Schwimmen lernen im Daten-Ozean

In ihrem Appell an die Politik fordert die Walliser Ärztin Monique Lehky Hagen, Co-Präsidentin der kantonalen Ärztegesellschaften, zusammen mit Diego Kuonen, Professor für Statistik an der Universität Genf, eine nachhaltige Förderung der Datenkompetenz in der Bevölkerung. Wieso wir den Umgang mit Daten von Grund auf lernen müssen, erklärt sie im Gespräch mit Fabienne Grimm.

 

Sie haben diesen Sommer zusammen mit Diego Kuonen einen Appell für mehr Datenkompetenz (data literacy) in der Bevölkerung lanciert. Was genau muss man sich unter Datenkompetenz vorstellen?

Monique Lehky Hagen: Datenkompetenz ist die Fähigkeit, Daten auf kritische Art zu sammeln, zu managen, auszuwerten und zu interpretieren. Wir müssen lernen, wie Daten gesammelt werden müssen, damit ein Mehrwert für unsere Gesellschaft entsteht. Es geht aber auch darum, zu verstehen, was bestimmte Daten überhaupt aussagen und was eben nicht; darum, wo die Grenzen der Interpretationsmöglichkeiten liegen. Wenn man nicht versteht, was aus vorliegenden Daten überhaupt gemacht werden kann, kann es vielerorts zu Fehlentscheidungen kommen.

 

Wieso setzt man sich als Ärztin für Datenkompetenz ein?

Als Ärztin muss man sich permanent mit Daten auseinandersetzen – z.B. um Diagnosen zu stellen. Ebenfalls muss man versuchen, dies den PatientInnen verständlich zu übermitteln. Was data literacy anbelangt, da gab es für mich vor rund zwei Jahren ein Schlüsselerlebnis. Wir gaben damals im Rahmen des Jubiläums «175 Jahre Walliser Ärztegesellschaft» ein historisches Projekt in Auftrag, in dem wir die Entwicklung der Medizin im Spiegel des gesellschaftlichen Wandels beleuchten wollten. Dabei zeigte sich, dass wir uns in Bezug auf gewisse Probleme endlos im Kreis drehen. Wir fanden Zeitungsartikel zu den Kostendiskussionen im Gesundheitswesen aus den 1970er-Jahren, die man heute eins zu eins publizieren könnte. Die Gesellschaft sorgte sich damals ebenso wie wir heute um die steigenden Kosten. 

Auch die Erklärung für diesen Anstieg der Kosten findet man bei einem Blick in die Akten der letzten Jahrzehnte: Der Anstieg der Gesundheitskosten geht mit der gesellschaftlichen Entwicklung und der Entwicklung der Art von Medizin, die wir heute praktizieren, einher. Es macht deshalb keinen Sinn, die Gesundheitskosten von heute mit den Gesundheitskosten der 1970er-Jahre zu vergleichen, weil ja die Gesellschaft und die Art der Medizin eine ganz andere ist. Trotzdem machen wir heute genau das. Wir vergleichen Zahlen, die man eigentlich aufgrund des anderen Kontexts nicht vergleichen kann. Ausserdem zeigten Forschungsarbeiten, dass sich die ersten Präsidenten der Walliser Ärztegesellschaft politisch stark für die Einführung von Schulen im Wallis eingesetzt haben. Dies hat mit der in den 1870er-Jahren aufkommenden Hygienebewegung zu tun. Diese hatte einen grossen Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung. Wollte man die Bevölkerung effizient über die Hygienemassnahmen aufklären, musste diese lesen und schreiben können. Deshalb engagierte sich die Ärzteschaft sozial und politisch dafür.

 

Sehen Sie sich heute mit Ihrem Einsatz für Datenkompetenz in einer ähnlichen Situation wie ihre KollegInnen von damals?

Genau. Unser Einsatz für data literacy ist das heutige Pendant zum Einsatz meiner Kolleg­Innen für die Alphabetisierung der Bevölkerung. Man stellt mir oft die Frage, wieso sich eine Ärztin für derartige Anliegen öffentlich einsetzt. Ein Blick zurück zeigt, dass dies unsere historisch gewachsene gesellschaftliche Verantwortung ist.

 

Was genau fordern Sie in ihrem Appell?

Unser Aufruf basiert auf drei Säulen. Die erste Säule bilden die Medien. Wir brauchen eine breit angelegte Informationskampagne, die geschulte Journalisten und Medienspezialisten miteinbezieht. Medien können einen wichtigen Schulungs- und Informationseffekt auf die Bevölkerung haben. Die zweite Säule ist das gesamte Aus- und Weiterbildungssystem. Datenkompetenz muss auf jeder Stufe altersgerecht vermittelt werden. Die dritte und letzte Säule bilden unabhängige, interdisziplinäre, zertifizierte Kompetenzstellen. Sie gewährleisten die Einhaltung guter Praktiken der Datensammlung, Datenauswertung und Rezeption. Ohne diese Stellen wäre es so, als hätten wir ein Schulsystem, aber keine landesweit und international gültigen Rechtschreibregeln. Deshalb fordern wir auch den interprofessionellen Einbezug bestehender nationaler und internationaler Initiativen.

 

Sie erwähnen die Medien. Es geht also nicht nur darum, dass die Bevölkerung lernt, Daten richtig zu interpretieren, sondern auch darum, wie Daten vermittelt werden?

Genau, das gehört beides zusammen. Wir müssen die Bevölkerung dafür sensibilisieren, Daten kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig müssen wir aber auch sicherstellen, dass Daten richtig vermittelt und präsentiert werden. Nur so können Missverständnisse und Fehlinterpretationen verhindert werden. Irreführend ist beispielsweise die Art, wie das Bundesamt für Gesundheit und die Medien die Zahl positiv getesteter Corona-Fälle präsentieren. Die Daten vor und nach der Änderung der Teststrategie des Bundes werden nicht getrennt dargestellt. Das macht absolut keinen Sinn, denn man kann diese Daten nicht miteinander vergleichen. Der Kontext ist ein anderer. Und trotzdem wird es immer wieder gemacht. Das führt zu vielen Fehlinterpretationen und Vermutungen, wie z.B. jene, dass sich das Virus abgeschwächt habe, weil es jetzt weniger Hospitalisationen bei gleichvielen positiven Tests gibt. Dabei liegt die Erklärung einfach darin, dass die Daten der ersten Welle rein gar nichts mit den aktuellen Daten gemeinsam haben. Auch internationale Vergleiche sind sehr schwierig, da die Teststrategien und die Gesundheitssysteme, aber auch die sozialen Verhältnisse sehr verschieden sind.

 

Auf Ihrer Website schreiben Sie, Datenkompetenz solle bereits auf Kindergartenstufe geschult werden. Wie muss man sich das vorstellen? Wie soll man einem Fünfjährigen statistische Grundlagenkenntnisse erklären?

Es geht nicht darum, dass wir alle zu Statistikern ausgebildet werden. Was wir mit unserem data literacy-Appell erreichen wollen, ist eine veränderte Grundeinstellung und die Aneignung einfacher Grundkenntnisse. Es reicht bereits, wenn Menschen vorsichtig sind, bevor sie Schlüsse aus Daten ziehen. Dieses Gespür kann man im Kindergarten schon anhand einfacher Beispiele schulen. Sie können einem Kind z.B. erklären, dass Fruchtsalat und nicht Apfelmus entsteht, wenn man drei Birnen und drei Äpfel zusammenmischt. Beginnt man bereits früh mit der Vermittlung von Datenkompetenz, so kann man den Leuten auch Ängste nehmen. Vielen Menschen bangt es nämlich bereits, wenn sie die Worte «Statistik» oder «Datenkompetenz» nur hören. Zu guter Letzt ist es gerade in der heutigen Zeit besonders wichtig, dass wir schon unseren Kindern erklären, dass Daten schützenswert und wertvoll sind.

 

Sie sprechen hier den Umgang mit den eigenen Daten an. Müssen wir lernen, unsere Daten besser zu schützen?

Absolut. In der heutigen Zeit werden überall Daten abgesogen, meistens ohne, dass wir uns dessen bewusst sind. Wir müssen uns schon fragen, ob es wirklich notwendig ist, unsere Autonummer anzugeben, wenn wir unser Auto parkieren wollen. Eigentlich ist das absolut unverhältnismässig. Wenn ich in die Mi­gros gehe und ein Stück Brot kaufe, muss ich ja auch nicht meine Adresse angeben. Zumindest noch nicht (lacht).

 

Stichwort Corona-Tracing-App?

Ich fand es super, dass die Corona-App eine grosse Datenschutzdiskussion ausgelöst hat. Aber wenn man sich z.B. anschaut, wie viel mehr Daten «Whatsapp» sammelt, dann müssen wir wohl eher darüber diskutieren. Bei «Whatsapp» geben sehr viele Menschen täglich sehr viele, sehr private Informationen preis, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Das zeigt, auf welchem Niveau der Sorglosigkeit und Unwissenheit wir uns befinden. Es liegt wahrscheinlich aber auch daran, dass uns keine sinnvollen Alternativen geboten werden. Da wäre meines Erachtens auch die Politik gefragt. Selbstverständlich möchten wir möglichst einfach kommunizieren. Es kann aber doch nicht sein, dass wir dafür gezwungenermassen Daten liefern müssen, die bewusst oder unbewusst missbraucht werden können.

 

Ihren Ausführungen lässt sich entnehmen, dass es unserer Gesellschaft schon seit langer Zeit an Datenkompetenz fehlt. Wieso kommt Ihr Appell erst jetzt?

Ich mache ja nicht erst seit diesem Sommer auf das Problem aufmerksam. Man vertröstete mich aber bisher immer damit, dass momentan andere Probleme dringlicher seien. Niemand hatte Zeit, niemand hatte Lust, niemand hatte Geld. Und dann kam Corona. Wir konnten sehen, was passiert, wenn man Menschen einfach mit nackten Zahlen konfrontiert. Es entstehen soziale Konflikte, weil die Menschen, das, was sie sehen, nicht einordnen können. Oder weil die Daten nicht mit ihren eigenen Erfahrungen korrelieren. Ich bin absolut keine Corona-Leugnerin, ich unterstütze die Maskenpflicht aufgrund der sich verschärfenden Lage, aber ich habe mich ja auch intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich stütze mich nicht nur auf die öffentlich verfügbaren Daten ab. Ich kann es verstehen, dass manche Menschen Zweifel an gewissen Entscheiden haben. Oder, dass einige vielleicht sogar denken, wir seien verrückt geworden, wenn sie sich einfach die nackten Zahlen anschauen, ohne mehr Kontextinformationen zu bekommen. Das Coronavirus hat uns vor Augen geführt, dass wir sinnvoll brauchbare Daten benötigen. Auch, weil wir plötzlich alle direkt betroffen waren. Daten haben letztendlich mitbestimmt, dass wir alle zuhause bleiben mussten, dass wir eine Maske tragen müssen oder dass gewisse Menschen leider ihre Arbeit verloren haben.

 

Sie haben eben soziale Konflikte angesprochen. Worin bestehen Ihrer Meinung nach die Gefahren, wenn wir nicht lernen, kompetenter mit Daten umzugehen?

Die Gefahren sind gross. Wenn jetzt keine solide Datenkompetenzbasis gelegt wird, werden wir einem grossen Manipulationsrisiko ausgesetzt sein. Das konnte man bereits im Rahmen der letzten Wahlen in den USA beobachten. Datenkompetenz ist absolut fundamental für unsere Demokratie. Für jede Abstimmung, für jeden persönlichen Entscheid muss ich eine minimale Grundlage an Datenkompetenz haben. Wenn wir jetzt nicht daran arbeiten, diese zu verbessern, dann entstehen aufgrund von Missverständnissen immer mehr soziale Fronten. Oder wir riskieren, irgendwann wie in George Orwells Buch «1984» zu enden, weil unsere Daten nicht genug geschützt sind. Datenkompetenz betrifft alle, nicht nur die Statistiker. Deshalb haben wir einen breiten Appell lanciert. Die gesamte Bevölkerung muss wachgerüttelt werden. Vielleicht bin ich zu idealistisch. Aber ich bin der Meinung, dass man gewisse sinnlose Konflikte verhindern kann, wenn man den Leuten ein minimales Mass an Kompetenz vermittelt und sie sich so ein einigermassen sinnvolles Bild einer Situation machen können.

 

Ihren Appell haben Sie jetzt lanciert. Was sind die nächsten Schritte?

Es freut mich mitteilen zu können, dass wir ein erstes Etappenziel erreicht haben. Beat Rieder, Ständerat des Kantons Wallis, hat Ende September beim Bundesrat eine entsprechende Interpellation eingereicht. Diese basiert auf unserem Appell. Das ist ein Meilenstein. Es ist das erste Mal, dass auf nationaler politischer Ebene über Datenkompetenz diskutiert wird. Im Dezember muss der Bundesrat die Interpellation beantworten. Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele Leute unseren Appell unterschreiben. So können wir den politischen Druck erhöhen. Aber klar ist auch, dass dieser Kulturwandel über mehrere Generationen hinweg vollzogen werden muss. Es ist wie mit Olivenbäumen. Die erste Saat ist gepflanzt, aber es wird lange dauern, bis wir Früchte ernten können. Und trotzdem ist der Einsatz schon heute unerlässlich. Meiner Meinung nach handelt es sich bei Datenkompetenz in der heutigen Zeit um ein Recht auf Bildung und somit um ein Menschenrecht, das wir im 21. Jahrhundert einfordern müssen. 

 

Appell sowie weitere Infos auf www.data-literacy.ch

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