Schuld, Rache, Krieg

Als junge Mutter in schwierigen Lebensumständen wurde ich von überwältigenden Schuldgefühlen meinem Kind gegenüber geplagt. Vieles lief weit weg von ideal, und es betraf kein solch triviales Versagen – wie etwa eine unaufgeräumte Wohnung oder versäumtes Früh-Chinesisch – worüber man mit einer lockereren Haltung hätte hinwegsehen können. FreundInnen und Mitmütter, denen ich mein Leid klagte, schienen elterliche Schuldgefühle kategorisch abzulehnen. Nur meine Schwiegergotte, eine zutiefst religiöse Frau, verstand mich auf Anhieb. Sie sagte: «Es ist unausweichlich, dass man im Laufe des Lebens Schuld auf sich lädt.» Obwohl ich deswegen immer noch nicht an Jesus, Karma oder das Beichten glaubte, fühlte ich mich damals sofort erleichtert: Es lag nicht an mir, es war einfach so. Ich war sozusagen unschuldig schuldig geworden. Ein intaktes Schuldbewusstsein schien mir ab da jedoch eine soziale Notwendigkeit – etwa, um anderen Schuldiggewordenen zu verzeihen. 

 

Als Lehrerin war ich später öfters beelendet darüber, wie wenig Wert oder Sinn einer Schuldhaftigkeit beigemessen wurde. Während im Sport und vor Gericht Regeln, Übertretungen, Schuld und Strafe akzeptiert werden (z.B. Penalty), scheint es ein unumstössliches Gebot unserer Zeit zu sein, dass bei Alltagskonflikten auf keinen Fall ein/e Schuldige/r gesucht wird. Wer anderen eine Schuld zuweist, und wäre sie auch noch so klar belegbar, gilt als kleinlich, unversöhnlich, weinerlich oder Opfer. Den Tatsachen auf den Grund gehen und sie einordnen und gewichten zu wollen, wird als Zeitverschwendung angesehen, egal ob es um kollegiales Ausbooten, Mobbing unter SchülerInnen oder eine zu hohe Arbeitslast geht. Viel lieber werden Plattitüden bemüht, wie etwa: «Es bringt nichts, den Schuldigen zu suchen», «Wir müssen jetzt in die Zukunft schauen», «Zum Streiten brauchts immer zwei» oder «selber Schuld» etc. Im besten Fall erhält die klagende Partei ein Coaching oder eine Therapie. Auch dass immer mehr Eltern sich einmischen, um «ungerechte Strafen» ihrer Zöglinge zu bestreiten, fördert m.E. die allgemeine Schuldunwilligkeit. 

 

Ich möchte Schuldige auch nicht ausgrenzen oder in die Ecke stellen. Mir gefällt der sogenannte «No-Blame»-Ansatz gegen Mobbing. Dieser identifiziert zwar den Schuldigen, konfrontiert ihn jedoch nicht direkt, sondern bewegt ihn anderswie zur Umkehr. Seine Kooperation ersetzt die gerechte Strafe. Auch die Erziehungsmethode der «neuen Autorität» appelliert ganz klar an die Schuldeinsicht von TäterInnen und fordert Wiedergutmachungen ein. Mir scheint, dass die Fähigkeit, eigenes Verschulden anerkennen zu können, ein friedliches Zusammensein erst ermöglicht. Wer es nicht kann, muss von höherer Instanz zurechtgewiesen werden. In der letzten WoZ meinte Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger, er habe die Einsicht gewonnen, dass bei schlimmen Gewalttaten ein hohes Strafmass notwendig sei, um das private Ausagieren der menschlich unvermeidlichen Rachegelüste zu verhindern. 

 

Nicht zuletzt führen uneingestandene Schuld, nicht gesühnte Taten und private Rache direkt in den Krieg. Demagogen wie etwa Putin bespielen diese Klaviatur meisterhaft. Sie verführen ihr Volk zum Angriff, indem sie ihre blutverschmierten Hände in Unschuld waschen, während sie für ihre Gräueltaten die Opfer verantwortlich machen. Man kann nur hoffen, dass die gerechte Strafe Rachegelüste im Zaum hält…

 

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