Rückkehr

Im Spamfilter landen keine Angebote für Penisverlängerungen mehr, sondern für Masken. Zum Schnäppchenpreis, versteht sich. Das beweist, dass sich die Leute trotz Corona nicht ändern: Billig ist immer noch die Hauptsache. Auch unsere Armee funktioniert so. Zwar kauft sie einerseits für über zwei Milliarden Masken und Schlüttli ein, immerhin ein Drittel der Summe, die wir für Kampfjets zugute hätten! Aber sie ist dann eben auch nur eine normale Schweizer Institution und kauft dort, wo’s billig ist, also beim Chinesen. Was sie wiederum beim Kampfjet ja nie tun würde.

 

Das mit der Systemrelevanz ist also noch nicht überall in den Köpfen drin. Wir dürfen gespannt sein, was sich nach der Krise, wann immer das ist, auch wirklich verändert. Alle reden von ‹Systemrelevanz›, aber wenn dann beim ersten Kauf schon wieder der alte Geiz-ist-geil-Reflex spielt, dann nützt das ganze Gerede nichts. Zwar stützt auch unsere Armee mit ihren Grosseinkäufen ein Produktionssystem, nur halt eines in China.

Nur schon an diesem kleinen Beispiel wird sichtbar, wie hart die Rückkehr aus der Krise sein wird. Ich bin etwas pessimistisch, ob und wie es gelingen wird, überholte Konventionen abzulegen, quasi synchron mit dem Aufbau von Resistenz. Ich würde zum Beispiel jede Wette abschliessen, dass die Auslastung unserer Flughäfen maximal zwei Monate, nachdem Flugreisen wieder erlaubt sind, wieder wie im Jahr 1 v.Co. (vor Corona) sein wird. Es wird viele geben, die nicht nur ihr Verhalten nicht ändern, sondern sogar überkompensieren werden.

 

Zum Beispiel die Modebranche. Ich zum Beispiel habe nicht gewusst, dass ich ein Fashion Victim bin, wenn auch eines der Slow Fashion. Auch das hab ich nicht gekannt. Slow Food schon, aber Mode? Nun, es funktioniert genauso wie beim Food. Und «fast» ist die Fashion nun wirklich! Vier Kollektionen pro Jahr ist eigentlich schon an der unteren Grenze in vielen Modehäusern. Es soll welche geben, die alle zwei Wochen eine Kollektion auf den Markt schmeissen. Da muss sich die Konsumentin, der Konsument natürlich sputen. Also kaufte man sich pro Woche ein neues Outfit, mindestens. Bis Corona kam.

Mal abgesehen vom enormen Ressourcenverschleiss und der Umweltzerstörung: Ökonomisch funktioniert das nur mittels konsequenter Ausbeutung von Arbeitskräften, vom Baumwollpflücker über die Näherin im Sweat Shop bis zur Verkäuferin im Laden. Alle unterbezahlt und überbeansprucht. Sonst könnten wir uns das gar nicht leisten. Die Ausbeutung von Mensch und Natur ist Teil des Systems, und wir reklamieren im Gegenzug ein Recht auf günstige Ware. Die dann auch entsprechend nichts wert ist. Die wir daher wegschmeissen können. Die Hälfte der gekauften Kleider landet innerhalb eines Jahres im Abfall oder in der Altkleidersammlung, lese ich in der NZZ.

 

Slow Fashion will das alles nicht. Es ist eine Bewegung, die der Kaufsucht entgegenwirken will. Corona hat das schneller und gründlicher geschafft. Aber das Perverse ist, dass es deswegen ja dem Baumwollpflücker und der Näherin im Sweatshop keinen Dreck besser geht, im Gegenteil. Das System weiss schon, wie es alle seine Kinder ernährt, wenn auch die einen nur lausig. Und so sitzen wir in der Zwickmühle: Einfach zum Konsumverhalten v.Co. zurückzukehren, ist keine Lösung. Aber einfach keine Kleider mehr zu kaufen, treibt die Näherinnen in Asien in den Ruin.

Solche Mechanismen gibt es zuhauf. Sie verhindern, dass wir wirklich viel lernen werden aus der Krise. Aber ich hoffe immer noch, ich werde Lügen gestraft.

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