Sichere Verunsicherung

Michael Riedels Spiel mit der Irritation gleicht einer Endlosschlaufe der immer weitergetriebenen Sinnfrage, die ebendiesem Akt das Hauptaugenmerk widmet
und nicht etwa der Suche nach einer Antwort.

 

 

Zuletzt stellt sich einem in der Kunsthalle Zürich die Frage, ob diese Ausstellung überhaupt eine Ausstellung ist oder eine Simulation von Kunst in Räumen der Kunst. Die Arbeit Michael Riedels (*1972) basiert auf Wort, Text, Typographie. Ursprung können Tonaufnahmen an profanen oder kunstaffinen Orten sein, die entweder realen Vortragenden oder dann maschinellen Wiedergabegeräten zu einem Re-Enactment überantwortet werden. Diese Kopie kann wiederum transkribiert werden und als typographische Anordnung in einer komplett unleserlichen Form als Buch gedruckt einen Zusammenhang zum Ursprung regelrecht verweigern. Es wird nie augenscheinlich – und das gehört mit zum Spiel mit der Irritation – was daran Witz, was verbissener Ernst ist. Steht man in der Ausstellung, bleibt vollends unklar, ob Michael Riedel ein überheblicher Wichtigtuer oder ein kongenialer Narr ist. Für beides finden sich Anzeichen. Einer finalen Sicherheit arbeitet er aber gezielt entgegen. Er treibt ein Spiel um Original und Kopie, die wiederum kopiert als bearbeitetes Resultat erneut originären Charakter für sich reklamiert. Womit dies geschieht, scheint einigermassen unerheblich zu sein. Respektive wurde diese Vorgehensweise in den vergangenen zwanzig Jahren zu einer Methode, die sich auf vielerlei Medien anwenden lässt. Ob aus transkribierten Vernissageansprachen typografische, an die Kunst des dort ausgestellten Künstlers erinnernde Bilder werden oder ob eine Übersetzungssoftware Alltagsgeräusche in Sprache umwandelt oder Tausende von Stunden Gespräche und Geräusche aufnimmt, um dann die Trägerdisketten fein säuberlich beschriftet hinter Acrylglas als stumme Installation hinstellt, die Erstreaktion beim Betrachten ist immer «Hä?». Offensichtlich ist bei seinen Aneignungen fremder Kunstherstellung die Urheberrechtsfrage komplett aussen vor, was als leidlich subversiver Ansatz gelesen werden kann. Genauso wie sein Konzept, eine ursprüngliche Absicht der Sinnstiftung – Exklusivität, Perfektion, Schönheit – durch Aneignung und Verfremdung von eben diesem Ballast einer Bedeutung zu befreien und nachgerade in eine deklarierte Sinnfreiheit zu überführen. Erste Assoziationen sind natürlich der Surrealismus und darin die «écriture automatique» – einfach mit den Mitteln der heutigen technischen Möglichkeiten. Zwei Punkt Null quasi. Einem Direktvergleich mit dem Surrealismus aber entzieht sich Michael Riedel auch, weil keinerlei theoretischer Überbau zu seiner Arbeitsweise erkennbar wird. Also wärs am ehesten die Sinnfreiheit von Dada, die wiederum auch nicht absolut war. Vielleicht ist das treffendste Bild eines Äquivalentes das fünfjährige Kind, das einen mit seiner Fragerei auf die Palme bringt, weil es bloss um des Fragen willens fragt. Ohne direktes Gegenüber im White Cube einer Kunsthalle fehlt der Sparringpartner, der potenzielle Reagierende, eine um grössmögliche Aufrichtigkeit in den Antworten bemühte Mitspielerin. Also fehlt seinen Bearbeitungen der Resonanzraum respektive aus der Sicht von Betrachtenden, fehlt – absichtlich – ein irgend etwas sichernder Handlauf im intellektuellen Sinn ausser einer Fülle an zurückbleibenden Fragezeichen. Auch dieses, ob eine Absicht auch die Auseinandersetzung mit der Blase im Kunstmarkt dergestalt herbeigeführt nicht eventuell exakt denselben Gehalt erreicht, wie das mit grossem Aufwand zur Disposition gestellte: Eine grosses Brimborium und etliche mögliche mitgemeinte Blickwinkel suggerierende Verpackung für eine potenziell uneingeschränkte Ansammlung von Luft. Womit sich einem wiederum die Eingangsfrage ungefragt in den Weg stellt.

 

 
«Michael Riedel – CV», bis 13.8., Kunsthalle, Zürich.

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