- Kultur
Sinnsuche
Als sich Tim Krohn kurz vor der Jahrtausendwende dazu anschickte, die Sagenerzählung mit seinem Roman «Quatemberkinder» in ein neues Zeitalter zu überführen, traf er einen Nerv und das Buch wurde zum literarischen Ereignis. Knapp zehn Jahre später erweiterte er diese Fabelwelt aus Geistwesen und Hexern weiter und veränderte für «Vrenelis Gärtli» zudem die Perspektive, indem er eine frühere Nebenfigur zum zentralen Dreh- und Angelpunkt machte. Das damalige Theater an der Sihl (heute ZHdK) stellte den Stoff noch vor Erscheinen des zweiten Romans in einer dreieinhalbstündigen Inszenierung als Hybrid beider Sagenerzählungen auf die Bühne. Jetzt überführt das Kellertheater Winterthur in einer Co-Produktion mit der Groupe Nous (Inszenierung und Raum: Patrick Slanzi, Jonathan Bruckmeier, Live-Musik: Nicolas Balmer) den für gewöhnlich intellektuell gestützten Zugang zu Text in ein vielmehr sinnliches Erleben, wozu sowohl die Kunstsprache von Tim Krohn als auch die fantastisch-mythische Erzählung einladen. In dieser gekürzten Fassung tritt das Begehren zur Selbstverwirklichung von Vreneli (Annina Walt) deutlich in den Vordergrund. Als Waise trauert sie der früh verstorbenen Mutter nach, von Bersiäneli (Catriona Guggenbühl) lernt sie das Hexen respektive Zaubern. Als ihr inneres Tier füchslet sie vollkommen frei und grenzenlos durch die Bergwelt von Glarus und die Linthebene, wo sie endlich sowohl das Herz von Melk als auch eine künstlerische Anerkennung, deren Ruhm bis nach Paris reicht, gewinnen will, indem sie zuoberst auf dem Glärnisch auf das nach ihr benannte Firnfeld Schneeblumen brünzlet. Sie empfindet ihr Leben als Gnuusch, weiss um die Unterscheidung eines gezöpfleten Lebenswegs, der erst rückblickend als sinnstiftendes Ganzes und dabei erhaben Stolzes und Schönes erkennbar wird und wünscht sich insgeheim doch, ihres würde viel einfacher wie eine Wurst in einer Geraden zwischen den beiden Enden verlaufen. Dabei ist sie offenen Herzens neugierig und weigert sich, angeblich sittsame Einschränkungen ihrer Freiheitsliebe zu akzeptieren. Die Ratschlagende und die Beratschlagte sind hier einander gegenseitig lehrende Figuren. Ein Unterbau fürs Köhlern und eine Axt sind die einzigen haptischen Accessoires, die von der reinen Lichtstimmung in Grundfarben und kompletter Dunkelheit ergänzt, als bewusstes Weglassen von Firlefanz erkennbar werden. Die Komplexität dieser spielerischen und sprachpoetisch erweiterten Sinnsuche ist nachgerade umfassend.
«Vrenelis Gärtli», bis 29.3. (ausverkauft), Kellertheater, Winterthur.