Schule auf oder zu?

Meine Kolleginnen von der Primarschule und den schulischen Therapieangeboten sind für mich Heldinnen. Den ganzen Tag lang werden sie von schniefenden, triefenden, niesenden Kindern umwuselt, während man so langsam zur Einsicht kommt, dass die Gruppe der unter Zwölfjährigen als Viren-Verteiler bisher unterschätzt wurde.

Wir Volksschul-Lehrpersonen sind uns ja überhaupt nicht einig, ob man die Schulen schliessen soll. Ein alter Freund und ehemaliger Kollege von mir ist schwer dafür. Er stellt fest, dass die Jugendlichen aus Selbstvergessenheit oder entwicklungsgemäss oppositionellem Verhalten heraus ständig die Masken unters Kinn ziehen, sich im Gesicht herumfummeln und einander mit ungewaschenen Händen abklatschen. Er findet es verantwortungslos, sie und sich selbst der Ansteckungsgefahr auszusetzen. Ich hingegen bin trotz meines erhöhten Krankheitsrisikos gegen eine Schulschliessung.

Meine egoistischen Motive sind: Ich hasse diesen Fernunterricht! Man hockt nur am Computer und schwingt die virtuelle Peitsche. Aber welche altersgemäss minimalistischen Pubertierenden lassen sich von Ferne ins Bockshorn jagen (Pardon: motivieren), wenn es eh keine Noten gibt? Haben Sitzleder, wenn niemand kontrolliert? Ferner: Das ganze Haptische – die Materialien und Techniken, der Schweiss und der Staub im Kunstunterricht – wird auf digitalen Anwendungen eingeplättet. Mir graut auch vor einer Neuauflage der Isolation in meinen eigenen vier Wänden – das ist mir von März bis Juli zunehmend schlecht bekommen. Meine altruistischen Motive sind: Teenager (und umso mehr jüngere Schulkinder) kann man nicht sich selbst überlassen, denn ihre Selbststeuerung und Impulskontrolle ist noch nicht voll ausgebildet. Sie hängen zeitweise noch dem magischem Denken der Kindheit an: Genau sie wird es nicht treffen, auch wenn sie keineswegs zuhause bleiben, sondern den Lockdown gruppenweise abfeiern, einander ohne Masken am Halse hängen und dabei Essen, Getränke und Zigaretten teilen. Von einer Schulschliessung würde ich eher eine Zunahme der Infektionen in dieser Altersgruppe erwarten. Denn: Wer sollte die SchülerInnen daheim betreuen, sie im Hause behalten, ihnen die Schulaufgaben erklären und diese einfordern, ihnen Gesellschaft leisten? Ihre Mütter sind es ja mehrheitlich, die in den systemrelevanten Berufen in der Pflege, Betreuung und Grundversorgung arbeiten – die können jetzt erst recht nicht alle kollektiv zuhause bleiben.

Was also tun? Verbesserungspotenzial sehe ich zunächst bei der Zulassung von Masken. Man weiss doch, dass so Stofflümpli aka «Alltagsmasken» (welcher Alltag?) nicht viel nützen. Als Kondom darf ja auch nicht jeder beliebige Schlauch verkauft werden! Ist es etwa eine Krisenmassnahme zum Schutze der Wirtschaft, dass dennoch mit sowas Geld verdient werden darf? Ferner gehört m.E. die Maskenpflicht auf Zehn- bis Zwölfjährige ausgeweitet. Diese Altersgruppe ist noch weit konformistischer und autoritätsgläubiger eingestellt als ihre Teenager-Geschwister, denen man zehnmal am Tag sagen muss, dass die Maske unter der Nase nichts nützt. Die Jüngeren würden das wohl schneller lernen und gewissenhafter umsetzen.

Dann muss das Volksschulamt auch den schwangeren Lehrerinnen nicht mehr verbieten, auf ärztlichen Rat hin im Homeoffice zu bleiben…  

Ina Müller

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