Sie übernimmt Führung

Der achte Platz von Céline Widmer, den sie von den Delegierten noch vor dem bisherigen Martin Naef erhielt, war für sie eine freudige Überraschung. Dass sie sich vor einem Bisherigen klassierte (was bei den Medien auf Echo stiess), ist eher auf den Wahlmodus zurückzuführen, nicht aber, dass sie den ersten Platz unter den Neuen einnimmt.

Bekannt war sie praktisch nur unter Insidern. Sie ist seit 2012 eine aktive Kantonsrätin. Sie ergreift relativ selten das Wort; ihre Reden sind klar, aber kaum mitreissend. Sie engagierte sich in der Kommission für Staat und Gemeinden, einer Kommission mit Geschäften, die selten eine grössere Öffentlichkeit oder die Medien interessieren. Das tönt alles nach der berühmten «stillen Schafferin», die nun belohnt wird. Nur trifft es auf Céline Widmer nicht zu. Eine Schafferin ist sie durchaus, meist auch eher still. Nur: Eine stille Schafferin scheut tendenziell die Verantwortung oder eine Führungsposition. Ganz anders Céline Widmer. Sie übernahm gerne Führungsrollen und Themenlead,  sie kämpft, wenn sie etwas für richtig und wichtig hält.

Günstige Umstände kommen dazu: Eine Frau und Kantonsrätin zu sein war bei der Auswahl sicher kein Nachteil. Die Stadt Zürich ist derzeit im Nationalrat auch bei der SP nicht übervertreten, so dass der Anti-Stadt-Reflex in der Kantonalpartei nicht spielte.  Sie hatte zudem bei der Revision des Gemeindegesetzes bewiesen, dass sie für die Anliegen vieler Gemeinden eintrat und bei aller Liebe zu ihrem Stadtquartier, was sich beim Engagement für die Kaserne zeigte, einen Ausgleich für alle fand.

 

Führungswille und -anspruch

Céline Widmer, die sich nach der Matura zuerst zur Tontechnikerin ausbildete, anschliessend Sozialwissenschaften studierte und sich in der Stadtforschung beruflich engagierte, trat während des Studiums in die SP ein. 2012 gelang ihr die Wahl in den Kantonsrat und nach einer kurzen Zeit in der Justizkommission konnte sie in die Staatskommission übertreten, also in jene Kommission, die regelt, wie Kanton und Gemeinden (und die Gemeinden unter sich) miteinander verkehren. Das gut 100 Jahre alte Gemeindegesetz war mehr als erneuerungsbedürftig. Sie übernahm für die SP den Lead. Die Versuchung, das teilweise umstrittene Geschäft zu stürzen (was kein Problem gewesen wäre), um die Partei zu profilieren, und die Notwendigkeit, vor allem bei den Finanzen einen Weg zu finden, gehörte zu einem Wechselspiel, bei dem es nicht nur um Symbolpolitik ging, sondern etwa für die Stadt Winterthur um Existenzielles. Die Stadt rechnete bereits mit dem neuen Rechnungsmodell, eine Rückkehr hätte grosse Konsequenzen gezeigt. Anderseits wäre das unveränderte Modell für andere Gemeinden (unter anderem Zürich) untragbar gewesen. Widmer schaffte mit anderen den Kompromiss und das Gesetz ist heute Realität. Bei einer ähnlichen Übung, dem Soziallastenausgleich, steht ein neuer und guter Kompromiss kurz vor dem Abschluss – siehe dazu den Artikel auf Seite 4 dieser Ausgabe.

Teilweise gegen Widerstand in der eigenen Partei setzte sie die Abschaffung der LaienrichterInnen im Abstimmungskampf durch. Obwohl sie Laien in einigen Behörden sinnvoll findet, zieht sie eine Grenze, wo Wissen und Handwerk zur Ausübung des Aufgabe unerlässlich sind.

Céline Widmer übernahm in der Fraktion auch Undankbares: Den Vorsitz im Fraktionsausschuss für Staat und Justiz, wo es zu ihren Aufgaben gehörte, den Konflikt um Mario Fehr weder unter den Tisch zu wischen, noch ihn eskalieren zu lassen. Seit diesem Frühling ist sie Präsidentin der Finanzkommission des Kantonsrats. Erstens, weil es sie interessiert, zweitens, weil sie in der Fraktion Einfluss nehmen will und inhaltlich, weil sie es an der Zeit findet, dass die Finanzkommission wieder von jemandem geleitet wird, die/der dafür sorgt, dass der Kanton die beschlossenen Aufgaben finanzieren kann und nicht das Senken der Ausgaben im Zentrum steht.

Für den Nationalrat kandidiert sie – von der Gestaltungsmacht abgesehen – weil sie erlebte, dass die wesentlichen Rahmenbedingungen für eine ökologische und soziale Stadt- und Agglomerationspolitik heute vor allem auf Bundesebene getroffen werden. Eine Erkenntnis, die sie auch im Stab der Stadtpräsidentin gewann, wo sie unter anderem das Projekt für eine Landesausstellung aller Städte mitleitet.

Schafft sie den Schritt nach Bern, steht für sie neben den Rahmenbedingungen für ein urbanes Leben eine Finanzpolitik im Vordergrund, die Steuerschlupflöcher stopft, den Steuerwettbewerb einschränkt und für genügend Staatseinnahmen sorgt. Sie streitet für ein Rahmengesetz für die Sozialhilfe. Der Wettbewerb der Kantone um möglichst wenig Sozialhilfe widerspricht dem Grundsatz, dass jeder und jede ein Anrecht auf eine gesicherte Existenz und eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben hat. Dass sie sich weiterhin für die Realisierung der Gleichstellung und eine nachhaltige Klimapolitik einsetzen wird, versteht sich am Rande. Céline Widmer gehört zu den Politikerinnen, die Chancen sehen, mitgestalten und in den gewählten Ämtern den nötigen Einfluss und die Macht nicht scheuen. In Bern täte sie das derzeit am liebsten, wobei sie auch im Kanton mit Engagement weitermacht, sollte es nicht klappen. Die Chancen dazu sind etwa 50 Prozent.

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