Schämt euch!

Das diesjährige Sommerloch bescherte uns saure Gurken zuhauf. Mir jedenfalls bimmeln nur so die Ohren vor lauter «ekelerregend» grosser Schamlippen, männerkastrierender Gleichberechtigung und humanitärer Schönheits-OPs am weiblichen Genitale… Derart ballerte die Gilde der Genital-ChirurgInnen im Bunde mit den LebensberaterInnen aus vollen Rohren ihre Werbe-Kampagne für die Wiederherstellung gesellschaftlich akzeptabler Geschlechter-Grössen-Verhältnisse los.

 

Auftakt am 29. Juli im rosaroten Gratisblatt: «Besserer Sex nach Vagina-OP» – die Chirurgin weiss: «Sehr viele Frauen leiden schon lange.» Nicht jedoch an medizinischem, z.B. geburtsbedingtem, Gebrechen in der Schamregion, wie etwa Scheiden-Prolaps, Darmfisteln, Dammrissen oder Hämorrhoiden, sondern hauptsächlich: an zu grossen Schamlippen. Diese stutzt Frau Doktor Futz im Dutzend, denn «wenn sich eine Frau im Kopf befreit fühlt, dann ist auch der Sex besser». Hm. In über 40 Jahren Frausein ist mir total entgangen, dass diese schrumpeligen Dinger erstens im Kopf wachsen und zweitens irgend einen Einfluss auf mein Liebesleben hätten. Hab wohl ständig Zwetschgen auf den Augen.

 

Beim Zurechtstutzen allzu praller Weiblichkeit hilft eines immer: eine Miss-Wahl – dokumentiert auf der gleichen Doppelseite. Ist doch logo: Bevor wir uns minderwertig fühlen und in die Arme der plastischen Chirurgie flüchten können, müssen wir uns erst mal vergleichen. Dabei hilft «Miss Vagina». Deren Zielpublikum sind im weiteren triebgeplagte Männer, denen sie ihre allerschönste Scham in Form eines 3D-Sextoys überlässt. Bevor wir aber zweifelsfrei glauben, unsere Geschlechtsteile seien zuallererst dazu da, einem Betrachter Lust zu bereiten, sind weitere Schritte nötig. Immer nützlich: das vernichtende Urteil der Fach-Männer. Am 20. August schlagen sie zu. Im einen Blatt weint ein Leser sich beim Briefkastenonkel aus: «Ich finde ihre riesigen Schamlippen total eklig!» Eine Leserin hat Mitleid mit der Gutbestückten, eine andere warnt: «Ich würde auf keinen Fall empfehlen, das operativ zu korrigieren. Ich habe leider den Fehler gemacht, und heute habe ich dort ca. 50 Prozent weniger Empfinden.» Diese Gefahr kennt der Experte im anderen Blatt nicht (oder hält er sie für zweitrangig?). Gleichentags stellt er die «Korrektur» als absolut harmlos dar. Sein Problem ist eher: «Die Schamlippenkorrektur wird noch immer sehr selten öffentlich thematisiert.» Da hat er wohl gerade keine Zeitung gelesen. Er findet, nur schon Drüber-Reden hülfe den Frauen, da sie dabei merkten, «dass ihr Behandlungswunsch ganz normal ist». Bei Männern ist das natürlich was anderes (24.8.): Seine hervorhängende Vorhaut soll eben gerade nicht beschnitten werden, sondern mit viel Einfühlung und Pipapo trotz Überlänge zu gutem Gelingen befähigen.

 

Also jetzt haben wir es doch endlich begriffen: Weibliche Grösse – sei es bei der Körperlänge, Körperfülle, in der Beziehung, der Politik oder am Arbeitsplatz und nun halt auch Untenrum – ist einfach abnormal! Doch, doch: «Beim Sex schadet die Emanzipation» (24.8.), denn zu viel «Gleichmacherei» macht aus ihm «einen verschmusten, impotenten Kater». Die Klage: «Ich bin grösser als mein neuer Freund. Ich schäme mich, mit ihm gesehen zu werden.» (26.8.) überzeugt uns restlos…

Und nun? Trotz gewollt schamloser Zurschaustellung nach Blankrasur bleibt die Scham offenbar eine schambehaftete Körperregion. Das ist wohl einfach so und könnte nach einer tiefgründigeren psychologischen Auffassung sogar einen Lustgewinn bieten. Also finde ich: Schämen wir uns doch ruhig ein wenig, lassen was drüber wachsen, wo es uns nicht so gefällt, oder machen das Licht aus – und dann geht uns die Sache nicht nur physisch, sondern auch mental, direkt am Arsch vorbei.

 

 

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