«Sonst stünden sie am HB herum»

Unabhängig von Aufenthaltstiteln und bürokratischen Verfahren ermöglicht das Projekt ‹Welcome2School› jugendlichen Flüchtlingen den schulischen Alltag, nach dem sie sich sehnen. Noch können längst nicht alle jungen Geflüchteten vom zivilgesellschaftlichen Angebot profitieren. Von Manuela Zeller

 

Es ist 13.45 an einem Dienstagnachmittag: In einer Viertelstunde beginnt der Unterricht. Katrin Jaggi widmet sich parallel mehreren dringenden Aufgaben: Es braucht einen Ersatz für die zwei kranken Lehrpersonen; sie muss einen Termin mit einem Schüler abmachen und schliesslich einem zweiten Schüler erklären, dass «ich wollte Fussball spielen» kein guter Grund für eine Absenz sei. Die Stadtplanerin und ehrenamtliche Schulleiterin wirkt wie eine routinierte Multitaskerin, gutgelaunt und im Schuss.

 

Dabei sei es normalerweise nicht so stressig, versichert sie nachher im Café. Das Durcheinander habe vor allem mit drei krankheitsbedingten Absenzen zu tun: Nicht nur zwei Lehrpersonen sind ausgefallen, auch Jan Capol ist krank, der zweite Schulleiter.

 

Katrin Jaggi und Jan Capol hatten vor einem Jahr mit der Planung für das Projekt ‹Welcome2School› begonnen: Unterricht für jugendliche Asylsuchende, die der Schulpflicht entwachsen sind und deswegen keinen Anspruch auf Bildung haben. Gerade bei Asylgesuchen mit guten Aussichten kann das Asylverfahren zwei bis drei Jahre dauern. Lange Tage und Monate, wenn es an Beschäftigung fehlt. – Was würden die Jugendlichen machen, wenn sie jetzt nicht bei euch im Unterricht sitzen würden? – Katrin Jaggi überlegt: «Vermutlich irgendwo am HB herumstehen, was sollen sie denn sonst tun».

 

Viele ihrer Schülerinnen und Schüler seien ohne Eltern hier in der Schweiz. Weil sie über 16 Jahre alt sind, würden sie aber nicht in einem Heim betreut, erklärt die Schulleiterin, sondern auf sich alleine gestellt in einer ‹Flüchtlings-WG› wohnen. So ganz ohne Strukturen in einem noch unbekannten Land zu leben, das sei eine hohe Anforderung an die Teenager. «Wahrscheinlich hätte ich selber Mühe, wenn ich meinen Alltag ganz alleine organisieren müsste, ohne den Halt, den mir mein Job, meine Familie oder meine Projekte geben», lacht Katrin Jaggi.

 

60 Jugendliche können dank ‹Welcome2School› von Montag bis Freitag zur Schule gehen. Neben Deutsch stehen Computerunterricht, Naturwissenschaften, Mathe, Staatskunde, Geographie, Malen und Schwimmen auf dem Stundenplan. Die Schulräume liegen oberhalb vom ‹Central› und werden von der katholischen Kirchgemeinde Liebfrauen zur Verfügung gestellt. Die 60 Lehrpersonen arbeiten ehrenamtlich. Für jede Stunde sind zwei LehrerInnen eingeteilt, mindestens eineR von ihnen ist ausgebildete Lehrperson. «Toll wäre eigentlich, wenn sich noch mehr pensionierte Lehrkräfte bei uns melden würden», überlegt Katrin Jaggi, «wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit älteren Lehrpersonen».

 

Mehr Nachfrage als Angebot

 

Ursprünglich hatten sich Katrin Jaggi und Jan Capol mit insgesamt dreissig SchülerInnen gerechnet. «Am ersten Tag waren es 26, da dachten wir, das passt doch! Am zweiten Tag kamen zwanzig dazu und so ging es weiter. Sechzig ist für uns aber vorläufig die Obergrenze.» Die Idee war anfänglich, dass die Jugendlichen ‹Welcome2School› verlassen, sobald sie einen Asylentscheid bekommen. Die Vorstellung, neuen SchülerInnen Platz zu machen, hätte die Jugendlichen aber viel zu sehr verunsichert, erzählt Katrin Jaggi. «Die SchülerInnen haben hier endlich FreundInnen und Stabilität, das wollen wir ihnen nicht nehmen. Deswegen dürfen die Jugendlichen jetzt so lange bleiben, bis sie eine weiterführende Schule oder eine Berufsausbildung machen können, auch nach dem Asylentscheid. Dafür werden weniger neue aufgenommen. «Das tut schon weh, es kommen jeden Tag Jugendliche, die unbedingt unterrichtet werden wollen und die wir wegschicken müssen». Katrin Jaggi ist aber optimistisch. Seit sie und Jan Capol in der SRF-Sendung ‹Helden des Alltags› zu sehen waren, ist ‹Welcome2School› bekannter geworden – und hat andere Menschen inspiriert, ähnliche Projekte aufzubauen.

 

Die beiden Schulleiter kennen sich aus dem Zürcher Amt für Städtebau, wo sie beide Mitglieder der Geschäftsleitung gewesen waren. Das Projekt ist aus dem dringenden Bedürfnis entstanden, helfen zu können. Beide sind neben ‹Welcome2School› berufstätig, um die Schule kümmern sie sich in der Freizeit. Zwar macht ihnen ihr Engagement Spass, trotzdem sehen die beiden nicht ein, wieso sich zivilgesellschaftliche Organisationen um so elementare Bedürfnisse wie Bildung und Beschäftigung kümmern müssen.

 

Der Grund dafür liegt in der Schweizer Asylpolitik. In die Bildung von Asylsuchend en zu investieren, ist nicht vorgesehen. Geld wird meistens erst gesprochen, wenn der Entscheid vorliegt und die Jugendlichen mit den so bedeutungsvollen Buchstaben F oder B versehen werden. So finanziert sich das Projekt momentan vor allem über Spenden und Stiftungsgelder. Jaggi und Capol wünschen sich, dass vermehrt die Gemeinden die Kosten übernehmen – wenigstens bei SchülerInnen mit F- oder B-Ausweis «Das würde uns helfen, auch den Unterricht der Jugendlichen mit laufendem Verfahren zu finanzieren».

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