- Kultur
Spieltrieb
Der experimentelle Zugang zu Leidenschaft, die spielerische Variation im Umgang mit Eros und Sex steht in Grossbuchstaben über dem fotografischen Werk von Paul Mpagi Sepuya. Nicht gleicherart Realität wie berühmte Vorläufer den männlichen Körper als Sehnsuchtswiedergabe mit ihrer Fotografie im Sinn hatten, interessiert den US-Amerikaner, sondern die eigentliche Wiedergabe grenzenloser Möglichkeiten, wenn die Befreiung im Spiel auch den Schabernack, die Selbstironie und das Experiment im formalen Sinn mitmeint. In drei Abteilungen – Studio, Dark Room und Archiv – zeigt seine erste Schweizer Einzelausstellung im Fotomuseum Winterthur, wieweit der Begriff enthemmt noch getrieben werden kann, wenn das Verständnis dafür über einen Akt hinausgeht und das fotografische Handwerk mit einschliesst. Dark Room zeigt im Resultat völlig unscharfe Langzeitbelichtungen von letztlich wie Performances wirkenden Interaktionen zwischen Menschen und seis ein bloss heftig wildes Küssen. Formal eindeutig einschlägig verortet im Schutz des Rotlichts einer Dunkelheit. Insbesondere in den Studioaufnahmen, die mit dem Gedanken einer vollkommenen Transparenz, häufig viel mehr von der Umgebungseinrichtung zeigen, als einen Körper(teil), springt einem ein erfrischendes Verständnis für das Spiel mit dem Spiel entgegen. Die karge, ja kalte, technische Umgebung und Gerätschaften mit Stativen, Spiegeln, Abblendfolien, Leuchten nimmt oft den grössten Raum in der finalen Fotografie ein. Was an Körperlichkeit darin überhaupt noch zu sehen ist, zeugt von einer intimen Vertrautheit der involvierten Personen, einer ungemeinen Ungezwungenheit gegenüber irgend einer Erwartung und der Selbstverständlichkeit der Berücksichtigung des Wohlergehens und -fühlens aller an diesen ebenfalls performativ erscheinenden Happenings Teilhabenden. Lüsternheit ist in dieserart Aktfotografie die erst letzte Assoziation, obschon sie in Teilen und in Details natürlich explizit verhandelt wird. Sehr viel stärker und durchdringender evozieren diese Arbeiten die Notwendigkeit für und die Bereicherung durch eine Gesamtsituation, in der sich sichtlich sämtliche Involvierten gelöst und wohl und sicher fühlen (können), was wiederum auf die Betrachtenden in der Weise einer einladenden Aufforderung wirkt, sich aus einer Spannerwarte im generellen Umgang mit körperlicher Intimität zu befreien. Womöglich sogar im realen (Er-)Leben. Quasi der in eine verführerische Verlockung verpackte Wink mit dem Zaunpfahl.
Paul Mpagi Sepuya: «Im Blick des Begehrens», bis 14.6., Fotomuseum, Winterthur.