(Bild: Kim Imwinkelried)

So schön bequem

Zukunft braucht Herkunft. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Gefahr lauert überall. Wussten Sie alles schon? Dann bleiben Sie doch in der Komfortzone des Halbschlafrückzugs liegen.

Sie könnten sonst aufgeweckt werden und sich von beunruhigenden Teilaspekten allzumenschlicher Unzulänglichkeit als höchstselbst betroffen vorkommen. Darum flüstert Andres Lutz alias Dr. Lüdi auch. Aus Rücksicht. Und erreicht damit natürlich im Gegenteil, dass sein Pu­blikum die Ohren erst recht spitzt. In einer recht freihändigen und nicht besonders neutral ausgewogenen Evolutionsgeschichte des Menschen seit dessen Dienstbarmachung der Maschine bis hin zur Verkehrung der Verhältnisse in einem Heute behandelt «Lüdi singt zur Maschine» sämtliche nur so semiwahrhaftigen Schlagworte, angefangen bei «jeder ist seines Glückes Schmied». Es beginnt mit Gebrabbel, das in eine Gutenachtgeschichte unter Inkaufnahme von Albträumen mündet, kurz am Stadel des gedankenlosen Hedonismus innehält, um dann über der nicht exakt komplett uneigennützigen Beweisführung eines selbsternannten Erklärbärs sämtliche augenscheinlichen wie verborgenen Zusammenhänge des Daseins vollends erfasst zu haben ins Schlittern, Grübeln und Zweifel zu geraten. Also er ja nicht, versteht sich. Er ist ja der Urheber dieser anmassenden Publikumsbelustigung, die über weite Strecken bloss einen solchen Anschein erwecken will, weil ja der Weg des konfrontativen Predigens eines Moralappells hier nicht hingehört, noch nie zu etwas geführt hat und auch den Muskel des Selberdenkens nicht mobilisiert. Natürlich ist er defätistisch und sarkastisch und dabei angeblich plump und dilettantisch. Schlafende Hunde soll man nicht wecken. Stellen Sie sich die Schlagzeile einer von der Roten Fabrik in Zürich ausgehenden Revolte zum Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung nur mal vor. Also ganz sanft, möglichst schmerzlos und in Watte gepackt, all die Fallhöhen und Schräglagen, die es nunmal auszuhalten gilt, also angeblich, andeutungsweise klar zur Sprache bringen, als ob es sich um eine reine Symbolik von Märchenerzählungen handelte. Sein gestreiftes Gefangenentenue signalisiert ja schon von vornherein, dass hier sowieso etwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Es wird ja niemand jemals ohne Grund seiner Freiheit beraubt. Dafür kümmert sich ja der Common Sense, der von ganz allein unabänderlich, unverrückbar und sakrosankt allein dem Wohle aller verpflichtet war, ist und auch für immer bleibt. Wenn ichs mir nicht recht überlege, sondern lieber weiter sorgenlos weiterdöse.

«Lüdi singt zur Maschine», 8.2., Fabriktheater, Zürich. Nächstmals: 6.3, La Marotte, Affoltern a.A. und 6./7.11., Theater Ticino, Wädenswil.