Schulsozialarbeit vor neuen Herausforderungen

Entwicklungen in der Schulsozialarbeit am Beispiel Winterthur.

Nach Pionierjahren und einer Konsolidierungsphase steht die Schulsozialarbeit ganz generell in den nächsten Jahren vor neuen Herausforderungen. Eine Ausdifferenzierung der schulischen Sozialarbeit ist im Gang und künftig werden auch neue neurowissenschaftliche Erkenntnisse die Schulsozialarbeit herausfordern, betonte Florian Baier, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz und einer der Vordenker von Schulsozialarbeit in der Schweiz, an einer Veranstaltung zu 22 Jahren Schulsozialarbeit in Winterthur. 

Dass Schulsozialarbeit heute an vielen Schulen nicht mehr wegzudenken ist, ist nicht selbstverständlich: «Jeder Schritt musste hart gegen den Widerstand der bürgerlichen Parteien erkämpft werden», hielt die ehemalige SP-Stadträtin Pearl Pedergnana in ihrem Rückblick auf die Pionierzeit der Schulsozialarbeit (SSA) in Winterthur fest. So gab es ideologische Widerstände in den Schulbehörden und es fehlte auch an Erfahrungen. «Damals herrschte im Kanton Zürich ein enormer Reformstau in der Volksschule. Sogar Appenzell hatte uns überholt und Schulleitungen und die Basisstufe statt dem Kindergarten eingeführt.  In Winterthur stritt man im Jahr 2001 noch heftig darüber, ob Blockzeiten von neun bis elf Uhr eingeführt werden sollten oder nicht. Wenn die Lehrperson krank war, kam der Telefonalarm, manchmal erst um acht Uhr: Die Schule fällt heute aus. – Zustände, heute kaum mehr vorstellbar.» In diesem Umfeld sei die SSA entstanden, als in einem Sekundarschulhaus Probleme unter den Jugendlichen eskalierten. «Die Kreisschulpflegspräsidentin schlug vor, einen Sozialarbeiter beizuziehen.» In den damals 7 Schulkreisen wurden dann vier Sozialarbeitende bei den Kreisschulpflegen angestellt, einer von ihnen war Nik Gugger, der heutige Nationalrat.» Unter Pedergnana als Schulvorsteherin wurde 2001 das erste Projekt für eine Etablierung der SSA an den Winterthurer Schulen lanciert. Aufgrund einer Evaluation wurde ein einheitliches Konzept entwickelt und eine Fachstelle Schulsozialarbeit im Departement Schule und Sport gebildet. In einer Volksabstimmung wurde ein Kredit für die Schulsozialarbeit mit über 66 Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen. Heute, nach einer weiteren Volksabstimmung im Jahr 2020, umfasst das Team der SSA in Winterthur über 30 Personen (siehe Kasten: Meilensteine der SSA in Winterthur).

Neue Herausforderungen

Heute, so waren sich an diesem Anlass alle einig, sei die SSA aus dem Bildungssystem nicht mehr wegzudenken und breit akzeptiert. Trotzdem warnte Pearl Pedergnana davor, sich zu sicher zu fühlen: «Die SSA wird immer wieder umstritten sein, und bei einer allfälligen Sparrunde ist das Erreichte gefährdet», betonte sie.

Florian Baier, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz und langer Begleiter der SSA als Forscher, sieht nicht nur politische Herausforderungen auf die SSA zukommen, sondern vor allem auch inhaltliche. Zum einen sind aus fachlicher Sicht zunehmend Ausdifferenzierungen auszumachen. Neben der SSA sind verschiedene weitere unterstützende Stellen an der Volksschule tätig. Eine grosse Herausforderung stellt so die Vernetzung all der verschiedenen Beteiligten dar. Generell, so Baier, ist die Kooperation im Bildungswesen und eine gemeinsame Zielformulierung entscheidend für zukunftsfähige Schulen. Auch der Mangel an Lehrkräften und die entsprechenden Folgen auf die pädagogische Qualität beeinflussen das soziale Umfeld an Schulen. Insbesondere häufige Wechsel der Bezugspersonen werden soziale Folgen haben, so Baier, die aufmerksam zu beobachten sein werden.

Als weiteren Punkt nannte Baier die Heterogenität unter den Jugendlichen und die Inklusionsthematik. Dieser muss durch die SSA eine grosse Priorität zugestanden werden und es ist wichtig, dass entsprechende Zielvorgaben definiert werden.

Schliesslich wiess Baier auch auf neue neurowissenschaftliche Erkenntnisse hin, welche die soziale Arbeit künftig beeinflussen werden. Demnach haben möglicherweise drei bis vier Prozent der Kinder visuelle Wahrnehmungsbeeinträchtigungen und können zum Beispiel Gesichter und damit Personen nicht richtig wahrnehmen oder ihr Orientierungssinn ist geschwächt. Dies könnte teilweise auffälliges Verhalten erklären, das heute mit ADHS diagnostiziert wird. «Die Neurowissenschaften werden in naher Zukunft zu starken Veränderungen in Therapie und sozialer Arbeit führen» beendete Baier seinen Ausblick.

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