Rockerkutten mit Festnahmerecht

«Blauer-Ritter», «Waffen-Kämpfer», «Bestrafer»: So heissen die Motorradclubs, in denen Polizisten mit Rockerkutten Outlaws spielen. Einige Führungsfiguren aus Zürich bedienen sich dabei rechter Symbolik. 

 

Diesen Sommer erhielt die Schweiz einen tiefen Einblick in eine Szene, deren Mitglieder sich sonst lieber jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit bewegen: die Schweizer Motorradclub-Szene. Beim Prozess in Bern im Juni standen 22 Mitglieder der «Hells Angels», «Broncos» und «Bandidos» vor Gericht. Kurz vor Prozessbeginn in Bern fand im aargauischen Hallwil eine Schlägerei zwischen zwei Motorradclubs statt: Die «Hells Angels» überfielen gemäss Recherchen des ‹Blick› mit befreundeten Clubs das neue Lokal der «Punisher». Der Vorfall in Hallwil wirft Licht auf eine zweite, parallele Motorradclub-Szene innerhalb der Schweiz. Denn die Mitglieder der «Punisher» setzen sich fast ausschliesslich aus Polizei-, Justiz- und Zollbeamten zusammen. Sie sind Teil der LEMC – der Law Enforcement Motorcycle Clubs – einer Szene, in denen PolizistInnen auf schweren Maschinen und in Lederkutten Passstrassen hochdonnern und das Leben von Gesetzlosen spielen. Doch die Szene gerät unter Druck, auch in Zürich. 

 

«Ja, wir haben ein Agreement»

Dabei konnte die Szene bisher darauf zählen, dass Medien und Politiker sie nicht allzu kritisch betrachtet. Als die «Blue Knights», der älteste PolizistInnen-Motorradclub der Schweiz, 2008 in Savognin sein erstes Meeting mit Mitgliedern aus ganz Europa feierte, sass der damalige Sicherheitsdirektor und heutige Ständerat Martin Schmid (FDP) auf dem Beifahrersitz. Auf dem Weg machte der Konvoi halt, die Blaulicht-Rocker übergaben einem Heim für Menschen mit Behinderung einen Scheck. Gegründet wurden die «Blue Knights», aber auch die «Punisher» und die «Gunfighters» in den USA. Dann, vor gut zwanzig Jahren, eröffnete ein Berner Polizeibeamter in Belp die erste Niederlassung eines Blaulicht-Motorradclubs: Die «Blue Knights Schweiz» waren geboren. Inzwischen gibt es gemäss Homepage vier sogenannte Chapter. Mitglied werden können seither alle Polizeibeamten, Grenzwächterinnen und andere polizeiliche Dienststellen, sofern sie Festnahmerecht haben. Doch bevor die «Blue Knights»  losbrettern konnten, wurden sie bei den Platzhirschen der Schweizer MC-Szene, den «Hells Angels», vorstellig und respektierten so die Hierarchie der Szene. Es ist genau dieser Schritt, den die «Punisher» übersprangen und was zum Vorfall in Hallwil führte. Gegenüber der ‹Sonntagszeitung› sagte der heutige Chef der «Hells Angels» 2021: «Ja, mit den ‹Blue Knights› haben wir ein Agree­ment.» Gemeinsam hätten sie die Spielregeln festgelegt, an die sich beide Szenen halten würden. Das bestätigt auch Valentin Landmann, SVP-Kantonsrat und seit Ende der 1970er-Jahre eng mit den «Hells Angels» verbunden, in seinem Büro. Er selbst habe als Anwalt bereits mit Mitgliedern der «Blue Knights» beraten. Stellt die Abmachung mit den «Hells Angels», die sonst für die Anerkennung eines neuen Clubs eine strenge Loyalität voraussetzt, aber kein Pro­blem für die Unabhängigkeit der Polizisten dar? Landmann winkt ab, die beiden Bikerszenen seien vollkommen getrennt voneinander.

 

Rechte Schlagseite

Tatsächlich erscheinen besonders die «Blue Knights» auf den ersten Blick eher als Biedermänner denn als Rebellen: Hier ein lauschiger Höck im zürcherischen Hütten, da eine gemeinsame Sternfahrt ins Entlebuch. Wer aber auf den sozialen Medien recherchiert, merkt, dass dort einige führende Mitglieder ihre politische Schlagseite offenbaren. Etwa der Präsident des «Blue Knight»-Chapter Zürich / Innerschweiz, seinerseits pensionierter Stadtpolizist. Auf verschiedenen Bildern auf Facebook sieht man, dass er auf seiner rechten Brust ein Tattoo mit dem Zahlencode 848 trägt, ein Code, der für «Heil dir Helvetia» steht und gemäss ‹Tages-Anzeiger› «eine beliebte Chiffre der Schweizer Neonazis» ist. Auf Anfrage sagt der ehemalige Zürcher Stadtpolizist und SVP-Gemeinderat in Küsnacht, das Tattoo habe keinen Zusammenhang mit der rechten Szene. Auf die sonstige Bedeutung will er am Telefon aber nicht eingehen. Auch ein anderer Präsident schmückt sich mit fragwürdiger Symbolik. Der Präsident eines anderen Chapters und Stadtpolizist im Dienst hat mehrere Profilbilder auf Facebook mit der sogenannten Thin Blue Line – einem Symbol aus den USA, mit dem besonders auch Rechtsextreme ihre Unterstützung für das brutalen Eingreifen von PolizistInnen gegen Demonstrierende ausdrücken. Ein anderes «Blue Knight»-Mitglied, seinerseits Zürcher Kantonspolizist, postet regelmässig grenzwertige politische Inhalte: Ein Bild von Alain Berset («Ein Arsch»), ein Beitrag eines ehemaligen AfD-Abgeordneten («[I]ch habe die Schnauze voll vom permanenten und immer religiöser werdenden Klima-Geschwafel […]») oder Beiträge aus coronaskeptischen Facebook-Gruppen. 

 

Der Druck steigt

Bisher wurde das alles – die Outlaw-Attitüde, die Abmachung mit den «Hells Angels», die rechte Schlagseite einiger Führungsfiguren – kaum öffentlich thematisiert. Doch seit den Ausschreitungen in Hallwil steht die Szene in der Kritik. Der Kanton Aargau hat im Juli seinem Polizeikorps verboten, in einem der Blaulicht-Motorradclubs Mitglied zu sein. «Eine Mitgliedschaft in einem solchen Club ist mit den Werten der Kantonspolizei Aargau unvereinbar.» Auch in Zürich sind die LEMC wegen dem Vorfall in Hinwil auf der politischen Bühne angekommen. In einer schriftlichen Anfrage wollen Natascha Wey (SP) und Luca Maggi (Grüne) vom Stadtrat wissen, ob es auch Stadtzürcher PolizistInnen gibt, die Mitglieder von LEMC sind und ob der Stadtrat ein Verbot wie im Kanton Aargau prüfe. Valentin Landmann sieht kein Problem in der Mitgliedschaft von PolizistInnen in LEMCs. «Auch PolizistInnen haben ein Recht auf Freizeit und können ausserhalb ihres Dienstes machen, was sie wollen, sofern sie sich ans Gesetz halten.» Es gehe nicht darum, dass man Polizist­Innen vorschreiben wolle, wie diese ihre Freizeit zu gestalten hätten, entgegnet Luca Maggi auf Anfrage. «Aber da der Beruf Voraussetzung für den Beitritt bei der LEMC ist, ist die Trennung zwischen Beruf und Freizeit nicht so klar. Die Polizei ist Hüterin des staatlichen Gewaltmonopols. In einem so sensiblen Bereich bedarf es darum vertiefte Abklärungen.» Die «Blue Knights» waren nicht zu einem Gespräch bereit. «Unter Inkaufnahme einer einseitigen Berichterstattung durch die Medien werden die ‹Blue Knights Switzerland› keine entsprechenden Fragen beantworten», heisst es in einer E-Mail. 

 

 

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