Spurensuche bei sich selbst

Der Zürcher Journalist und Theatermacher Timo Krstin legt mit «Leopardenmorde» einen tiefpersönlichen deutschen Generationenroman vor. Mit Simon Muster hat er darüber gesprochen, warum es eine neue Form der Vergangenheitsbewältigug braucht. 

 

Timo Krstin, wir kennen uns persönlich gut und duzen uns deswegen. Dein erster Roman heisst «Leopardenmorde». Wieso?

Timo Krstin: Die Erzählung zu den Leopardenmorden ist eine der ersten weissen Verschwörungstheorien auf dem afrikanischen Kontinent, mit denen die Weissen im Prinzip ihre Angst vor den Menschen, die sie unterdrückt haben, in eine brutal rassistische Erzählung gepackt haben. Ganz grob glaubten die weissen Kolonialisten, dass eine panafrikanische Widerstandsbewegung weisse Menschen aus dem Hinterhalt töteten. Die Verschwörungstheorie hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, weist aber gleichzeitig sehr interessante Parallelen zu heutigen rechtspopulistischen Verschwörungstheorien auf. Der Roman folgt dieser politischen Lügenerzählung durch drei sehr verschiedene politische Systeme bis in die Gegenwart.

 

Dein Roman dreht sich um die historische Figur George Ebrecht, der zuerst als kolonialistischer Schriftsteller mithalf, die Verschwörungstheorie der Leopardenmorde zu verbreiten, später als SS-Offizier Karriere machte, dann Friedensaktivist in der Bundesrepublik wurde und in den Erinnerungen des Ich-Erzählers als Grossvater auftritt. Was kann uns eine solche Figur heute erzählen?

Um das zu beantworten, muss ich ein bisschen weiter ausgreifen. Der Grossvater hatte ein wichtiges Ziel im Leben: Er war besessen davon, seine Politik zu vererben. Ich würde sogar behaupten, dass das ein Grund war, weshalb er überhaupt den Nationalsozialisten beigetreten ist. Für die Nazis war Politik und Angehörigkeit einer biologischen Kategorie das Gleiche. Der Versuch meines Romans ist es, den irrsinnigen Rassismus dahinter aufzuzeigen und gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass über die Verschränkung von Biologie und Politik eine Rhetorik etabliert wurde, die sich auf ihre Art tatsächlich fortgepflanzt hat und immer wieder, wenn es in Europa populistische Wellen gibt, hochkocht. Als ich mit dem Projekt startete, konnte man das gut an der Reaktion auf die Flüchtlingsbewegungen beobachten, Damals wurden sehr ähnliche Verschwörungstheorien bedient, wie sie die Hauptfigur im Roman verwendet. Aber vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und des Ukraine-Kriegs hat diese Art der Politik nochmals an Aktualität gewonnen.

 

Sprechen wir den Elefanten im Raum an: George Ebrecht war dein Grossvater. Wie autobiografisch ist der Roman?

Das ist eine Frage, die man einem Schriftsteller ja eigentlich nicht stellen darf. Aber der Roman stellt ja die Identitätsfrage von sich aus. Darum ist sie doch gerechtfertigt. Ich würde sagen: Der gesamte Roman ist autobiografisch und ist gleichzeitig eine Fiktion. Das ist meine Art, der Politik meines Grossvaters mächtig zu werden, die auf eine moderne populistische Weise immer mit Fälschungen, Lügen und Unwahrheiten gearbeitet hat. Er hatte sein Leben und seine Politik also selbst schon fiktionalisiert. Für eine gewisse Zeit meines Lebens glaubte ich zum Beispiel wirklich, er sei ein linker Friedensaktivist gewesen. Diese Fiktionalisierungen meines Grossvaters wollte ich nicht einfach leugnen. Damit wäre ich ihm gewissermassen in die Falle gegangen, weil ich wiederum behauptet hätte, im Besitz einer Wahrheit zu sein. Die Romanform geht anders vor. Sie stellt die Tatsache, dass sie Fiktion ist, aus und setzt sich mit den problematischen Seite hinter Fiktionen auseinander. 

 

So schreibst du dich gleichzeitig auch in seine Geschichte ein, sozusagen die Antithese zur Selbstlüge «Alle waren Nazis, nur mein Grossvater nicht».

Ja. Ich habe irgendwann festgestellt, dass sich viele Menschen in meinem Umfeld mit der Nazizeit zwar gut auskennen, das Wissen aber oft rein theoretisch bleibt. Also: Viele kennen die Geschichten von ehemaligen Nazis, aber wenn es zur eigenen Familiengeschichte kommt, klaffen bis heute zum Teil eklatante Erinnerungslücken. Das ist menschlich nachvollziehbar, es ist aber auch gefährlich, weil der Faschismus dadurch in eine weit entfernte Vergangenheit rückt und mit der Schuld auch die Verantwortung verloren geht. Das hilft der aktuellen populistischen Rechten, die unter anderem deshalb so radikal auftreten kann, weil sie nicht mehr für die deutsche Vergangenheit in die Verantwortung genommen wird. Inzwischen haben wir in der Linken eine intelligente Form der Identitätspolitik, die das leisten kann. Indem man die Identität auch der Täterseite annimmt, kann man mit ihr kämpfen und sich dagegen wehren, wenn diese Geschichten falsch wiedergegeben, ausgeblendet oder für rechte Propaganda instrumentalisiert werden. Es ist also eine emotional persönliche Aufarbeitung, die im Gegensatz zu dem steht, was in Deutschland mit der seltsamen Vokabel Vergangenheitsbewältigung beschrieben wird. Was ich bewältige, ist irgendwann verschwunden. Was aber verschwunden ist, kann heimlich still und leise wiederkehren.

 

Im ersten Abschnitt schreibst du aus der Sicht von George sowie seiner Familie nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis. Wie bist du mit der Gefahr umgegangen, dass du dadurch, dass du die Innen- und Gedankenwelt von Verbrechern beschreibst, sie nicht verharmlost?

Das ist genau eines der Probleme, dass sich stellt, wenn man versucht, Identität aufzuarbeiten. Ich muss mich in die Figuren reindenken. Ich habe zwar kein Verständnis für ihr Handeln, aber ich kann es auch nicht einfach neutral thematisieren. Ich muss die Täterperspektive erleben.  Und wenn ich sie erlebe, bin ich der Täter.

 

Dein Roman dreht sich auch viel um die Frage, wie das Patriarchat in die Leben anderer eingreift und welche Freiheiten möglich werden, wenn der Patriarch verschwindet. Wie hängt dieser Teil mit den anderen Themen des Romans zusammen?

Yes, genau, das ist neben den Verschwörungserzählungen und der Erinnerungsarbeit das dritte Thema meines Romans. Ich würde sogar sagen, dass die kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeiten der grosse politische Kontext meines Romans ist. Das beginnt schon bei der Art, wie sich Männer in dieser Erzählung immer prädestiniert fühlen, Politiker zu sein und dadurch die ganze Familie mit Gewalt in Geschlechterrollen drücken. Ich versuche, mich in einem sehr privaten Rahmen mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sich das Patriarchat fortpflanzt und welche faschistoiden Handlungsmuster dem Patriarchat eingeschrieben sind. Denn das zeigt die Geschichte meines Grossvaters auch: Faschismus und das Patriarchat sind eng miteinander verschränkt.

 

Leopardenmorde. Klak Verlag, Berlin 2022, 420 Seiten, 20.80 Franken. 

 

 

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