Routiniert in der Überraschung

Wenn der Publikumszuspruch so weiter wächst, benötigt das Tanzfestival Winterthur bald ein grösseres Theater für die Durchführung. Die Einbindung der lokalen Szene durch die Plattform für «Intros» genannte Kurzstücke erweist sich zusehends deutlicher als sich in mehrerlei Hinsicht auszahlender Effort.

 

Ihren Ursprung haben die den eingeladenen – in gewöhnlichen Jahren auch internationalen – Tanzcompagnien vorgelagerten «Intros» im Jubiläumsprogramm zum 25. Bestehen des Tanzfestivals Winterthur 2017. Im Sinne eines Erinnerns und Hochlebenlassens der PionierInnen ermunterte die Festivalleiterin Nadine Schwarz ihre VorgängerInnen zu einem Bühnenauftritt: Ruth Girod, Elvi Leu, Anja Tajouiti, Marie-Louise Kind und Pietro D’Amico sowie Jens Biedermann konnte sie überreden, das Jubiläumsprogramm jeweils mit einer «Carte Blanche» zu bereichern. Das funktionierte – auf der Bühne wie auch publikumsseitig – so gut, dass sie ihre hartnäckige Aufforderung zur Herstellung einer Bühnenperformance ab dem Folgejahr auf TänzerInnen ausweitete, die entweder schon länger keine grosse Produktionen mehr hergestellt hatten oder sich im entgegengesetzten Fall noch an keine solche wagten. Die Altersdurchmischung wiewohl die Vielfalt in Ästhetik und künstlerischer Praxis ergab in der Ergänzung zu den eingeladenen, abendfüllenden Stücken ein ungemein breites Abbild dessen, was zeitgenössischer Tanz alles sein kann. Der Faden zur Tanzgeschichte blieb (wie schon früher) durch Filmprojektionen bestehen. Zuerst in der Form von Clips im Nachtrag an die Vorstellungen auf der Nebenbühne des Theaters am Gleis, später in Kooperation mit dem Schweizer Tanzarchiv, heute SAPA im Kino in Ergänzung durch KünstlerInnengespräche und Einordnungen von ZeitzeugInnen. Etwas salopp lässt sich feststellen, dass das Tanzfestival Winterthur seine Fühler gekonnt in viele Richtungen gleichzeitig ausstreckt und damit den Zugang zum zeitgenössischen Tanz auch für ein bislang weniger affines Publikum so vielfältig wie einfach ermöglicht. Aus bekannten Gründen sind internationale Einladungen aktuell nicht opportun. Hier zeigt sich die jahrelange Pflege der lokalen KünstlerInnen aus einer weiteren Perspektive als überaus lohnende Bemühung: Eine aktive, lokale Szene existiert und kann in verschiedenen Formaten bis hin zur Gemeinschaftsimprovisation von sich bislang kaum gegenseitig kennenden TänzerInnen das Grundgerüst für ein Festivalprogramm stellen, das punktuell mit schweizweit zusammengesuchten Produktionen ergänzt werden kann. Und der Eindruck bleibt, einen vollständigen Jahrgang zu sehen bekommen zu haben. Châpeau!

 

Mann steckt fest

Etwas vom Irritierendsten war Eduard Hues Solo «Forward». Nicht nur dass er damit den in Zürich vorherrschenden Zeitgeist im Tanz komplett gegen den Strich strählt, er ermöglicht damit auch ein erstmaliges ungefähres Verstehen davon, was die (mehrheitlich rechtsbürgerliche) Klage über den in seiner Entfaltung eingeschränkten, reihum zur Anpassung bedrängten heterosexuellen Mann meinen könnte. Respektive zu welch bescheiden eindimensionaler Gegenwehr jemand von diesem Gefühl Betroffenes sich angespornt bis regelrecht genötigt sehen kann. Womit sich im Umkehrschluss ein solch potenzielles Ohnmachtsgefühl erst als nachvollziehbar erweist, weil dieses Solo die Lücken offenbart: Jene im Denken – für den Mann mit dem Hammer ist jedes Problem ein Nagel – und jene im Umdenken – wenn der Esel (das Tier) Vorderbeine arretiert und das Geradeausgehen blockiert, hilft nur eine vorübergehende Umorientierung: Ein Schritt zur Seite.  Edouard Hue versinnbildlicht ein körperlich wildes um sich Schlagen bis zur Erschöpfung, was in der Folge für die nötig werdende Ruhephase bloss die Erholung von Puls und Atmung meint, nicht aber die Erweiterung einer Perspektive. Zum Beispiel eine minimal adaptierte Feinjustierung des Vorgehens für den nächstfolgenden Versuch des sich Freistrampelns – von imaginären Angriffen oder Bedrohungen also Dämonen. Noch ungelöst erscheint der Weg, wie diese Fähigkeit zum klaren Ausdruck in ein eigenes Erkennen überführt werden könnte. Eine längere Einkehr?

 

Marc Oosterhoff überführt eine nicht unähnliche Grundkonstellation im akrobatisch-zirzensischen Solo mit Gegenständen «les promesses de l’incertitude» in eine atmosphärisch vollends andere Tonalität. Sein Tüftler ist auch Komiker und scheint – trotz zwischenzeitlichen Ganzkörperschüttelattacken – an seiner ihn umgebenden Aussenwelt überhaupt nicht zu leiden. Eher ist er der tollpatschig wirkende zerstreute Professor, der sich in offensichtlich halsbrecherische Lagen manövriert, deren er sich offenbar überhaupt nicht gewahr ist. Wenn er statt eines Luftballons am anderen Ende eines dünnen Seils ein Bleigewicht hält, das über die Deckenbefestigung wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf hängt, ihn also potenziell real bedroht, richtet sich seine volle Aufmerksamkeit allein auf die vor ihm auf einem Tisch befindlichen Kleingegenstände, die er einhändig in eine abenteuerlich geschichtete Balance eines sinnbildlichen Turmbaus zu bringen versucht. Sein Bemühen wie sein Bestreben sind als aufrichtig interessiert erkennbar, was ihm in seiner Bühnenwelt, in der handgrosse Sandsäcke vom Himmel fallen und Bananenschalen seinen Weg säumen, einen sicheren Parcours ermöglicht, bei dem er alle potenziellen Gefahren überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen scheint – und wenn, dann als faszinierendes Kuriosum. Die Tonalität ist positiv konnotiert und nicht problemschwer. Er ist der Glückspilz, der nichts anderes kennt und sich freut, dass ihm so viele spannende He­rausforderungen begegnen. Getreu dem Bonmot: Den Mutigen lächelt das Glück.

 

Frau hebt ab

Drei der fünf «DOXS»-Gründerinnen – Oriana Bräu-Berger, Xenja Füger und Dominique Misteli – haben diese Weisheit längst verinnerlicht und greifen im work in progress «flieg.» keck direkt nach den Sternen. Also heben szenisch und musikalisch ab, wie Astronautinnen, die ihre routinierten Handgriffe für eine Steuerung aber von ihrer alleinigen Zweckmässigkeit befreit und weiter raffiniert haben. Einfach weil sies drauf haben. Der Eroberung des Raums im Sinne von All ist ihnen eh sicher, also verwenden sie ihre physische Präsenz, ihre meist nur kleinteilig bleibende Beweisführung einer den gesamten Ausdruck betreffenden rhythmisierten Fingerfertigkeit, für die Ausdehnung der Spannung auf den ganzen Bühnenraum, selbst wenn sie ihn rein körperlich überhaupt nicht in Anspruch nehmen. Ihnen genügt schliesslich, dass sie imaginär die gesamte Weltkugel in Händen halten, die sie sorgsam in Bewegung behalten und auch nach einer akustischen Absturzgefährdung suggerierenden momentanen Extremsteigerung ins Flirren und Flimmern geratenden Anspannung wohlbehalten und intakt wieder zurückzubringen vermögen. Eine Rundreise, die Routine alleine als Grundlage dafür verwendet, um darüber in jedem Sinn zu tanzen. Handwerk, Inspiration, Sorgfalt. Ich würd mitfliegen…

 

Hart im doppelten Sinn gelandet, ist Miriam Jamuna Zweifel, deren Intro «Ohne Schweiss kein Preis» im Duo mit Ariana Qizmolli verletzungsbedingt als Solo von Ariana Qizmolli uraufgeführt wurde und sogar in dieser hauruck-improvisierten Notchoreographie dermassen überzeugend in sich stringent wirkte, dass jetzt die Rückkehr zur Ursprungsidee als Duo infrage gestellt ist. Ausgangspunkt ist eine tendenziell snobistische Attitüde in Augenaufschlag, Tenüwahl und Siegerpose beim Tennis. Was Contenance bewahren beim Patzen genannt werden kann, schaut in der beabsichtigten grotesken Überhöhung desselben plötzlich ganz routiniert wie Selbstironie aus. Ist aber Spott. Durch die Konzentration auf eine Tänzerin allein auf der Bühne gewinnen Posen, Lippenspitzen, Augenrollen und die nahezu eifersüchtig wahnhafte Kontrolle jeder körperlichen Regung eine nochmals gesteigerte Wirkung, der nur noch die (Pokal-?)Sammelwut alias Raffgier den Platz auf dem Treppchen für konzise Choreographieeinfälle streitig machen könnte.

 

Linda Heller und Audrey Wagner, Teil des neunköpfigen «Merge Dance Collectives», verwenden in «RED» eine Make-up-tutorial-Tonspur, um sich darüber hinwegzusetzen. Posen wie in Pinup-Miniaturen gegen die Vereinsamung von Soldaten im Feld, regelrechter Missbrauch vom Kosmetikprodukt zur Attraktivitätssteigerung der Frau Nummer eins, dem Lippenstift und ein akustisches Zwischenspiel im Text irgendwo zwischen Selbstzweifeln über die eigene Bereitschaft zur kommerziellen Prostitution und einer naiv-grössenwahnsinnigen Selbstbefähigung, den Followern die Welt insgesamt zu erklären, ergänzen sich zu einem Abbild eines erfrischend befreiten Selbstverständnisses von jungen Frauen, sich auch nur irgendetwas unterordnen zu müssen. Geschweige denn, jemandem. Die hier erstmals gezeigte, lange Version (ein try-out war bereits während der Jungkunst zu sehen), muss noch nicht zwingend die letzte, alleinseligmachende Fassung meinen. Sie zeigt durchaus noch Verdichtungspotenzial, sofern die zen­trale Absicht dahinter der pointierte Kommentar sein sollte. Wäre indes die Endlosschlaufe ewiggleicher Klischeevorhaltungen an das korrekte Verhalten einer Frau inklusive einer sich zwangsläufig einstellenden Ermattung darüber das primäre Ziel von «RED», könnte sogar die noch weitere Zerdehnung ein neckisches Experiment werden.

 

Frei von allem

Vollends frei von jeder Anlehnung an Konventionen, also die regelrechte Ignoranz gegenüber jeder Routiniertheit verfolgen die Cie. Linga mit «Sottovoce» und Joshua Monten mit «Game Theory». Letzteres ist schlicht ein Spiel. Ein verspieltes Lustwandeln durch die Möglichkeiten des körperlichen Ausdrucks im Sinne einer Nummernrevue oder der zufällig erscheinende Zeitvertreib bei überbordendem Bewegungsdrang, dessen einzige Logik auf dem spontanen Einfall, der momentan ausgeprägtesten Lust basiert. «Sottovoce» ist sichtlich ambitionierter, wenngleich im weitaus geringeren Umfang leichtfüssig oder heiter. Der Austausch als Mensch unter Menschen, zu zweit, im Trio, in der Gruppe, allein basierend auf minimalen Gesten, Blicken, energetischer Anziehung und haptischer Gegenwehr, ergibt einen sich in jedem einzelnen Augenblick verändernden Körperdialog. Nahe einer Schwarmintelligenz bei Fischen, zumindest was die Gesamtharmonie des Ensembles anbelangt, weniger was die Rätselhaftigkeit, wie sowas funktionieren kann, anbelangt. Mit der Musikspur und den Kostümen erlangt dieser sich kontinuierlich im Wandel befindliche Menschenknäuel auch eine leicht spirituell angehauchte Komponente, was ihn von der alleinigen Absicht einer Herstellung von Grazie leider auch wieder entrückt. Klar ist indes: Vorgaben, Schranken, Erwartungen werden hier keine berücksichtigt. Fast schon eine sich in sich selbst zugewandte Anarchie.

 

«29. Tanzfestival Winterthur», 18. – 27.11., Theater am Gleis, Winterthur. Tanzrolle 2020 im Kino Cameo.
Die 30. Jubiläumsausgabe ist in Planung für die Zeit vom 17. – 26.11.22.
www.tanzfestivalwinterthur.ch

 

 

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