Schöngezeichnet

Ein Bergsommer eröffnet dem pubertierenden Mario wider Erwarten neue Horizonte.

Durchgefallen. Am Gymnasium. Für den hart arbeitenden Vater, einen Tankstellenwart, ist das in doppelter Hinsicht der Gipfel. Sein Sohn Mario (Francesco Tozzi) verspielt die Chance, für die er sich tagtäglich krumm macht und die er selbst niemals gehabt hat. Vater Francesco (Antonio Zavatteri) führt die Schmach allein auf Marios Faulheit zurück, die er als Ausdruck von Trotz und Widerrede gegen seine elterliche Autorität auffasst. Zur Strafe muss Mario einen Sommer lang auf einen Bergbauernhof, damit er endlich lernt, was arbeiten bedeutet. Erik Bernasconi verfilmt mit «Becaària» den gleichnamigen Entwicklungsroman von Giorgio Genetelli, der eine Jugend im Tessin der 1970er-Jahre in eine annähernd idealisierende Erinnerung mit dramatischen Ausschmückungen gepackt hat. Die andere Familie ist viel interessanter als die eigene, freier und reflektierter. Die aus der Stadt und dem Studium heimgekehrte etwas ältere Tochter der Familie, Prisca (Sinéad Thonhill) lehrt ihn auf eine ihn verstörende Weise, dass Eigenständigkeit sehr wohl Begehren, niemals aber Besitz von jemand anderem beinhalten kann. Ein zugereister Arzt (Alessio Boni) erkennt in diesem Jüngling sich selbst in jungen Jahren. Überfordert von den Umwälzungen des Übergangs in ein Erwachsenendasein, worin sich Flausen und Naivität die Waage halten. Derweil das reale Leben erfordert, die Tragweite von jetzt zu treffenden Entscheidungen ernst zu nehmen. Dieser Sprung glückt Mario allein deshalb, weil seine Abwehrreflexe gegen die Erwachsenen hier nicht glei­chermassen stark sind, wie die gegen die eigenen Eltern. Und weil im Dorf niemand auf jemanden wie ihn gewartet hat, was ihn alle spüren lassen. Und auch, weil einzelne Figuren Leben leben, deren selbstverständliche Selbstbestimmtheit ihn so sehr irritieren, dass in ihm ein Vorgang des Grübelns einsetzt. Der gekonnt in Szene gesetzte Zeitgeist von damals verstärkt den Verdacht einer leisen Verklärung.