- Post Scriptum
Saublöd / Oberglatt
Seit ich mit einem Demenzbetroffenen zusammenwohne, habe ich andere Hobbies. So eine Degeneration steckt eben voller Überraschungen: Man weiss nie, welche Fähigkeit als Nächstes aussetzen und für unerwartete Komplikationen sorgen wird. Da hockt unsereins bald einmal lieber zuhause, als das Stresspotenzial ausserhäuslicher Zeitvertriebe zu riskieren.
Ganz am Anfang haben mich amerikanische Satiriker mit den Eskapaden ihres Präsidenten gegruselt. Wir sind nächtelang vor dem Computer gesessen und haben uns mehr-als-satt-geguckt. Das wurde jedoch mit der Zeit deprimierend. Also haben wir auf Weltliteratur bzw. Heimkino umgesattelt. Bildungslücken sind ja glücklicherweise unendlich gross, und es gibt ständig neue. Zwischendurch geht uns aber der Füllstoff aus, da wirs lieber handfest haben als digital. Vieles lässt sich zwar nach Hause bestellen, dank dem zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher auch Secondhand-Bücher oder Filme (zvab.ch – Geheimtipp!). Aber was ist das Online-«Browsen» gegenüber einer echten, haptischen Brocki-Tour? So lassen wir uns doch noch noch ab und zu auf ein ausserhäusliches Abenteuer ein und klappern mit unseren GAs nahe und ferne Brockenhäuser ab. Die Reisen sind meistens erfreulich, jedenfalls landschaftlich, und angesichts der unübertrefflichen Putzigkeit der Schweizer Ortsnamen auch lustig.
Etwa im Glatttal: Da schlängelt sich seit der Rechtschreibreform zwar nicht mehr der Glatt-Aal. Trotzdem müssen Sie auf der Fahrt durchs neblige Unterland nicht Trübsal blasen: Kurzweilig ist die Streke von Niederweningen nach Oberglatt nur schon, weil man sich fragt, was «niederwenig» bedeuten soll. Da kann ich Ihnen aushelfen: «Niederwenig» ist gleich «vielmehr», etwa so wie «nümenüt» gleich «öppis» ist. Das ist doch hochinteressant – dafür nur niederglatt, was aber immer noch besser ist als saublöd – dafür oberglatt. Beschaulicher ists in Baden: Gleich beim Friedhof Liebenfels steht ein Wohnhaus, das den Schriftzug «Mon Repos» trägt. Da weiss man wenigstens, was man sich einhandelt.
Unterhaltsam und lehrreich ist eine Fahrt an den Bodensee. In Mammern bietet die gleichnamige Schloss-Klinik Diätaufenthalte an. Zuerst also futtern bei Muttern, dann jammern auf Mammern. Das A und O des Fleisches erleben und erleiden Sie hier direkt an der Dr. A. O. Fleisch-Strasse 3. Wo denn sonst! Dann kommt Triboltingen. Das ist nicht die Heimat des allseits bekannten Mundwassers Trybol; dieses wurde vielmehr in Neuhausen erfunden. Markenlandschaft.ch weiss: «Der Zahnarzt Adolf Trüeb erfindet ein Mundwasser, welches grossen Erfolg bei seinen Patienten feiert.» Falls auch Sie nachts durch lästige Partygeräusche aus dem Badezimmerschrank gestört werden, sollten Sie auf Listerine umstellen (oder sind da etwa Listerien drin?). Den erfinderischen Dentisten mag es gewurmt haben, dass sein geistiges Kind so gar nicht wie sein Nachname klingt, denn auf Schweizerdeutsch gilt eben gern y = i. Aber «Trüebol» evoziert halt weder strahlendes Lächeln noch higienischen Atem. Ein charmantes Brocki liegt gleich beim Bahnhof Kreuzlingen. Dort werden Sie mit Poesie begrüsst: «Geschätzte Kunden mit Hunden». Das Nicht-Gendern sei ausnahmsweise verziehen, denn weder «Kund:innen mit Hund:innen» noch «Künd:innen mit Hünd:innen» klingen ähnlich schlüssig. Nun sind wir in Scherzingen. Dazu fällt mir jetzt gar nichts ein.