Die Hain-Schnirkelschnecke (Capaea nemoralis) steht als weit verbreitete «Bodenmacherin» für die Wichtigkeit des Bodenlebens. (Bild: Stéphane Vitzthum)

Schnecke mit Mission

Die Hain-Schnirkelschnecke (Cepaea nemoralis) wurde zum Tier des Jahres 2025 gekürt. Wie Rico Kessler von Pro Natura im Interview Angela Bernetta mitteilt, macht sie auf die Bedeutung gesunder Böden und die Gefährdung der Schneckenvielfalt durch Klimaerwärmung und Lebensraumverlust aufmerksam.

Rico Kessler, warum hat Pro Natura die Hain-Schnirkelschnecke als Tier des Jahres 2025 gewählt?

Die Hain-Schnirkelschnecke hat eine wichtige Aufgabe im ökologischen Kreislauf: Sie frisst hauptsächlich tote und welke Pflanzenteile, gibt Nährstoffe an den Boden ab, die diesen fruchtbar hält. Doch ihr Lebensraum ist bedroht – versiegelte Strassen, schwere Maschinen und Pestizide setzen unseren Böden zu und gefährden viele Arten – darunter auch diese kleine, aber bedeutende Schnecke. Mit ihrer Wahl rückt Pro Natura die Wichtigkeit gesunder Böden für unser Ökosystem in den Fokus. Und ganz nebenbei: Die Hain-Schnirkelschnecke ist nicht nur nützlich, sondern auch hübsch anzusehen.

Was würde passieren, wenn Bodenbewohner wie die Hain-Schnirkelschnecke fehlen?

Tiere und Pilze, die verwelkte Pflanzen und andere organische Reste zersetzen, sind für die Natur unverzichtbar. Ohne sie würden überall Laub, Pflanzenreste und Kot liegen bleiben – wir würden buchstäblich darin versinken. 

Viele Menschen sehen Schnecken als Schädlinge im Garten. Wie kann die Hain-Schnirkelschnecke deren Image verbessern?

In der Schweiz gibt es 254 Schnecken­arten, aber nur drei davon richten im Garten wirklich Schaden an. Die meisten Schnecken lassen Nutz- oder Zierpflanzen in Ruhe und helfen stattdessen bei der Bodenbildung, indem sie abgestorbene Pflanzenteile zersetzen. Die Hain-Schnirkelschnecke gehört zu diesen fleissigen «Bodenmachern». Manche Schnecken, wie der Tigerschnegel, gehen sogar auf Schneckenjagd und fressen andere Nacktschnecken – so helfen sie, deren Population in Schach zu halten.

Schnecken sind faszinierende Lebewesen – besonders die sogenannten Schneckenkönige, die ein linksgewundenes Gehäuse besitzen. Wie kommt es zu dieser ungewöhnlichen Abweichung?

Wissenschaftler:innen haben die genetischen Prozesse hinter dieser besonderen Abweichung untersucht. Bei Weinbergschnecken gibt es nur einen linksgewundenen «Schneckenkönig» auf Tausend von rechtsgewundenen Artgenossen. Für diese seltenen Schnecken ist die Paarung schwierig, da ihre Geschlechtsöffnungen nicht wie gewohnt aufeinandertreffen. Interessanterweise gibt es aber auch Schneckenarten, bei denen linksgewundene Gehäuse völlig normal sind – zum Beispiel die Schliessmundschnecken.

Die Hain-Schnirkelschnecke liebt feuchte und naturbelassene Lebensräume. Was können Gärtner:innen und Städteplaner:innen konkret tun, um ihren Lebensraum zu schützen?

Die Hain-Schnirkelschnecke ist nicht wählerisch. Sie fühlt sich überall dort wohl, wo es Ast- oder Laubhaufen, dichte Büsche, selten gemähte Wiesen oder Bruchsteinmauern gibt. Solche Strukturen lassen sich ganz einfach in Gärten oder auf öffentlichen Flächen anlegen und pflegen. 

Wie schätzen Sie die Zukunft der Schneckenvielfalt in der Schweiz ein – gibt es Anlass zur Sorge?

2026 erscheint die neue Rote Liste der Mollusken – dann wissen wir mehr. Eines ist aber schon jetzt klar: Die Klimaerwärmung mit häufigeren Trockenperioden setzt vielen Landschnecken zu. Besonders betroffen sind Arten, die in Feuchtgebieten, an Quellen oder in naturnahen Gewässern leben – Lebensräume, die bereits stark geschrumpft sind. Auch einige Muschelarten sind bedroht, denn genau wie Schnecken gehören sie zu den Weichtieren.

Bunte Schnecke

Die Hain-Schnirkelschnecke (Cepaea nemoralis) ist eine weit verbreitete Landschnecke mit einem auffällig gestreiften, etwa 2,5 Zentimeter grossen Häuschen in verschiedenen Farbvariationen.
Sie lebt in Gärten, Parks und lichten Wäldern, bevorzugt feuchte, schattige Gebiete mit kalkhaltigen Böden.
Vorwiegend nachtaktiv, ernährt sie sich von welken Pflanzenteilen und trägt zur Zersetzung organischer Materialien bei. Sie dient als Nahrungsquelle für Vögel und Igel. Tagsüber schützt sie sich vor Austrocknung, indem sie sich in ihr Gehäuse zurückzieht. Ein Gelege enthält meist 50 bis 100 Eier, aus denen nach etwa drei Wochen Jungschnecken schlüpfen. Die Art kann bis zu fünf Jahre alt werden.