Sie wollen einfach nur Musik machen

Seit 2009 setzt sich der Verein HELVETIAROCKT für Gleichstellung in der Musikbranche ein. Unterdessen konnten die Vereinsmitarbeiterinnen verschiedenste Projekte erfolgreich lancieren, wie etwa die Female Bandworkshops oder den Empowerment Day. Was es damit auf sich hat und was die Philosophie von HELVETIAROCKT ist, erzählt Geschäftsleiterin Regula Frei im Gespräch mit Leonie Staubli.

 

Was genau macht eigentlich HELVE-TIAROCKT?

Regula Frei: Wir haben kürzlich versucht, den Zweck von HELVETIAROCKT neu zu definieren, und dabei kam heraus, dass wir Frauen – besonders auch junge Frauen und Mädchen – in der Musikbranche «empowern» möchten, bzw. eben «ampen». Damit sie selbstständig und auch selbstsicher ihren Weg gehen. «Ampen» ist da vielleicht der bessere Begriff, denn eigentlich wollen wir ja das, was sie schon in sich tragen, verstärken. Wir möchten sie in dem unterstützen, was sie wollen.

 

Wie gehen Sie das an?

Wir haben verschiedene Projekte lanciert. Mit dem Empowerment Day haben wir 2015 angefangen, weil wir gemerkt haben, dass wir am ganzen System arbeiten müssen, wenn wir eine Veränderung wollen. Und wir mussten anfangen, alle, die in der Musikbranche etwas zu tun haben und mitbestimmen, zu sensibilisieren und zur Verantwortung zu ziehen. Das machen wir heute bestimmter als vor ein paar Jahren. Dieses Jahr sind wir an fünf Festivals und der Empowerment Day findet dann im Herbst in Bern statt.

Dann bauen wir gerade einiges im Bereich Musikproduktion auf; zum Beispiel ein Projekt mit Mädchen und jungen Frauen, das nennt sich momentan noch «Homestudio f4 Girls». Es ist ein Programm, das wir in Luzern pilotieren und später an acht Standorten in der Schweiz durchführen wollen. Dort soll DJ-ing, Songwriting und Musikproduktion das Thema sein, es wird Workshops geben und einen Tag, an dem alle zusammenkommen.

Wir versuchen, ein nationales Netzwerk zu schaffen, das auch mit Jugendförderung zu tun hat. Für uns ist dies eine neue Art von Konzept, denn hier versuchen wir, die Standorte zusammen mit Partnern so zu entwickeln, dass sie dann selbstständig weiterlaufen, ohne HELVETIAROCKT. Soweit die Idee. Vorerst bleiben wir Treiberin und Koordinatorin und bieten sicher auch weiterhin nationale Angebote wie zum Beispiel das Songwriting Camp in Zug an.

Dann gibt es noch die Female Bandworkshops, in denen junge Frauen zwischen 15 und 25 Jahren ihre Kompetenzen im Zusammenspiel in Bands weiterentwickeln können. Das war das erste Projekt: Es fing 2013 mit vier Standorten an, aktuell sind es 15 in der ganzen Schweiz. Wir haben das Konzept jetzt etwas angepasst und werden ab Ende 2018 wohl auf acht Standorte runterschrauben, dafür aber gleichzeitig die Bands und Solo-Acts, die in den Workshops entstanden sind, besser begleiten und unterstützen; sozusagen für die Nachhaltigkeit.

 

Bei diesen Bandworkshops gibt es also auch Projekte, die weiter bestehen und nicht nach dem Workshop enden?

Ja! Das ist erstaunlich, denn diese Bands sind einfach zusammengewürfelt; man meldet sich an und kommt in irgendeine Band. Dann probt man zusammen ein Set, spielt Konzerte und geht noch ins Studio. Erstaunlicherweise gibt es wirklich Gruppen, die zusammenbleiben. Das hätten wir ehrlich gesagt anfangs nicht gedacht. Darum wollen wir das Konzept jetzt so anpassen, dass wir diese Bands noch intensiver fördern können.

 

Sie suchen auch den Dialog mit Männern aus der Musikbranche und arbeiten in diesem Sinne nicht nur mit Frauen, richtig?

Das ist genau richtig; es sind häufig Männer die Drahtzieher in der Branche, und darum sind sie für uns natürlich sehr wichtig. Unsere Angebote und Workshops sind bis jetzt ausschliesslich für Mädchen und Frauen. Es gibt jedoch viele Männer in der Familie von HELVETIAROCKT, die mithelfen. Das ist wichtig und gut.

HELVETIAROCKT wird mit dem Empowerment Day am m4music vom Migros Kulturprozent präsent sein. Die Migros meldete zum Startschuss des Festivals, dass dieses Jahr starke Frauenstimmen den Ton angeben werden. Hat das etwas mit Ihnen zu tun oder ist die Migros sozusagen auf den fahrenden Zug aufgesprungen?

Wenn sie mit uns abgesprochen hätten, wie sie das Programm anpreisen sollen, dann hätten wir sicher nicht so etwas gesagt. Von daher ist es wohl eher letzteres. Wir arbeiten schon lange mit m4music zusammen, machen Workshops und Panels und veranstalten unsere Generalversammlung vor Ort. Aber wenn es um Finessen geht, handeln die Veranstalter gern alleine. Also gibt es auch Aussagen, die ich nicht unterstützenswert finde.

 

Sie finden es eher kontraproduktiv?

Ja, ich finde, man sollte einfach endlich ein ausgewogenes Programm zusammenstellen. Es geht nicht darum, es nachher an die grosse Glocke zu hängen. Das ist nicht interessant für die Musikerinnen, die wollen das nicht. Velvet Two Stripes wurden erst letzthin in einem Artikel zitiert mit: «Hört endlich auf, uns Girlband zu nennen!» Sowas nervt einfach. Das geht in die gleiche Richtung; wenn man explizit Frauenprogramme hat und «starke Frauen an der Front», ist das für die Musikerinnen unattraktiv, denn die wollen einfach nur Musik machen.

 

Ist die Schweizer Musikszene dabei, sich zum Bessern zu verändern?

Ich glaube, Massnahmen wie die Keychange-Initiative, bei der sich international 45 Festivals dazu bekennen, bis 2022 50 Prozent Frauen auf der Bühne zu haben, haben einen grossen Einfluss, auch auf die kleine Schweizer Szene. Da sind auch wichtige Showcase-Festivals dabei, bei denen VeranstalterInnen vor Ort sind und dann entsprechend booken. So wird die Gelegenheit beim Schopf gepackt.

 

Sind da auch Schweizer Festivals dabei?

Noch nicht. Wir versuchen gerade das m4music zum Mitmachen zu bewegen. Der Veranstalter Philipp Schnyder weiss davon. Ich habe auch Migros-Kulturchefin Hedy Graber kontaktiert, sie sitzt ja auch im Panel, das wir dort organisieren. Ich habe ihr geschrieben und gesagt: «Das wäre jetzt der Moment, um ein Zeichen zu setzen.» So etwas direkt anzusprechen, wird immer mehr zu meiner Strategie, in der mich meine Kolleginnen auch unterstützen; es wäre zwar lustig, die Leute in der Öffentlichkeit ein bisschen herauszufordern. Allerdings geht es uns nicht darum, PartnerInnen aus dem Musikbusiness in die Pfanne zu hauen, und darum finde ich es schlauer, ihnen vorher zu schreiben und anzumelden, was wir erwarten oder uns zumindest erhoffen. Auch bei den Swiss Music Awards hätte es dieses Jahr wieder so viele Gründe gegeben, aufmüpfig zu sein, aber wir haben stattdessen versucht, in der Familie des Musikbusiness klare Forderungen zu stellen. Ich denke, längerfristig ist dieser Weg wirkungsvoller, auch wenn der andere vielleicht mehr Spass machen würde. Und ich denke, was die breite Öffentlichkeit schlussendlich wahrnimmt, ist, was auf den Plakaten steht und welche MusikerInnen dabei sind, und nicht, was in irgendeinem Magazin über eine Aktion steht, die HELVETIAROCKT gestartet hat.

 

Was halten Sie von der Frauenquote?

Ich war früher gegen eine Quote. Heute bin ich sehr dafür, denn ich denke, dass sich sonst nichts ändert. Eine Quote, das ist ein Ziel, etwas Messbares – wenn man ein Haus baut, dann hat man auch messbare Ziele und Meilensteine, an denen man sich orientieren kann. Beim Gleichstellungsthema muss auch ein messbares Ziel her, und was soll das anderes sein als eine Quote? Wir haben jedenfalls genügend qualifizierte Frauen in der Schweiz.

 

Gehen Sie davon aus, dass HELVETIAROCKT ein längerfristiges Projekt sein wird? Oder denken Sie, dass es diese Plattform in absehbarer Zeit nicht mehr brauchen wird?

Ich habe sehr fest die Hoffnung, dass es irgendwann nicht mehr nötig ist. Ich denke, es wird über längere Zeit noch Workshops geben, aber ich weiss heute noch nicht, ob die immer von uns organisiert werden, oder ob sich das verselbstständigt und HELVETIAROCKT sich auflöst und nur noch als Datenbank für Musikerinnen bestehen bleibt. Wir werden die Datenbank auch allgemeiner auf Frauen im Musikbusiness erweitern, also auch Technikerinnen, Musikjournalistinnen, Managerinnen etc. einbeziehen. Vielleicht bleibt schliesslich nur das. Vor etwa drei Jahren dachte ich: «Jetzt noch fünf Jahre, und dann ist alles gut.» Aber jetzt merke ich, dass es wohl doch länger dauert.

 

Ist das frustrierend?

Na ja … ich finde es mässig frustrierend. Was ich schlimmer finde, ist das, was bezüglich Gleichstellung in der Schweiz politisch passiert, dort bin ich manchmal wirklich entmutigt. In der Musikbranche kann es schon auch frustrierend sein, aber dann passieren wieder ganz viele tolle Sachen, und dann denke ich, dass es sich lohnt und dass wir für die Musikbranche noch weiterkämpfen müssen. Ich finde, dass sich etwas bewegt hat in den letzten Jahren. Das liegt sicher ein bisschen an uns und auch daran, dass es jetzt einfach an der Zeit ist, und die Leute in der Kultur und in der Musik wissen das auch und wollen etwas verändern. Ich habe über die Jahre gemerkt, dass viele Leute anfangs das Problem nicht verstanden, jetzt aber voll dabei sind und viel über die Sache wissen und sich aktiv für Gleichstellung einsetzen. Das ist sehr schön zu sehen.

 

Wie ist es mit den Charts, der Musik am Radio? Ist die Geschlechterverteilung da anders?

Nein. Warum soll sie’s auch sein? Es gibt sogar Leute, die sagen, dass Frauen halt nicht daran interessiert sind, Erfolg zu haben. Das hat tatsächlich erst kürzlich jemand gesagt, im Zusammenhang mit den Swiss Music Awards, denn dort geht es ja um Verkaufszahlen. Wenn man die Verkaufszahlen der nominierten Female Acts mit den anderen vergleicht, kann man sich schon empören. Es gibt sehr wenige Schweizerinnen, die tatsächlich verkaufen. Und eine der Erklärungen war dann eben, man habe das Gefühl, dass sie gar nicht mitmachen wollen.

 

Ein Wort zum Abschluss?

Man muss einfach machen. Im Journalismus, als Programmleitende, als Förderstelle oder Bildungsfachperson. Man kann sich selber eingestehen, dass man auf dem Gebiet vielleicht bisher etwas faul war, und das ist völlig okay. Aber jetzt ist der Moment gekommen und wir müssen es in Angriff nehmen.

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