnhofstrasse oder das Trottoir vor der Sihlpost eindrücklich zeigen.

Deshalb liegt es nahe, neben dem schon gut ausgebauten öffentlichen Verkehr ein vergleichsweise günstiges, aber auch flächeneffizientes Verkehrsmittel wie das Velo zu fördern; nur so kann die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems erhalten bleiben. Der Richtplan hat denn hier auch gewisse Vorgaben gemacht: Nicht nur sollen erste Veloschnellstrassen realisiert werden, sondern auch die Qualität der wichtigsten Velorouten gilt es zu verbessern.

Aktuell wird unter dem Vorsteher des Tiefbaudepartementes ein schmürzeliger Minimalismus bei den Velowegen gepflegt (nur ja keinen Parkplatz abbauen!), der nicht geeignet ist, das von allen unbestrittene Ziel zu erreichen: nämlich den Veloverkehr zu verdoppeln. Dazu braucht es aber nicht nur durchgehende, sondern auch sichere Velowege, die eben auch ungeübte VelofahrerInnen ihre täglichen Wege mit dem Velo zurücklegen lassen.

Noch ein Wort zum Beitrag der bürgerlichen Parteien in dieser Debatte. Die SVP profilierte sich neben der U-Bahn einzig mit öden Tunnelvorstössen. Und FDP und CVP gefielen sich in der Schlussdebatte mit Rundumschlägen, statt in der doch anderthalbjährigen Kommissionsberatung bürgerliche Vorschläge für das Zürich von morgen zu machen.

Dagegen macht etwas anderes Hoffnung: Eine breite Allianz aus Grünliberalen, Alternativen, SozialdemokratInnen und Grünen ist sich weitgehend einig, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll. Und unbestritten war, dass sich an den Kosten des Wachstums auch diejenigen beteiligen sollen, die mit Planungsgewinnen am meisten von diesem Wachstum profitieren (dieser Passus im Richtplan wurde konkretisiert). Diesen Eindruck mögen auch die unterschiedlichen Haltungen über die Notwendigkeit von Hochhäusern, Seilbahnen oder einer U-Bahn nicht zu trüben. Von daher weiss eine deutliche Mehrheit im Gemeinderat genau, wohin sie will. Der Richtplan ist somit erst ein erster Schritt in ein grünes und nachhaltiges Zürich.

 

* Markus Knauss ist Gemeinderat der Grünen.

nach oben »»»