Der Feldhase steht unter Druck. (Bild: Unsplash)

Sind auch die vielen Hunde des Hasen Tod?

Dem Feldhasen geht es im Kanton Zug nicht gut. Das hat vor allem mit der Verarmung seines potenziellen Lebensraumes zu tun. Aber auch von freilaufenden Hunden geht Gefahr aus.

Wer heutzutage im Kanton Zug einen Feldhasen zu Gesicht bekommt, hat Glück: Durch die intensivere Nutzung der Landschaft und dem damit verbundenen Verlust an Habitaten während der letzten Jahrzehnten sind die Feldhasenbestände auch im Kanton Zug sehr stark zurückgegangen. In gewissen Gebieten im Kanton kann der Feldhase heute gar nicht mehr nachgewiesen werden. Und dort, wo Feldhasen noch vorkommen, sind die Populationsdichten tief. Seit dem Jahre 2000 werden standardisierte Zählungen durchgeführt. Dabei wurden jeweils im Talgebiet nur noch wenige Hasen gezählt, während der Bestand im Berggebiet Schwankungen unterworfen ist. 

Selbst die Lorzenebene, welche Mitte April zur «Schweizer Landschaft des Jahres» gewählt wurde, stellt heute eine weitgehend stark ausgeräumte und strukturarme Landschaft dar. Vor Jahrzehnten war dies in weiten Teilen ein viel weniger überbautes, kleinstrukturiertes Gebiet mit vielen Obstbäumen. Für den Feldhasen und weitere Niederwildarten sind auch in dieser «Landschaft des Jahres» die Lebensbedingungen mittlerweile viel ungünstiger geworden.

Im Talgebiet bietet sich noch ehesten beim Rüssspitz die Chance, mal einen Feldhasen zu sichten. Dabei wäre dieses Tier im Grunde gar nicht sonderlich anspruchsvoll. «Potenziell könnte der Feldhase eigentlich fast überall vorkommen, wo es Felder, Brachen oder extensiv genutzte Wiesen hat. Sie kommen vereinzelt auch im Wald vor», sagt Larissa von Buol von Pro Natura Zug.

Zug hätte eine ideale Lage und Topografie

«Grundsätzlich bietet der Kanton Zug aufgrund seiner Lage und Topografie viel Potenzial als Lebensraum für Feldhasen. Dennoch müssen die Feldhasenbestände, insbesondere im Talgebiet, heute als sehr tief bezeichnet werden», sagt Christof Nussbaumer vom Amt für Wald und Wild des Kantons Zug.

Woran liegt das? Zentral sei, dass der Lebensraum für dieses Tier in den letzten Jahrzehnten zunehmend litt. Diese Verschlechterung habe dabei – vor allem wegen der intensiveren Nutzung der Landschaft – bereits nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. «Die historische Kulturlandschaft kam dem Feldhasten sehr entgegen. Die damalige hohe Strukturvielfalt – also ein Mosaik aus Acker, Brachland, Wiesen, Säumen und Hecken – sowie dünn gesätes Getreide, Rüben- und Hackfruchtfelder und seltene oder späte Mahd im Futterbau diente als optimaler Lebensraum», so Nussbaumer. Durch die intensivere Nutzung der Landschaft seien viele dieser Elemente verloren- oder zurückgegangen. «Wer Feldhasten fördern will, sollte somit den Blick rückwärts richten und entsprechende Massnahmen umsetzen.»

Hohe Hundepräsenz als zusätzliche Gefahr

Rückblende: Es ist Winter. Ein Waldgebiet unweit der Schönegg oberhalb von Zug. Zwei Hunde rennen wild auf einer Waldstrasse umher. Die Halterin der Hunde weist im Gespräch darauf hin, dass die Leinenpflicht erst ab April gelte. Das stimmt. Aber es bleibt die Frage: Wie gross ist die Gefahr, dass solche Hunde Wildtiere angreifen? Zum Beispiel eben einen Feldhasen, der sich – wer weiss – vielleicht gerade auf einer Wiese in der Nähe des Waldes befindet?

Können auch freilaufende Hunde den Feldhasen gefährden? Grundsätzlich ja, findet Christof Nussbaumer. «Gerade in periurbanen Gebieten, wo die Hundepräsenz hoch ist, können freilaufende Hunde – ebenso wie andere Raubtiere wie beispielsweise Füchse – den Hasenbestand zusätzlich beeinflussen. 

Dies insbesondere dann, wenn sie sich während der Aufzuchtzeit der Hasen – also der Hauptsetzzeit zwischen März und September – in ungemähten Wiesen, Uferbestockungen oder im Wald bewegen. Allerdings lasse sich der Einfluss freilaufender Hunde im Kanton Zug nicht quantifizieren. 

«Um junge Feldhasen in störungsintensiven Gebieten wirksam zu schützen, können sich Elek­trozäune als besonders effizient erweisen.» Christof Nussbaumer geht aber davon aus, dass ein Schutz mit solchen Elektrozäunen im Kanton Zug derzeit nirgends praktiziert wird.

Weichen Hundehalter vermehrt auf Felder aus?

Für Thomas Rickenbacher, den früheren Präsidenten des Zuger Bauernverbandes, ist klar, dass überall dort, wo es Parkplätze und Wanderwege hat, die Gefahr besteht, dass Hunde auch Feldhasen jagen. «Es liegt in der Sache der Natur, dass freilaufende Hunde mit Ihrem Jagdinstinkt Wildtiere jagen oder gar verletzen. Durch Hunde werden auch weitere Bodenbrüter, aber auch Igel oder Hofkatzen, gejagt. Manchmal jagen die Hunde sogar andere Hunde.» Rickenbacher betont aber, dass sich viele Hundehalter und Hundehalterinnen vorbildlich verhalten und ihre Hunde nicht einfach frei herumlaufen lassen würden. 

Seit etwas mehr als einem Jahr gilt im Kanton Zug für die Zeit vom April bis Juni im Wald ein Leinenzwang. Könnte es sein, dass Hundehalterinnen deswegen vermehrt auf die Felder ausweichen? Das sei schwer abzuschätzen, meint Rickenbacher, da die erwähnte Regelung noch nicht sehr lange in Kraft sei. Für ihn ist aber so oder so klar: «Während der Vegetationszeit ist das Betreten oder Befahren der landwirtschaftlichen Kulturen zu unterlassen.» Dies gelte im Grundsatz auch für die Zeit im Winter. «Derartige Flächen sind keine Erholungs- und Spielplätze.»

Risse von Rehen sind im Kanton Zug belegt

Dass Hunde für Risse von Wildtieren grundsätzlich infrage kommen können, zeigen die Zahlen, welche der Zuger Polizei vorliegen. Dazu Frank Kleiner, Mediensprecher der Zuger Polizei. «Im Jagdjahr 2024 konnten sechs getötete Rehe auf Verletzungen durch Hunde zurückgeführt werden. Das dafür verantwortliche Tier sowie der Tierhalter konnten nicht ermittelt werden.» Die DNA sei hinterlegt worden, sodass diese im Wiederholungsfall einem Individuum zugeordnet werden könnte. «Im Jagdjahr 2025 konnte ein getötetes Reh auf Verletzungen durch Hunde zurückgeführt werden. Das dafür verantwortliche Tier sowie der Tierhalter konnten nicht ermittelt werden.» Auch in diesem Falle sei die DNA hinterlegt worden.

Kleiner erinnert an die geltenden Regeln: «Wer mit seinem Hund im Wald oder an Wegen entlang eines Waldrandes unterwegs ist, hat den Hund zwischen April und Juli an der Leine zu führen. Ausserhalb dieser vier Monate müssen Hunde im Wald und am Waldrand in Sichtdistanz und so unter Aufsicht gehalten werden, dass sie jederzeit abrufbar sind und weder Mensch noch Tier belästigen oder gefährden.»

«Es geht um ein klassisches Störungsproblem»

Wie stark ist die Gefährdung der Feldhasenpopulationen nun aber tatsächlich einzuschätzen?  Die Frage geht an Darius Weber, Wildtierbiologe und Experte für Feldhasen. Weber erwähnt gleich mal die alte Redewendung, wonach viele Hunde des Hasen Tod seien. Er relativiert diese Volksmund-Wendung aber und sagt, dass es nicht primär darum gehe. «Ein gesunder, erwachsener Feldhase lässt sich von keinem Hund erwischen, ausser eventuell von einem spezialisierten Windhund. Feldhasen sind perfekte Flüchter.»

Im Verhältnis «Hunde vs. Feldhasen» gehe es um ein klassisches Störungsproblem, ohne dass Hasen tatsächlich Hunden zum Opfer fallen würden. «Wo regelmässig Hunde unterwegs sind und die Hasen daher zur Flucht gezwungen sind, verschwinden die Hasen nämlich und suchen sich ruhigere Gefilde.» In wenig gestörten Verhältnissen würden sich Feldhasen auch tagsüber in den Feldern aufhalten, so Darius Weber. «Sie tun dies ruhend und quasi unsichtbar. Auch die Junghasen werden dort geboren.»

«Hunde sollten ganzjährig nicht in die Felder gelassen werden»

Junghasen würden nicht flüchten, sondern drückten sich regungslos auf den Boden. «Wo Hunde in Feldern und Wiesen herumstöbern, werden sie die Junghasen finden und totbeissen, ohne dass der Hundehalter dies überhaupt bemerkt. Oder er vermutet, dass der Hund eine Maus gegessen hat, Junghasen sind bei der Geburt so gross wie Goldhamster.»

Es laufe deshalb darauf hinaus, dass Hunde ganzjährig nicht in die Felder und Wiesen gelassen werden sollten. «Die Junghasensaison dauert von Januar bis September. Das Leinengebot im Wald von April bis Juni  schützt die Hasen in den Feldern nicht und es wäre auch zeitlich viel zu kurz gefasst.»

Darius Weber weist darauf hin, dass er Forschung zu diesem Thema nie selbst gemacht habe. «Wir schliessen die Problematik indirekt aus dem Wissen über Hasen- und Hundeverhalten und aus Beobachtungen, dass die Feldhasen aus Gebieten mit starker Hundepräsenz verschwinden.»

So handhabt der Kanton Zürich die Leinenpflicht

«Das kantonale Gesetz kennt Regelungen zur Leinenpflicht», erklärt Florian Frei von der Kommunikationsabteilung der Kantonspolizei Zürich auf Anfrage. «Wo diese verletzt wird, kann eine Ordnungsbusse ausgestellt werden.» Neben der Kantonspolizei und den örtlich zuständigen Kommunalpolizeien seien bei Verstössen gegen die entsprechende Vorschrift vor allem auch die jagdliche Revieraufsicht, die Naturschutz- und Reservatsaufsicht, die Wildhüterinnen und Wildhüter sowie die Fischereiaufseherinnen und Fischereiaufseher zum Ausstellen von Ordnungsbussen wegen Widerhandlung gegen die Leinenpflicht berechtigt. «Aufgrund dieser unterschiedlichen Stellen, die Ordnungsbussen ausstellen dürfen, liegt uns keine kantonale Übersicht über die Anzahl der entsprechenden Bussen vor.»