Spieglein, Spieglein an der Kreuzung…

Trixi-Spiegel versprechen, die Gefährdung des Rad- und Fussverkehrs durch abbiegende LKW und Busse zu vermindern. Warum hat Zürich keine?

 

Die Verkehrsunfälle der letzten Wochen beschäftigen die Stadtpolitik, doch schnell umsetzbare Lösungen scheinen weiterhin zu fehlen (siehe Seite 14 und 15). Eine relativ schnell umsetzbare Lösung wären sogenannte Trixi-Spiegel. Die gewölbten zusätzlichen Spiegel werden an Kreuzungen befestigt und reduzieren den toten Winkel für Motorfahrzeuge beim Rechtsabbiegen. Die Stadt Winterthur führte die Trixi-Spiegel nach drei tödlichen Rechtsabbiegeunfällen zwischen Lastwagen und Velofahrenden 1998 ein. 

 

In Zürich gab es bereits mehrere erfolglose Versuche, Trixi-Spiegel auf Stadtgebiet einzuführen. Bereits 1999 wollte die ehemalige Gemeinderätin Nicole Bisig (SP) in einer schriftlichen Anfrage wissen, ob der Stadtrat auch plane, Trixi-Spiegel nach dem Winterthurer Vorbild zu installieren. Der Stadtrat verneinte, in Zürich werde bei der räumlichen Gestaltung darauf geachtet, dass den RadfahrerInnen ausreichend Distanz vor der für Autos und Lastwagen massgebenden Haltelinie erlaubt werde. Stichwort: Velosäcke.

 

Das Problem: Genau dann, wenn VelofahrerInnen auf sie angewiesen sind – wenn also viele AutofahrerInnen an der Ampel stehen – können sie nicht zu der für sie ausgesparten Fläche vorfahren, weil die Motorfahrzeuge den Weg blockieren. Darauf wies Brigitte Fürer (Grüne) in der Gemeinderatsdebatte vom 11. Mai 2022 hin. Der Gemeinderat überwies in der Folge ein Postulat von Fürer und Natalie Eberle (AL), das die Prüfung einer gesamtstädtischen Einführung von Velosäcken forderte. Brisant: An der Lochergut-Abzweigung, bei der vor zwei Wochen eine Velofahrerin tödlich verunglückte, ist ein Velosack am Boden markiert.

 

Aber zurück zu den Trixi-Spiegeln: 2002 überwies der Gemeinderat in Zürich dann ein Postulat, dass den Stadtrat erneut beauftragte zu prüfen, ob mit der Installation der gewölbten Spiegel nach Winterthurer Vorbild die Verkehrssicherheit nachhaltig verbessert werden kann. Die Antwort des Stadtrats, drei Jahre später: Immer noch Nein. «Trixi-Spiegel eliminieren den toten Winkel nämlich keineswegs, die Fahrzeuglenkenden sehen in ihnen die Lage ihres Fahrzeugs auch nicht direkt, sondern von oben und damit aus einer weitgehend unvertrauten Perspektive.» 

 

Einer der letzten Sätze aus der Antwort hat aus heutiger Sicht allerdings einen bitteren Nachgeschmack: «Lediglich ergänzend ist zu erwähnen, dass es seit dem 1. Januar 1993 in der Stadt Zürich glücklicherweise nur zwei Mal zu Unfällen zwischen rechtsabbiegenden Lastwagen und Velofahrenden gekommen ist.» 

 

Nutzen umstritten

Wie sinnvoll sind aber Trixi-Spiegel in der Verhütung von Unfällen beim Rechtsabbiegen? Die Datenlage ist dünn und widersprüchlich. In München zeigte letztes Jahr eine Analyse des Mobilitätsreferats, dass bei insgesamt 554 beobachteten Lkw-Abbiegevorgängen, davon 140 unter Beteiligung von Fahrradfahrern, der Trixi-Spiegel nur in rund neun Prozent der beobachteten Fälle verwendet worden sei. 83 Prozent der LKW-FahrerInnen hätten hingegen nur ihren Fahrzeugspiegel beachtet. 

 

Zu einem anderen Schluss kam eine Analyse der Stadt Freiburg im Breisgau von 2010. Für die Studie wurden ExpertInnen und VerkehrsteilnehmerInnen befragt sowie Video- und Unfallanalysen durchgeführt. Das Resultat: 90 Prozent der befragten Bus- und Lkw- Fahrer hätten den Trixi-Spiegel registriert und schätzen ihn als hilfreich ein. Die Studie im Auftrag der Stadt konnte allerdings keine Aussage über den Einfluss der Trixi-Spiegel auf die Unfallstatistik machen. Dafür war der Untersuchungszeitraum zu kurz. 

 

Im Baudepartement der Stadt Winterthur habe man keine Kenntnisse von Evaluationen oder Studien zu den Trixi-Spiegeln, schreibt Departementssekretär Lukas Mischler auf Anfrage. Man sei aber grundsätzlich der Meinung, dass sich diese Spiegel bewährt haben und der Sicherheit der Velofahrenden dienen würden. 

 

Unfallprävention

Auch wenn die verschiedenen Städte unterschiedliche Erfahrungen mit der Einführung von Trixi-Spiegeln gemacht haben, ist man sich einig: Die Spiegel sind nur ein Puzzleteil in einer umfassenden Unfallprävention. Darauf weist auch Yvonne Ehrensberger, Geschäftsleiterin Pro Velo Kanton Zürich, auf Anfrage hin. «Solche Spiegel können für LKWs im Stillstand sinnvoll sein, im rollenden Verkehr bringen sie jedoch kaum etwas.» Ein essenzielles Problem sei die Komplexität und Gleichzeitigkeit von Manövern und Verkehrsströmen. «Hier stossen auch Spiegel an ihre Grenzen.» Neben Infrastrukturmassnahmen sieht Ehrensberger vor allem in der Ausrüstung der Lastwagen, der Ausbildung der FahrerInnen sowie in der Sensibilisierung der VelofahrerInnen wichtige Verbesserungsschritte. 

 

Die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich hat indes auf Anfrage der P.S.-Zeitung mitgeteilt, dass sie den Einsatz von Trixi-Spiegeln in geeigneten Situationen als kurzfristige Massnahme erneut prüfen wird. 

 

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