- Kultur
Spurensuche
Jana Bruggmann macht sich aktuell im Kunsthaus Zug daran, das Œuvre von Max von Moos (1903-1979) in seiner vielfältigen Verschachteltheit weiter zu dechiffrieren. 1982 habilitierte Hans-Jörg Heusser mit einer «tiefenpsychologischen Werkinterpretation», die zwar archivarisch greifbar, aber auch über die Massen psychoanalytisch jargonhaft verfasst ist, dass ein Wissensdurst in ein Studium ausartete. Auffallend in der grosszügig angelegten Schau sind zumindest mit einem schwulen Blick gleich mehrere Komponenten: Eine Gefahren suggerierende Omnipotenz des körperlich Weiblichen, Zerlegung des Körperlichen in knapp bis kaum zusammengehörende Einzelteile, eine allgemeine Tendenz zur Monstrosität der Darstellung von Körpern (nicht nur menschlicher). In keiner Biografie ist auch nur im Ansatz die Rede von einer amourösen oder sexuellen Liaison, ausser einer lebenslangen Männerfreundschaft, und einer eigens verfassten Notiz, er sei vom «Eros der Pädagogik» erfasst worden, wobei offen bleibt, ob mehr päd oder agogik. In den Zeugnissen seiner Auseinandersetzung mit der Antike verwendet er in der Darstellung des männlichen Gemächts nicht die griechische Symbolhaftigkeit der Zurückhaltung, sondern zeichnet es als ein schrumpelnd-abstossendes Anhängsel. Zuletzt variiert er in skizzenhaften Selbstportraits sein eigenes Antlitz entlang der gesamten Palette der Geschlechtervariationen, inklusive des monsterfratzenhaft Ungefähren. Dass ein adretter, eleganter Herr, der mit seiner Mutter zusammenlebt, sich bildet, reist, liest, sich engagiert, sich mit Philosophie, Psychologie und Politik, ergo einer Gerechtigkeit beschäftigt und darauf bedacht ist, sein Wissen nicht nur kontinuierlich zu mehren, sondern auch weiterzugeben, in den 1950er-Jahren und fortfolgenden auf eine offizielle Benennung seines intimen Innenlebens gut verzichten konnte, liegt auf der Hand. Dass es beinahe nur einem Spross einer wohlhabenden, angesehenen Familie überhaupt möglich war, ein ganzes Leben lang in einer solchen Nichtdefinition zu verbringen, ohne sich zum Schein ein angeblich sittsames Fassadenäusseres zulegen zu müssen, aber auch. Wenn, wie das Jana Bruggmann als Kuratorin mehrfach betont, die Entschlüsselung seines Werks bisher aus kunsthistorischer Perspektive noch nicht zur Gänze möglich war, könnte es womöglich auch daran liegen, dass bislang die Komponenten Sex und Gender zu sehr ausser Acht gelassen blieben.
«Max von Moos: Die Aufschlüsselung», bis 25.5., Kunsthaus Zug, Zug.