Selbstgefälligkeit

Als Mutter oder Vater kommt man zuweilen in die Versuchung, eine gewisse Selbstgefälligkeit gegenüber anderen Müttern und Vätern zu entwickeln, wenn der eigene Nachwuchs etwas besser kann. Zum Beispiel gut durchschläft, brav isst, besonders früh laufen kann oder wenig krank ist. Das Gefühl der Selbstgefälligkeit hält indes nur kurz an, denn es rächt sich ziemlich oft sehr schnell. Kaum hat man sich zum durchschlafenden Kind gratuliert, wacht es garantiert in der Nacht wieder auf. Auch das immer gesunde Kind kriegt augenblicklich eine Schnudernase, genauso wie das nicht heikle Kind plötzlich das Gemüse verschmäht.

 

Auch bei Corona ist die Gefahr der Selbstgefälligkeit da. Die einen sind stolz, dass sie ganz besonders konsequent sind, und die anderen glauben, besonders viel zu wissen. Die nächsten üben sich als HobbypolizistInnen und die anderen als Hobby-Epidemiologen. Und weil wir ja alle im Home-Office wenig effizient sind und auf den sozialen Medien nur mässig sozial distant, brandet dies auch immer wieder auf. Und so denkt sich jeder und jede wohl heimlich: Es spinnen alle – ausser ich natürlich. 

 

Das Gefühl habe ich zuweilen auch bei meinen Politkolleginnen und -kollegen. Ich gehöre zu jenen, die es richtig gefunden haben, dass die eidgenössische Session abgebrochen wurde. Wir konnten ganz offensichtlich die Abstandsempfehlungen des BAG nicht einhalten, sodass es meines Erachtens eine schlechte Vorbildsleistung gewesen wäre, wenn man das auch per Live-Schaltung hätte beobachten können. Ich glaube auch nicht, dass die  Demokratie zusammenbricht, wenn wir mal ein paar Wochen nicht tagen. Was wir ja im Sommer auch ohne Corona tun. 

 

Dennoch ist auch für mich klar: Das muss eine kurze Phase bleiben. Es ist daher positiv, dass der Zürcher Kantonsrat tagen konnte und dass jetzt eine eidgenössische Sondersession auf Anfang Mai geplant ist. Denn auch wenn ich persönlich damit umgehen kann, dass mal eine Sitzung ausfällt, so verstehe ich auch ein wenig das ungute Gefühl, wenn die Exekutive alleine schalten und walten soll. In Ungarn hat die Nationalversammlung eine unbegrenzte Verlängerung des derzeitigen Ausnahmezustands beschlossen. Damit kann Viktor Orban per Dekret auf unbestimmte Zeit reagieren, das Parlament hat dazu nichts zu sagen. Auch wenn das letztlich nicht viel daran ändert, weil Orban das defacto jetzt schon konnte, ist dieser Entscheid dennoch besorgniserregend. Denn die Gefahr, dass eine autoritäre Regierung einen Notstand ausnutzt, um die eigene Macht auszubauen, ist real. 

 

Nun glaube ich nicht, dass im Bundesrat irgendwelche Machtphantasien kursieren. Der Kantonsrat hat zudem die Massnahmen des Regierungsrats einstimmig bei einer Enthaltung angenommen (siehe Seite 4). Es wird bei den Bundesmassnahmen ähnlich sein. Es geht aber um mehr als das Abnicken von Beschlüssen, sondern um ein Zeichen, dass die Institutionen und die Demokratie auch in der Krise funktionieren. 

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben kritisierte Ende Februar in einem Text die stete Ausweitung staatlicher Befugnisse. Agamben fragt sich: «Warum tun Medien und Behörden ihr Äusserstes, um Panik zu verbreiten und damit einen authentischen Ausnahmezustand hervorzurufen, samt tiefgreifender Einschränkung der Bewegungsfreiheit und der Suspension des täglichen Lebens in ganzen Regionen?» Der Ausnahmezustand würde – wie schon beim «Krieg gegen den Terror» –  missbraucht, um Freiheitsrechte auszuhebeln. Agamben selber zweifelt die Gefährlichkeit des Covid19-Virus an und ist daher wohl für die Bewältigung der Pandemie kein sonderlich guter Ratgeber, oder wie Daniel Hackbarth in der WoZ schreibt, lässt  «die Leugnung der pandemischen Bedrohung» den renommierten Philosophen «wie einen Verschwörungstheoretiker auf Youtube erscheinen». 

 

Es ist aber – so Philipp Sarasin in einem Essay in der «Geschichte der Gegenwart» – kein Zufall, dass das Stichwort «Biopolitik» jetzt aufkommt: «Es  sieht aus wie ein biopo­li­ti­scher Traum: Von Ärzten bera­tene Regie­rungen zwingen ganze Bevöl­ke­rungen unter eine Seuchen­dik­tatur (…) und können endlich die Bevöl­ke­rung so regieren, wie sie es im Grunde, mehr oder weniger offen, in der Moderne immer schon getan haben: als reine ‹Biomasse›, als zu verwer­tendes ‹nacktes Leben›. Der Begriff «Biopolitik» wurde vom französischen Philosophen Michel Foucault geprägt. Ihn auf die heutige Situation zu verwenden, sei zwar verlockend, so Sarasin, aber entspräche weder den Tatsachen noch Foucaults Denken. Trotzdem könnten die von Foucault entwickelten Denkmodelle helfen, die Pandemie zu verstehen.  

 

Foucault hat drei Denkmodelle zu drei Krankheiten entwickelt: Lepra, Pest und Pocken. Die Lepra verschwand laut Foucault am Ende des Mittelalters, um in den Siechenhäusern Platz zu schaffen, um andere aus der Gesellschaft ausschliessen zu können, die Armen, Unangepassten, Kranken und Verrückten.  In der Neuzeit wurde die Pest dazu verwendet, um Überwachen und Strafen zu können. Die frühzeitlichen Pest-Reglemente entwerfen ein System lücken­loser Kontrolle aller Grenzen in der Stadt und fordern die strenge Einsper­rung der Bürger in ihre Häuser.

 

Die Pocken hingegen symbolisieren eine modernere Art der Regierung, die der Macht selber einen gewissen Argwohn entgegenbringt und mehr auf die Freiheit setzt. Die Pocken wurden mittels Wissenschaft, Statistik und Impfungen eingedämmt, aber nicht zum Verschwinden gebracht: «Das Pocken­mo­dell der Macht basiert im Wesent­li­chen darauf, dass die Macht den Traum aufgibt, die Patho­gene, die Eindring­linge, die Krank­heits­keime voll­ständig auszu­merzen.»  Laut Sarasin können Lepra, Pest und Pocken durchaus die Reaktionen auf Corona erklären: Südkorea etwa verfolge mit dem systematischen Testen klar das Pocken-Modell. Und Ausgangssperren, die in gewissen Ländern mit dem Einsatz der Armee durchgesetzt werden, gemahnen an das Pest-Modell. Das Lepra-Modell lauert laut Sarasin in den Durchseuchungsstrategien, wo die Alten und Geschwächten isoliert werden sollen und dabei vielleicht auf der Strecke bleiben.

 

In New York, wo die Betroffenheit gross ist, ist vor kurzem ein Schiff der US Navy angelegt. Es soll die Spitäler entlasten und nicht infizierte Patienten versorgen. Hunderte New YorkerInnen versammelten sich, um die Ankunft des Schiffes zu beobachten. Der gebotene Abstand wurde nicht eingehalten. Die spinnen doch, die Amis. Es ist recht einfach, sich auch als Land in Selbstgefälligkeit zu üben. Über die New Yorker zu richten, oder die Italiener, die Briten oder auch andere. Nur sollte man aufpassen, dass es sich nicht rächt. Weil, das geschieht meist. 

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