Schönheit

Die Verblüffung hinsichtlich kunstvoll bearbeiteten Marmors ist nicht immer so augenscheinlich wie in der Darstellung des mit einer Ziege kopulierenden Pan im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel oder der gegenüberliegenden Perspektive der überwältigenden Bewunderung eines Handwerkers, der, wie im Prado in Madrid, eine Frauenbüste mit Schleier so zustandebrachte, dass man durch den Faltenwurf in die Augen der gekrönten Frau blicken kann.

Kunst schauen braucht Übung. Manchmal auch Übersetzung. Und das ist die zweite Ebene in Ruedi Gerbers «Journey in Sensuality» über einen durch ihren Besuch im Pariser Musée Rodin inspirierten Tanz-/Bewegungs-Workshop der legendären Anna Halprin (*1920). Eine handvoll kreativer Menschen vom Architekten bis zur Designerin, die sich zwar gerne bewegen, das aber im Selbstverständnis nie als Tanz definieren würden, lassen sich auf das Experiment ein, anhand der in Marmor (und anderem) verewigten, sinnlichen Bewegungsstudien von Auguste Rodin ihr Körper- und Bewegungsbewusstsein zu erweitern. Diese fleischliche Übersetzung wiederum ergibt mit den Abbildungen der realen Rodin-Plastiken ein Wechselspiel, das die Wertschätzung wiewohl die Entschlüsselbarkeit der baren Schönheit von Marmor wiegleich von Physis gleichermassen fördert. Daneben wird Anna Halprins Credo, dass alle Menschen tanzen können (und sollten), in diesem Film noch mit der beobachtbaren Erkenntnis erweitert, dass jeder menschliche Körper – Mann, Frau, alt, jung, füllig, trainiert, behaart, glatt… – von erhabener Schönheit ist. Es ist die Perspektive, der Blickwinkel, das Erkennen, was reziprok wiederum hilft, die nachgerade gottähnliche Grazie in den von Rodin in Stein gemeisselten Bewegungen zu erkennen. Anna Halprin war von den durchs Band fürchterlichen Nachrichten über Krieg, Finanzkrise, Hunger, Korruption, etc. richtiggehend deprimiert, wie sie im Film sagt, als sie mehr oder weniger resigniert das Musée Rodin besuchte, wo sie von der überwältigenden Schönheit der Plastiken regelrecht elektrisiert und von erneuter unbändiger Lebenslust erfüllt wurde und dieses Bewusstsein schärfen und dieses Gefühl in einem Workshop weitergeben wollte. Dass das Ruedi Gerber mit der Kamera eingefangen hat, ist unser Glück. froh.

 

«Journey in Sensuality» spielt im Kino Houdini.

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