Sehnsucht nach Rosa

Die Zukunft gehört der Rundumversorgung. Der alternde Geist soll unbelastet den dienstleistungsorientiert verwalteten körperlichen Verfall geniessen können. Die Anleitung tüncht dazu sämtliche Sinne komplett automatisiert in lieblichstes Rosa. Nur Sibylle und Michael Birkenmeier sträuben sich mal wieder gegen ihre Bevormundung.

 

Nichts sehen, nur einschlägig gefiltertes hören und live überwachtes, begleitetes sprechen. Das Headset der Zukunft entbindet alle jeder Verantwortung. Und lässt – als i-Tüpfelchen – die Hände frei. Die gehören an die Griffe der vierfüssigen Gehhilfe. Die alles überwachende Sorge um das Gemeinwohl hat erkannt, dass es sich komplett unangestrengt sehr viel besser leben lässt und dass sich damit der zunehmende «Schwindel im Grind» bis nahe Null reduzieren lässt. Willkommen beim zukunftsweisenden Programm «schwindelfrei»! Drei Monate kostenlos auf Probe. Wers bis dahin nicht längst verinnerlicht hat, aehm, das will eigentlich gar niemand so genau wissen. Es soll ja ein in sich geschlossener Kreislauf der Sorgenfreiheit sein. Jetzt und für immer.

 

Rosa ist nicht gleich Rosa

 

Sibylle und Michael Birkenmeier nutzen ihren bewilligten Freigang auf eine Theaterbühne dazu, sich gleich komplett vom System abzumelden. Schliesslich ist ein vorhandenes Unwohlsein auch ein Alarmsignal, auf das im Idealfall eingegangen wird. Und die Gelegenheiten für leichte Unpässlichkeiten, und sei es auch nur durch eine abweichende Meinung oder gar überhaupt eine Haltung (nicht die über die Gehhilfe gebückte), reduzieren sich verblüffenderweise nicht gleichermassen exponential zu den wachsenden technischen Möglichkeiten. Ihre Tour d’horizon touchiert etwa Parallelen von demokratischen Wahlen und jenen der Sendung «Bachelorette», sie kritisieren eine annähernd fetischistische Fokussierung auf das problematische Zuviel an Kohlenstoffdioxid, worüber gleichfalls elementare Herausforderungen bis nahe Null ausgeblendet werden.

 

Darf man überhaupt soziale Gerechtigkeit sagen? Die Geschwister verteufeln längst nicht alles Neue, überprüfen die Errungenschaften des Fortschritts aber gerne selbstständig. Althergebrachte Konditionierungen wie Glauben probieren sie aus, landen aber schnell bei der alles von allein regelnden unsichtbaren Hand des Marktes und geben es zugunsten einer originären Widerständigkeit schnell wieder auf. Sogar die angebotene Sorglosigkeit nehmen sie unter die Lupe, aber die Parallelen zu den Folgen einer Lobotomie sind ihnen einfach zu ungeheuer gross. Was gut funktioniert, ist Musik. Doch auch der Liebreiz dort nähert sich rasch einem Sarkasmus, der sich aber nicht vorbeten lassen will, dass alles verloren und Veränderungen sowieso nicht mehr möglich seien. Da wird Sibylle Birkenmeier von einem Geistesblitz getroffen: Rosa, aber Luxemburg.

 

Das Recht recht zu haben

 

Da sitzt sie nun mit schlappem Hut am Bühnenrand und sinniert – jegliche Ähnlichkeit zu aktuellen Problemstellungen sind selbstverständlich allein der publikumsseitigen Tendenz zu schmutzigen Gedanken zuzuschreiben – wie die Sozialdemokratie zu ihren Lebzeiten durch ihre bereitwillige Liaison mit dem Grosskapital den fulminanten Aufstieg der Rechtsnationalen erst recht befeuerte. Aber Geschichte wiederholt sich ja nicht. Und darum sind diese beiden auch bald 60-plus-KabarettistInnen ein Auslaufmodell, das es überhaupt nicht mehr braucht. Sie hören nach diesem Programm auch gleich auf. Und wenn etwas beunruhigend ist, dann diese Nachricht. Denn Querdenken und Überskreuzkombinieren sind ja exakt die Hauptverantwortlichen für den zunehmenden «Schwindel im Grind». Sie haben erkannt: Sie sind überflüssig, unzeitgemäss und überholt. Mit Ideen hausieren, anstatt sich rein aufs Geldverdienen zu fokussieren. Voll 20. Jahrhundert! Sibylle und Michael Birkenmeier verhalten sich darum so richtig ökonomisch: Wenns kriselt, gehen die besten immer zuerst. Das ist das einzig beruhigende an diesem Programm. Aber so richtig lustig finden kann das im Publikum niemand. Ganz zu Beginn vergewisserten sie sich, auf keinerlei Widerstand zu treffen und bezeugten darum allen im Publikum ihr Recht, recht zu haben. Womitauchimmer. 

 

Musikalisch und in Reimen (Michael Birkenmeier) ist ihr «schwindelfrei» voll von Ohrwürmern und wenn sie – wie sie behaupten – Arbeit für ein so wertvolles Gut halten, sollen sie diese Gassenhauer doch als Tonträger vermarkten. Dann hätte sich die ganze Mühe doppelt gelohnt. Hand aufs Herz, so eine urkritische Aktualitätsbetrachtung des Daseins, die an angriffigen Spitzen (nach Links!) nicht spart, wird doch niemals von EntscheidungsträgerInnen als Leitfaden für ein zu veränderndes eigenes Verhalten akzeptiert, geschweige denn überhaupt erst aufmerksam angehört. Denn die Headsets sind längst verteilt und eine wattierte Wohlfühlwelt jagt als Schreckgespenst doch niemandem Angst ein. Im Gegenteil. Sie ist das allgemein anerkannte, anzuvisierende Ziel. Um jeden Preis. Und seis der Verlust einer aufrechten (oder aufrichtigen?) Haltung. Die Gehhilfe schafft keine Abhilfe. Und im Zweifel lässt sich aus der Historie auch was lernen: Der Nährwert von Kuchen wird völlig unterschätzt…

 

«schwindelfrei», 28.2., Theater am Hechtplatz, Zürich.

 

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