Sich satt sehen

Die Überschaubarkeit des erstmaligen Einblicks ins bildnerische Werk von Meret Meyer Scapa steht in keinem Verhältnis zur Tiefe, in die man darin versinken kann. Einzig die gegen Null tendierende Informationslage über das Zustandekommen irritiert. Über Gebühr, wie sich herausstellt.

 

Etwas über zwei Dutzend Gemälde, Plastiken und Reliefs sind in einem Raum im Kunstmuseum Bern ausgestellt und just am 85. Geburtstag von Meret Meyer Scapa – in deren Anwesenheit – dem Publikum zugänglich gemacht worden. Entgegen der üblichen Gepflogenheit, dem Publikum restlos alles auf die Nase zu binden, was sich an Informationen über ein Werk, die schaffende Person oder das Zustandekommen einer Ausstellung sagen lässt, herrscht hier das grosse Schweigen. Selbst das Lesen der Publikation, die unabhängig vom Kunstmuseum Bern entstanden ist, und ein paar Anrufe – ein Berufskollege des ‹Bund› und der (sehr diplomatische) Direktor Matthias Frehner – sowie das Nachhören des Beitrages des Regionaljournals Bern Freiburg Wallis von Radio SRF, vermögen Vermutungen nicht bis zu einer Gewissheit zu verdichten.

Am wahrscheinlichsten ist: Der umtriebige, schweizweit bekannte Künstler, Sammler und ehemalige Benteli-Verleger Ted Scapa bereitete klandestin das Outing des künstlerischen Schaffens seiner Frau in Form eines Buches und einer Ausstellung vor und nennt das ein «Geschenk». Fragen nach einem moralischen Dilemma, das Werk einer Künstlerin in die Öffentlichkeit zu zerren, obschon sie dies in den letzten sechzig Jahren dezidiert und konsequent verweigerte, werden wortreich vernebelt. Der Hinweis, dass sie das Outing «immerhin toleriert», bringt indes noch keine abschliessende Klärung darüber, damit den Respekt ihr und ihren Wünschen gegenüber gewahrt zu haben. Angesichts der umwerfenden Wucht ihrer Gemälde und der Wahrung der Auswahlkompetenz durch das Museum ist die Entscheidung für eine Zusage vonseiten Museum natürlich nachvollziehbar. Genauso das geringe Interesse, mit einem Zürcher Journalisten über die innersten Widerstände der Abwägungen zu plaudern. Ein ‹Gschmäckle› aber bleibt.

 

Sagenhaftes Leben und Werk

Aufgewachsen in finanzieller Unbekümmertheit im weltoffenen, kunstaffinen, intellektuellen Milieu der Benteli-Verlegerfamilie, die mit den dannzumal in Bern domizilierten Kunstgrössen wie Paul Klee oder Wassily Kandinsky befreundet war, stehen der jungen Meret «Meme» Meyer-Benteli die Wege offen, sich auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Inhalten zu begeben. Sie studiert drei Jahre lang Tanz bei Beatrice Tschumi alias Trix Gutekunst, tanzt mit Mary Wigman und Katherine Dunham, übernimmt später die Leitung der Tanzschule der heute als Jazzsängerin bekannten Othella Dallas. Dazwischen bildet sie sich drei Jahre an der Kunstgewerbeschule Zürich aus, reist nach Helsinki und Paris. Ihre Freundschaften und Bekanntschaften sind bares Namedropping der damaligen Avantgarde: Meret Oppenheim, Fernand Léger, Margrit Linck, Friedrich Dürrenmatt, Max Ernst und viele weitere mehr. Angesichts der schwierigen Situation der Frau per se, in der Kunst ernst genommen zu werden, entschliesst sie sich, das Tanzen öffentlich, ihre Malerei, Keramikarbeiten und Collagen indes nur im Privaten zu praktizieren. Mit Ted Scapa gründet sie eine grosse Familie, der fortan ihr Hauptaugenmerk und -sorge gilt. Die Familie Meyer-Scapa bewohnt mehrere Häuser und schlossähnliche Anwesen, deren Inneres sie nach und nach je in ein Gesamtkunstwerk verwandelt. Ihre Inspiration schöpft sie komplett aus sich selber. Der Ersteindruck im Kunstmuseum Bern ist denn auch, hier einem persönlichen Innenleben fast schon einen Schritt zu nahe zu treten. Ihre Gemälde sind abstrakte Landschaften, die einem augenblicklich die psychoanalytische Traumdeutung als Assoziation vor Augen führen. Lauter weibliche Symbolik vom Granatapfel über die Vulva stilisierende Blüten, ein die Brut beschützendes Fabelwesen, hinter dessen etwas gequält dreinblickend wirkendem Kopf ein weiterer folgt. Eine Hydra? Die Gefahr? Oder doch nur ein Schatten? Das Haus, landläufig als Bollwerk grösstmöglicher Sicherheit interpretiert, ist bei Meret Meyer-Scapa meist gleichzeitig auch das Gegenteil. Mysteriös, düster, selbst eine Bedrohung darstellend oder von nicht klar benennbaren Figuren, Tieren, Pflanzen gleichzeitig beschützt wie bedroht. Selbst die als barste Darstellung von Schönheit gemalten Blumen und Sträusse zeigen sämtlich Elemente des Wehrhaften. Vieles fliegt, verwandelt sich in Metamorphosen. Eine Wolke wird genauso zum stilisierten Vogel wie ein Gebäude – oder doch umgekehrt? Die ausgestellten Keramiken sind vielgesichtig und genauso in der Schwebe balancierend die eine Deutung genauso nahelegen wie die der exakt gegenüberliegenden Entsprechung.

Der Instinkt, die Emotion, die Angst, der Sexus, der Verlust, der Mut – alle existenziellen Fragen sind je in einem Bild miteinander verschmolzen, ergeben etwas Drittes, Sphärisch-mystisches. So springt einen intuitiv sofort etwas als im Innersten sehr bekannt Wirkendes an und bleibt trotzdem letztlich unentschlüsselbar. Diese Kunst strahlt eine ungemein einnehmende Wucht aus, lockt einen nachgerade, in diesen Welten zu versinken, sich diesen und den eigenen Träumen zu ergeben und hinterlässt einen gleichsam voll aufgetankt wie komplett leer. Baff erstaunt und tief berührt.

 

«Meret Meyer Scapa. Ein Leben für die Kunst», bis 3.5., Kunstmuseum Bern. Publikation im Parlavent Verlag 48 Fr.

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