Selbstgenügsam

Ursina Greuel glückt es mit ihrer Inszenierung, aus Martina Clavadetschers «Auf Granit» die schier unendliche Vielschichtigkeit der darin innewohnenden und sich überlagernden Themenstränge herauszuholen.

 

Thierry Frochaux

Wenn er (Michael Wolf) und sie (Franziska von Fischer) dasselbe tun, dasselbe sagen und sogar dasselbe damit ausdrücken wollen, bleibt der Unterschied frappant. Im Tonfall, dem Sprechtempo, den Nuancen. Bei einer nachmaligen Wiederholung mit verkehrten Rollen, verkürzten Variationen und gar einer wagemutigen Steigerung – ein Federn im Gang, ein Singsang in der Stimme – potenziert sich dieser Variantenreichtum ins nachgerade Unendliche und bleibt zeitgleich erkennbar monokausal. Denn: Hier ist es schön. Und es soll so bleiben. Und nein, Angst ist nicht der Antrieb. Angst ist auch nicht der Feind. Die Freiheit und das Glück sind es, die das gesamte Panorama eines Blickes ausmachen. Dass dieser von Scheuklappen, Selbstgenügsamkeit und einer grossartigen Portion Ignoranz eingeengt wird, geschenkt. «Auf Granit» ist Schweizkritik in der virtuosen Einfachheit eines Ernst Jandl-Gedichtes. Niemand wird vorgeführt. Das ist gar nicht nötig, denn die Eigeninszenierung wird als Selbstermächtigung gefühlt. Jedes Irren ist von vornherein ausgeschlossen. Und falls (Konjunktiv!) Zweifel aufkämen, wär da noch das Ablenkungsmanöver von Naturbetrachtungen. Und die ist schön. Sehr schön. Schön so. Und genug. Also ausreichend. Anna Trauffer hat ein leichtes Spiel, mit ihrem Kontrabass dieses selbstgefällige sich um den eigenen Bauchnabel Drehen und sich dabei wie KönigInnen der Welt vorzukommen, mit Saiten kratzend, zupfend oder streichelnd zu kommentieren, als wäre sie eine Aussensicht. Eine allerdings, deren Inhalt kein Augenmerk geschenkt wird. Es ist die Begleitmusik von Bedenkenträgern, Zweiflerinnen, ja der Vernunft. Die laut hörbar ruft und trotzdem ignoriert wird. Werden kann. Von den beiden SchauspielerInnen, die es sogar hinbekommen, jedes über eine Egozentrik hinausgehende Gefühl so zu ermatten, dass sich auch die Nächstenliebe, der Humanismus und die Empathie mitsamt der Selbstgenügsamkeit vom Widerspruch, jedem Argument und auch allen kon­­struktiven Vorschlägen abwendet und allem den Rücken zukehrt. Weil: Es geht. Verblüffend einfach. Weil morgen, die anderen – was spielt das für eine Rolle? An einem Abstimmungssonntag wie diesem wird aus Wort- und Spielkunst die treffliche Analyse der gesamtschweizerischen Mehrheitsgemütslage. Nur dass sie im Theater zu einer Freudestunde wird und damit die Vogel-Strauss-Problematik gleich nochmals versinnbildlicht.

 

«Auf Granit», bis 19.6., sogar Theater, Zürich.

 

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