- Kultur
Schleier
Du! Musst! Jede noch so in sich stimmige und überzeugende Aufforderung verliert mit dieserart verbaler Einführung an Reiz, überhaupt bis zuletzt angehört zu werden. Geschweige denn noch weiter in ein Bewusstsein vorzudringen. Ester Vonplon hat unverkennbar die Naturschönheit und deren Vergänglichkeit zum Thema, was in grossformatigen Fotografien von Auenwäldern am deutlichsten zum Vorschein tritt. Ihre Serie «Flügelschlag» indes, eine auf dem klassischen Fotogramm basierende Wiedergabemethode, in der das Objekt zur Belichtung direkt auf den lichtempfindlichen Träger gelegt wird, bildet nicht nur den Ausstellungstitel, sondern vermittelt auch überaus neckisch das wohlüberlegte Vorgehen. Einerseits bedient sich Ester Vonplon einer seit zwei Jahrhunderten bekannten, nachgerade vorfotografischen Methodik, andererseits weiss sie um die Wirkmacht der Verschleierung auf die menschliche Neugier. Das platte, direkte Abbilden – im Fall der Bewahrung der Naturschönheiten auch das Auffordern zur Achtgabe – eines schutzbedürftigen Anschauungsobjekts, mag in der Kurzzeitwirkung alias dem Effekt sehr viel schneller wirken, aber auch sehr viel vergänglicher. Diese Fotogramme sind als Bildnis im Sinn von hier hängenden Resultaten sowohl faszinierend anzusehen als sie auch rätselhaft genug, die Wissbegier anzustacheln, ergründen zu wollen, was jetzt genau der eigentliche Ursprung für dieses Farb- und Schärfespiel im Einzelfall gewesen sein könnte. Und schon ist ein Interesse geweckt, worüber in einem weiteren Schritt mit den sogenannt harten Fakten oder eben einer eindringlichen Aufforderung herausgerückt werden kann. Auf einer dritten Ebene, jener des Zufalls, der ja im Umgang der Sorgfalt oder der Priorität des Menschen mit der Natur häufig keinen komplett zu vernachlässigenden Einfluss hat, überlässt Ester Vonplon der Mitwirkung von chemischen Substanzen etwa in der fotografischen Bildstabilisierung eine Mitsprache. Sie ist also nicht die alleinige Urheberin oder alles beherrschende, sondern nimmt sich und ihren (technischen) Einfluss bewusst soweit zurück, dass das Resultat indirekt fast schon ein Gemeinschaftswerk von Künstlerin und Natur darstellt. Was unschwer erkennbar ihre eigentliche Intention nurmehr doppelt verstärkt zur Wirkung bringt. Diese Ergebnisoffenheit erweiterte sie für die Serie «I See Darkness» noch weiter, als sie einem ausgedienten Tunnel die Funktion der Dunkelkammer überlassen hat und die Grenzziehung zwischen Arbeitsort, Kamera und Bildgegenstand ganz auflöste.
Ester Vonplon: «Flügelschlag»,bis 14.6., Fotomuseum, Winterthur.