Werden in Zukunft nur noch metallene Tierfiguren an die Rückkehr des Wolfes in die Schweiz erinnern? (Foto: Angela Bernetta)

Seltene Einzeltiere oder ein neuer Trend?

Wolfssichtungen im Kanton Zürich werfen die Frage auf, ob sich das Raubtier hier dauerhaft ansiedeln könnte. Während Expert:innen dies für wenig wahrscheinlich halten, sorgen Angriff auf Nutztiere für Debatten.

Die Rückkehr der Wölfe in die Schweiz sorgt für Diskussionen – auch im Kanton Zürich. Immer wieder werden einzelne Tiere gesichtet wie im Zürcher Weinland oder in Kappel am Albis. Dort streifte im vergangenen Jahr ein junger Wolf mitten am Tag durch das Dorf. «Verschiedene Leute schickten mir Videos und Fotos», berichtet David Vogelsanger, Präsident der SVP im Bezirk Affoltern. Auch ein Vorfall in Bonstetten bleibt in Erinnerung: Vor drei Jahren riss ein Wolf dort 25 Schafe. Bedeutet das langfristig eine Ansiedlung der Wölfe im Kanton Zürich?

Einzelne Durchzügler statt stabiler Rudel

Laut der kantonalen Baudirektion gab es seit 2014 rund 15 gesicherte Wolfssichtungen oder -spuren im Kanton Zürich. «Es ist schwierig für einen Wolf, unbeobachtet durch unseren dichtbesiedelten Kanton zu streifen», teilt Katharina Weber von der kantonalen Baudirektion auf Anfrage mit. «Eine dauerhafte Ansiedlung ist zwar nicht ausgeschlossen, doch bisher gibt es keine Anzeichen dafür.»  Die im Kanton Zürich gesichteten Wölfe waren bisher Einzeltiere – vermutlich junge Wölfe, die ihr Rudel verlassen haben. «Wir rechnen weiterhin mit diesen durchziehenden Wölfen», sagt Katharina Weber. Ob und wie oft es zu weiteren Sichtungen kommt, hängt von der allgemeinen Entwicklung der Wolfspopulation in der Schweiz und in den angrenzenden Ländern ab. 

Während der Kanton Zürich noch keine dauerhafte Wolfspopulation aufweist, ist die Situation in den Nachbarkantonen anders. «Im Kanton St. Gallen hat sich 2024 das Gamserrugg-Rudel nördlich des Walensees gebildet. Weiter südlich leben zudem das Schilt-2-Rudel im Kanton St. Gallen und das Kärpf-Rudel im Kanton Glarus – eine Entwicklung, die Fachleute genau beobachten», sagt Nicole Bosshard von der Stiftung Raubtierökologie und Wildtiermanagement Kora. 

Bietet der Kanton Lebensraum?

Der Wolf ernährt sich vor allem von Rehen, Gämsen, Hirschen und Wildschweinen, verschmäht aber auch Kleinsäuger, Vögel oder Aas nicht. «Die Verfügbarkeit an Beutetieren ist im Kanton Zürich hoch», so Katharina Weber. Doch für eine dauerhafte Ansiedlung braucht es nicht nur Nahrung, sondern auch geeignete Lebensräume mit ausreichend Platz und Rückzugsmöglichkeiten. Potenziell könnten etwa das Tössstockgebiet oder die Albis-Region solche Bedingungen bieten. 

Grundsätzlich sind Wölfe scheu und meiden den Kontakt mit Menschen. Dennoch werden sie gelegentlich in Wohngebieten gesichtet. Fachleute betonen, dass vom Wolf keine direkte Gefahr ausgeht, solange man ihm mit Respekt begegnet. Sie empfehlen Abstand zu halten und sich ruhig zurückzuziehen. «Nähert sich das Tier unangemessen, sollte man versuchen, es mit lauter Stimme zu vertreiben», ergänzt Katharina Weber. Hunde sollte man an die Leine nehmen. Sichtungen, wenn möglich mit Bildern dokumentiert, der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung melden (Telefon 043 257 97 57).

Abschüsse oder Schutz?

Die Rückkehr des Wolfs bleibt umstritten. David Vogelsanger erlebt in der Region seiner Alphütte im Maggiatal vermehrt Wolfsrisse. Seine Haltung zum Wolf hat sich dadurch verändert. «Anfangs empfand ich die Rückkehr des Wildtiers als Bereicherung, doch heute befürworte ich konsequente Abschüsse ausserhalb des Nationalsparks.» Die kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung nimmt die Sorgen der Bevölkerung und der Landwirte ernst. Neben einem Warndienst zur Wolfspräsenz bietet der Kanton Zürich eine kostenlose Herdenschutzberatung an, um Landwirte zu unterstützen. 

Ob der Wolf langfristig im Kanton Zürich heimisch wird, bleibt abzuwarten. «Das Thema Wolf sorgt in der Schweiz seit Jahren für kontroverse Debatten», sagt Nicole Bosshard. «Mit der wachsenden Zahl an Wolfsrudeln seit 2012 und der langwierigen politischen Auseinandersetzung, etwa um die Revision des Jagdgesetzes, bleibt die Gesellschaft gespalten.» Sowohl Befürworter als auch Gegner sind in der öffentlichen Diskussion stark vertreten.

Wölfe in der Schweiz

Seit 1995 breitet sich der Wolf in der Schweiz wieder aus, was zunehmend zu Konflikten führt. Um die Population zu regulieren, erlaubt der Bund unter bestimmten Bedingungen Abschüsse. Laut der Stiftung Raubtierökologie und Wildtiermanagement KORA gab es im Januar 2025 in der Schweiz 26 heimische sowie 11 grenzüberschreitende Rudel. Zwischen dem 1. Februar 2024 und dem 31. Januar 2025 wurden in den Kantonen Graubünden, Wallis Waadt, Tessin und St. Gallen rund 101 Wölfe legal erlegt. Sechs weitere starben durch Unfälle oder auf natürliche Weise. Während Naturschutzverbände Abschüsse ablehnen, fordern Landwirte strengere Massnahmen zum Schutz ihrer Nutztiere.